Gekonnte (Streit-)Gespräche fördern Beziehungsglück (Seite 5/7)

Fehler 3: Strafe per Kommunikation

Die drei häufigsten Fehler in Paargesprächen

Es lassen sich besonders bestrafend oder verletzend wirkende Kommunikationsfehler bestimmen, die bewusst oder unbewusst angewendet werden und ein partnerschaftliches Gespräch unmöglich machen. Die Verschleierungs- und Weghör-Regeln stellen einen Überblick über die Tricks und Kniffe, die viele von uns in ihrem Sprachrepertoire haben und auch einsetzen – bewusst oder unbewusst. Sie sind nicht grundsätzlich zu verdammen, sollten aber nur sehr bewusst eingesetzt werden.

Die zweifelhafte Kunst des indirekten Sprechens

Viele Menschen haben die Überzeugung verinnerlicht, nicht auffallen zu dürfen. Deshalb versuchen sie, sich in Gesprächen – auch mit dem Partner – durch eine möglichst indirekte Ausdrucksweise keine persönliche Blöße zu geben. Sie haben gelernt: „Je allgemeiner ich mich ausdrücke, desto weniger kann mich mein Gesprächspartner festnageln.“ Diese Menschen neigen dazu, ihre wahren Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse oder Überzeugungen zu verschleiern.

Alles was ich sage könnte gegen mich verwendet werden:

Erste Verschleierungsregel: Sag’ niemals „ich“ zu Dir!

Statt auf eine persönliche Frage mit einem „Ich“-Satz zu antworten greifen Verschleierer gerne auf „man“, „es“ oder Formulierungen wie „die Erfahrung zeigt, dass…“ zurück und setzen zusätzlich Phrasen und Klischees ein. Auch ein „wir“ oder „Du“ wird von Geübten zur Verschleierung oft eingesetzt. Alle Antworten haben gemeinsam, dass sich die gefragte Person also hinter anderen verschanzt. Die Verschleierungstechniken verunsichern den Fragesteller und je nach Kommunikationsstil des Gesprächspartners kann sich hier sehr rasch ein unfruchtbarer und verletzender Streit entwickeln.

Zweite Verschleierungsregel: Wie es in Dir aussieht, geht niemanden etwas an

Das direkte Aussprechen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse ist verboten. Man antwortet auf persönliche Fragen zum Befinden auch in partnerschaftlichen Gesprächen in Small-Talk-Form, pseudo-sachlich oder mittels ironischer Zuspitzung. Statt möglichst offen über die eigenen Gefühle und Wünsche sprechen, was zu Verständnis für die Lage und auch zu einer schrittweisen Problemlösung führen würde, wird verschleiert. So werden ernst gemeinte Versuche der Kontaktaufnahme verhindert und Gesprächspartner nachhaltig frustriert. 

Dritte Verschleierungsregel: Sag’s weder klipp noch klar!

Statt ein Bedürfnis oder einen Wunsch sofort und direkt anzusprechen, warten Verschleierer oft, bis der Partner mit quasi hellseherischen Fähigkeiten erkennt, was man sich wünscht. Da man darauf meistens sehr lange wartet, baut sich in der Zwischenzeit eine gehörige Portion Ärger, Wut, Enttäuschung auf, der sich nicht selten in einem allgemeinen und verheerenden verbalen Rundumschlag Luft verschafft. So wird z. B. aus einem Partner, der heute nicht beim Abspülen hilft, „ein Pascha, der noch nie einen Finger krumm gemacht hat.“

Die verhängnisvolle Kunst des Nicht-Richtig-Zuhörens

Im westlichen Kulturkreis wird dem Sprecher die wichtigere Rolle zugewiesen. Daher kann wohl oft beobachtet werden, dass – nicht nur bei Streit - beide Gesprächspartner gleichzeitig die Rolle des Sprechers einnehmen. Es gibt also keinen Zuhörer und es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Gesprächspartner niemals zueinander finden werden. Daneben gibt es noch viele andere Wege, dem Sprecher durch falsches Zuhören zu zeigen, dass ich nicht bereit bin, auf ihn einzugehen. Dadurch hält der Zuhörer den Sprecher auf Abstand und gibt sich nicht als Partner zu erkennen. Damit fühlt sich der Zuhörer zwar ein Stückweit sicher und unangreifbar, der Partner allerdings wird sich bestraft und verletzt fühlen und seinerseits versuchen, das Gegenüber zu bestrafen.

Solange ich nicht auf den anderen eingehe, bin ich der „Stärkere“:

Erste Weghör-Regel: Das Pokerface

Es scheint, als würden viele zwischenmenschliche Beziehungen mit einem Pokerspiel verwechseln. Diese Zuhörer begegnen dem Sprecher mit einer versteinerten Miene. Eine andere beliebte Methode ist, mit dem Sprecher keinen Blickkontakt zu halten. Die Folgen sind Unsicherheit und zunehmende Frustration beim Sprecher. Der einfachste und wirksamste Weg dem Sprecher echtes Interesse am Thema und aufmerksames Zuhören zu signalisieren, wäre ihn anzuschauen.

Zweite Weghör-Regel: Immer schön „cool“ bleiben

Diese Regel ist die sprachliche Ergänzung zum nicht-sprachlichen Pokergesicht. Ein Sprecher ist immer auf die Reaktion des Zuhörers angewiesen. Bleibt diese Reaktion komplett aus d.h. der Zuhörer drückt nicht aus, was das Gesagte in ihm auslöst, dann sind Verwirrung, Unsicherheit und Frustration auf Seiten des Sprechers groß. Er kann nämlich nicht einschätzen was vom Gesagten beim Zuhörer wie angekommen ist. Der agierende Partner läuft ins Leere.

Ein Sprecher, der sich dazu durchgerungen hat, seinem Partner etwas „Unangenehmes“ zu sagen und dann an einen Zuhörer gehört, der „cool“ bleibt, wird bestraft, statt für Mut und Offenheit gelobt zu werden. Er wird sich überlegen, ob er zukünftig noch einmal so offen ist. Werden in einer Partnerschaft wichtige Gefühle und Bedürfnisse aus Angst vor Bestrafung durch den anderen nicht mehr angesprochen, so ist diese zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

Dritte Weghör-Regel: Ich weiß eh’ schon was Du sagen willst

Die Anwendung dieser Weghör-Regel signalisiert dem Sprecher, dass ich mich nicht für das Gesagte interessiere, dass mich das alles langweilt, weil ich es eh schon kenne, oder dass ich das alles schon viel besser weiß.

So tun als ob man interessiert und aktiv zuhört, aber bloß keine Fragen stellen, weil man sich nicht die Blöße, des nicht Verstehens geben möchte. Es ist das Wichtigste, das Gesicht zu wahren. Oder mein Gegenüber erzählt mir etwas sehr persönliches von sich. Und ich bin eigentlich auch daran interessiert, wie er sich in der einen oder anderen Situation gefühlt hat. Allerdings frage ich nicht nach aus Angst, der Andere könnte ja auch von mir etwas ganz persönliches erfahren wollen.

Ich höre einem Verschleierer zu. Dieser redet um den heißen Brei herum und kommt nicht auf den Punkt. Aus „Höflichkeit“ unterbreche ich ihn nicht. Wenn der Sprecher irgendwann einmal fragt, ob ich das, was er sagt auch verstehe, kann ich wie folgt antworten:

  • „Natürlich verstehe ich das.“ (Höfliche Form)
  • „Selbstverständlich, so kompliziert ist das ja nun auch wieder nicht.“ (versteckt abwertende Form)
  • „Klar doch, ich bin ja nicht blöd.“ (aggressiv rechtfertigende Form)

Eine andere aggressivere Form dieser „Weghör-Regel“ ist das Unterbrechen des Sprechers mit dem Ziel ihm das Heft aus der Hand zu nehmen und ihm zu zeigen, dass ich als Zuhörer viel besser Bescheid weiß.

Häufig anzutreffen ist auch der zerstreut abwertende und abrupte Themenwechsel. Mein Partner erzählt mir etwas Persönliches (z. B. wie sehr sich auf den gemeinsamen Urlaub freut) und ich wechsele bewusst oder unbewusst das Thema (z. B. wie sehr mich die Politik der Bundesregierung ärgert).

Hintergrund: Belohnen und Bestrafen

Verhalten lernen wir in erster Linie durch Rückmeldungen anderer Menschen aus unserem Umkreis. Diese Rückmeldungen lassen sich grob in Belohnung und Bestrafung unterteilen. In einer Partnerschaft gewinnt der jeweilige Partner größte Bedeutung als „Rückmelder“.

Belohnung: Mir angenehme Rückmeldungen. Sie veranlassen mich, das, wofür ich belohnt worden bin, weiterhin und/oder öfter und intensiver zu tun.

Bestrafung sind alle mir unangenehmen Rückmeldungen. Verhalten, das zu Bestrafung führt, werde ich sehr wahrscheinlich reduzieren oder eher heimlich ausführen.

Es gehört zum Beziehungsalltag, den Partner in eine gewünschte Richtung beeinflussen zu wollen. Allerdings sind sich Menschen häufig nicht bewusst, wie sie ihren Partner durch Belohnung oder viel öfter durch Bestrafung zu beeinflussen versuchen. Oft werden in einer Partnerschaft Loben und Danken vergessen und zur Beeinflussung bleibt somit nur noch die Bestrafung übrig.

Eine häufig eingesetzte Form der Bestrafung  sind die sprachlichen Bestrafungsmöglichkeiten. Diese ergänzen die Körpersprache.

Quelle:

  • Joachim Engel, Franz Thurmaier: „Wie redest Du mit mir? – Fehler und Möglichkeiten in der Paarkommunikation. Herder spektrum, 2009