Gute Gewohnheiten (Seite 5/6)
Psychotherapie und Coaching
Gewohnheiten mit professioneller Unterstützung ändern
Selbst wenn sie möchten, gelingt es manchen Menschen einfach nicht, ihre schlechten Gewohnheiten gegen gute auszutauschen. Das kann der Fall sein, wenn dysfunktionale Verhaltensmuster zu tief eingespurt sind, das kann aber auch an zu viel Dauerstress, Belastungen in der Partnerschaft oder in der Familie liegen.
Wer seine Selbstwirksamkeit noch nicht ausreichend entwickelt hat oder an psychischen Störungen wie Depressionen, Zwang, Angst oder ADHS leidet, für den ist es ohne Unterstützung von außen meist zu schwierig, ein neues System aufzubauen, in dem er gute Gewohnheiten etablieren und aufrechterhalten kann.
Psychotherapie kann in solchen Fällen sehr hilfreich sein, weil an den zugrunde liegenden psychischen Mechanismen gearbeitet wird.
Folgende Psychotherapieverfahren eignen sich besonders für das Entwickeln neuer Gewohnheiten:
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Dieses Psychotherapieverfahren unterstützt Klient:innen dabei, Gewohnheiten direkt auf Verhaltensebene zu verändern. Therapeut:in und Klient:in konzentrieren sich zunächst auf die Identifikation und Veränderung von hinderlichen Denkmustern, zum Beispiel: „Ich schaffe das sowieso nicht“. Anschließend werden neue Gewohnheiten schrittweise mithilfe klarer Verhaltenspläne aufgebaut. Durch den Einsatz von Verstärkung, Selbstbeobachtung und Belohnungssystemen können die Gewohnheiten leichter aufrechterhalten werden.
Bewährte Techniken sind beispielsweise:
Habits Reversal Training: Häufig bei Tics oder schädlichen Gewohnheiten, zum Beispiel Nägelkauen.
Verhaltensmodifikation: Kleine Schritte, positive Verstärkung, Trigger-Management.
Lesen Sie mehr über Verhaltenstherapie.
Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)
Der Fokus dieses Psychotherapieverfahrens liegt auf der Akzeptanz innerer Prozesse, Werteorientierung und dem Commitment zu konkreten Handlungen.
Es hilft Menschen, trotz unangenehmer Gefühle wie Lustlosigkeit oder Frustration, neue Gewohnheiten zu starten, indem es die Verbindung zu persönlichen Werten stärkt, zum Beispiel: „Warum will ich mir diese neue Gewohnheit überhaupt aneignen?“.
Es kommen Techniken wie Achtsamkeitsübungen, Werteklärung oder kleine committed Aktionen zum Einsatz.
Motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing, MI)
Dieses Verfahren ist besonders wirksam bei Menschen, die zwar wissen, dass Veränderung gut wäre, die aber emotional zu blockiert sind, um einen Wandel einzuleiten. Der Schwerpunkt liegt darauf, die eigene Ambivalenz aufzulösen und eine intrinsische Motivation zu stärken. Sie unterstützt den Betroffenen dabei, Schritt für Schritt eigene Motivation aufbauen, statt sich an fremde Vorgaben zu halten.
Systemische Therapie
Das Verhalten wird in den Kontext von Familie, Arbeit oder anderen sozialen Strukturen eingeordnet. Die Gewohnheiten des Betroffenen werden also nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil des sozialen Systems betrachtet. Dieser Ansatz unterstützt den Klienten dabei, Änderungen realistisch in den Alltag zu integrieren.
Meistens ist es sinnvoll, Verhaltenstechniken und psychotherapeutische Unterstützung zu verbinden. Menschen mit tieferliegenden Problemen, zum Beispiel mit einer Depression, ADHS oder Trauma, benötigen häufig zuerst Behandlung der Störung, bevor sie ihre Gewohnheiten zum Positiven verändern können.
Coaching
Coaching füllt die Lücke zwischen reinen Selbsthilfetechniken und Psychotherapie. Es richtet sich an Menschen ohne behandlungsbedürftige psychische Erkrankung, die aber Struktur, Reflexion und Verbindlichkeit brauchen, um neue Gewohnheiten aufzubauen.
Im Coaching zur Gewohnheitsentwicklung haben sich mehrere Ansätze bewährt, die sich in ihrem Fokus ergänzen.
Habit Coaching und Behavioral Coaching
Habit Coaching beziehungsweise Behavioral Coaching konzentriert sich auf die konkrete Umsetzung neuer Routinen im Alltag. Im Mittelpunkt stehen klar definierte, kleine Handlungsschritte, die bewusste Gestaltung von Auslösern sowie regelmäßige Rückmeldungen einüben. Besonders wichtig ist dabei die externe Verbindlichkeit, die vielen Menschen hilft, neue Gewohnheiten tatsächlich zu etablieren.
Systemisches Coaching
Dieser Ansatz betrachtet Gewohnheiten im Kontext sozialer und organisatorischer Strukturen. Es macht sichtbar, wie Umfeld, Rollen und Erwartungen Verhaltensänderungen fördern oder behindern. Damit hilft es, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass neue Routinen langfristig tragfähig werden.
Life Coaching
Diese Form des Coachings ordnet Gewohnheitsänderung in einen größeren Lebenszusammenhang ein. Neue Routinen werden aus persönlichen Werten, Zielen und Sinnfragen heraus entwickelt. Dadurch erhalten sie eine stärkere emotionale Bedeutung und werden nachhaltiger, da sie nicht nur funktional, sondern identitätsstiftend wirken.
Mindset- und Glaubenssatz-Coaching
Der Blick wird auf innere Überzeugungen, die Verhaltensänderungen blockieren können, gerichtet. Durch das Bewusstmachen und Hinterfragen hinderlicher Selbstbilder entstehen neue Denk- und Handlungsspielräume. Dieser Ansatz ist besonders hilfreich, wenn äußere Bedingungen günstig sind, Veränderung aber dennoch immer wieder scheitert.
Motivations- und Performance Coaching
Im Motivations- und Performance Coaching stehen die verfügbare Energie und Fokus und Umsetzbarkeit unter realen Alltagsbedingungen im Vordergrund. Gewohnheiten werden an individuelle Belastungen und Leistungsphasen angepasst, statt an idealisierte Vorstellungen. Dieser Ansatz eignet sich vor allem für Menschen, die unter einem hohen beruflichen oder organisatorischen Druck stehen.
Achtsamkeits- und Selbstregulations-Coaching
Diese Form des Coachings unterstützt Klient:innen dabei, innere Zustände wie Stress, Erschöpfung oder Impulsivität frühzeitig wahrzunehmen und bewusster zu steuern. Neue Gewohnheiten entstehen dabei weniger durch Willenskraft als durch einen veränderten Umgang mit Emotionen und körperlichen Signalen.
Coaching und Psychotherapie haben andere Ziele
Klare Grenze zwischen beiden Ansätzen wichtig
Coaching und Psychotherapie verfolgen unterschiedliche Ziele und richten sich an verschiedene Zielgruppen, auch wenn sie sich in einzelnen Methoden überschneiden können. Coaching ist grundsätzlich zukunfts- und lösungsorientiert. Es ist geeignet für psychisch gesunde Menschen, die ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern, konkrete Ziele erreichen oder neue Gewohnheiten entwickeln möchten. Der Fokus liegt auf den eigenen Ressourcen, Stärken und der praktischen Umsetzung im Alltag. Diagnosen spielen im Coaching keine Rolle, ebenso wenig die Behandlung psychischer Störungen.
Psychotherapie hingegen dient der Behandlung psychischer Erkrankungen oder klinisch relevanter Beschwerden wie Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen oder Aufmerksamkeitsproblemen. Sie umfasst eine diagnostische Abklärung und arbeitet häufig auch mit der Aufarbeitung biografischer, emotionaler oder unbewusster Ursachen. Ziel ist nicht primär Leistungssteigerung oder Verhaltensoptimierung, sondern die Linderung von Leidensdruck und die Wiederherstellung psychischer Gesundheit.
In Bezug auf Gewohnheitsveränderung bedeutet dies, dass Coaching vor allem dann sinnvoll ist, wenn Menschen grundsätzlich handlungsfähig sind, jedoch Struktur, Klarheit oder Verbindlichkeit benötigen, um gewünschte Routinen umzusetzen. Scheitern Gewohnheiten hingegen wiederholt aufgrund ausgeprägter emotionaler Belastungen, innerer Blockaden oder Symptome psychischer Erkrankungen, ist Psychotherapie die angemessenere Form der Unterstützung.
Eine klare Grenze zwischen beiden Ansätzen ist wichtig, da Coaching keine Therapie ersetzt. Gleichzeitig können sich beide Formen sinnvoll ergänzen: Psychotherapie kann die psychischen Voraussetzungen für Veränderung schaffen, während Coaching anschließend hilft, neue Gewohnheiten konkret in den Alltag zu integrieren.