Erfahrungsberichte 'Therapie hat mir geholfen' (Seite 2/11)

„Es war ein langer Weg. Aber jetzt hat sich sehr viel verbessert“

Erfahrungsbericht von Andrea, 42 Jahre, aus Baden-Württemberg, Art der Therapie: Verhaltenstherapie

therapie.de: Was waren die Gründe dafür, eine Therapie zu beginnen? Wie haben Sie den Weg in die Therapie gefunden?

Die Hauptgründe, eine Psychotherapie zu beginnen, waren eine Bulimie und eine Alkoholabhängigkeit. Ich habe insgesamt 23 Jahre lang unter Bulimie gelitten. Dann hat sich herausgestellt, dass ich auch schwere Depressionen, Angstzustände, eine soziale Phobie, Borderline-Symptome und eine schizophrene Psychose habe.

Vor acht Jahren habe ich eine ambulante Verhaltenstherapie begonnen, die jetzt zum Ende des Jahres ausläuft. Der schwerste Schritt war, mir einzugestehen, dass ich es alleine nicht schaffe. Ich habe mich dann meiner Hausärztin anvertraut. Sie hat mich zu einem Psychiater geschickt, und er hat mich zu meiner jetzigen Therapeutin überwiesen. So ging alles schließlich fast von alleine.

Zwischendurch war ich immer mal wieder in stationärer Behandlung. Insgesamt habe ich zweieinhalb Jahre in Kliniken verbracht.

therapie.de: Welche Art von Therapie haben Sie gemacht? Wie lange hat die Therapie gedauert?

Ich war acht Jahre lang in ambulanter Verhaltenstherapie, wobei ich 2013 ein Jahr lang therapiefrei war. Danach bin ich wieder zu meiner altbekannten Therapeutin gegangen, weil ich wieder krank geworden bin. Sie hat mich sofort wieder aufgenommen.

Im ersten Jahr hatte ich jede Woche eine Therapiestunde. Danach haben die Stunden alle zwei Wochen, und später nur noch monatlich stattgefunden.

therapie.de: Wie sah der Ablauf der Therapie aus? Was wurde dort gemacht? Was haben Sie als besonders hilfreich erlebt?

Am Anfang musste ich einen Fragebogen ausfüllen, in dem ich meine Beschwerden schildern sollte und in dem es darum ging, wie das Verhältnis zu meinen Eltern und Geschwistern ist.

Zu Beginn der Therapie hat die Therapeutin mit mir über meine Vergangenheit gesprochen. Wir haben daran gearbeitet, das Verhältnis zu meinen Eltern zu verbessern. Gleichzeitig hat sie mir geholfen, allmählich mein Selbstbewusstsein zurückzugewinnen. Im Lauf der Zeit konnte ich ein ganz tolles Verhältnis zu meinen Eltern und Geschwistern aufbauen. Wir haben in der Vergangenheit viel gestritten – aber nun verstehen wir uns prima, und ich gehe sie oft besuchen.

Parallel dazu haben wir in der Therapie angefangen, intensiv an meinen Beschwerden zu arbeiten. So habe ich nach und nach herausgefunden, was  ich so zum Kotzen fand, dass ich die Bulimie entwickelt habe. Gleichzeitig hat mir die Therapeutin viele Ernährungstipps gegeben. Bei der Arbeit sollte ich zum Beispiel allein – und nicht mit den Kollegen – in die Kantine gehen und die Mahlzeit ganz langsam und konzentriert zu mir nehmen. Am Anfang sollte ich nur halbe Portionen essen, später dann ganze. Anschließend war ich ja wieder mit der Arbeit beschäftigt und konnte deshalb nicht erbrechen. Für abends hat sie mir geraten, nach dem Essen sofort die Wohnung zu verlassen und mindestens eineinhalb Stunden spazieren zu gehen oder ins Kino, Theater, in Ausstellungen oder ähnliches zu gehen. Ich habe gelernt, dass dadurch der Drang zum Erbrechen verschwindet.

Ganz besonders hat mir geholfen, dass ich aufschreiben sollte, wann ich was gegessen hatte, ob ich erbrochen habe und was dem vorausgegangen ist. So kam zum Beispiel heraus, dass mich ein Kollege immer schlecht behandelt hat, und dass das zum Erbrechen führte. Daraufhin hat mir meine Therapeutin beigebracht, wie ich mich ihm gegenüber zur Wehr setzen kann – das hat das Problem schließlich gelöst.

Parallel haben wir an meinem Alkoholproblem gearbeitet – auch, damit ich den Stunden gut folgen konnte. Sie hat mir gesagt, was ich alterativ trinken könnte, zum Beispiel Tee oder Wasser. Abends sollte ich spazieren gehen oder ins Kino oder irgendwohin gehen, wo ich keinen Kontakt zu Alkohol habe. Auch Sport hat sie mir empfohlen, aber weniger als ich früher gemacht habe, als ich noch Halbmarathonläuferin war. Und immer, wenn ich einen Tag ohne Alkohol geschafft hatte, durfte ich ihr eine Mail schreiben – denn sie weiß, dass ich liebend gerne maile.

Für beide Krankheiten hat sie mir auch geraten, Volkshochschulkurse zu besuchen, damit ich abgelenkt war. Dadurch habe ich gleichzeitig auch an meiner Angst vor Menschen gearbeitet, weil diese Kurse ja in Gruppen stattfinden. Außerdem habe ich Wandergruppen besucht und mich bei Freizeittreffs angemeldet. Später kamen dann Urlaube alleine dazu, weil ich wegen der Angst vor Menschen nicht an Gruppenreisen teilnehmen wollte. Auch gegen meine Angstzustände hat mir die Therapeutin viele hilfreiche Tipps gegeben – zum Beispiel, mich zügig zu bewegen. Das hat mir auch gut geholfen.

Außerdem hat sie mir Entspannungs-CDs und Autogenes Training empfohlen. Letzteres habe ich in der Volkhochschule und auch alleine mit CDs geübt. So wurde ich insgesamt wieder ruhiger.

Da ich zwischendurch mit meinem Haushalt nicht zurechtgekommen bin, haben wir auch einen Plan aufgestellt, wie ich nach und nach wieder Ordnung in mein Zuhause bekommen kann, so dass ich mich dort wieder wohlfühlen konnte.

Mit all den Aktivitäten gingen automatisch auch die Depressionen zurück. Zur Unterstützung habe ich auch Medikamente eingenommen. Inzwischen sind die Depressionen nicht mehr vorhanden. Auch die Borderline-Störung ist deutlich besser geworden – ich ritze nun schon seit Jahren nicht mehr. Meine Psychose ist zwar noch nicht ganz ausgeheilt. Aber dank der Unterstützung der Therapeutin und durch die Medikamente ist sie schon deutlich besser geworden.

therapie.de: Wie war Ihr Verhältnis zur Therapeutin? Was war charakteristisch am Verhalten der Therapeutin?

Meine Therapeutin ist eine kompetente, hilfsbereite und liebevolle Frau. Ich konnte zu ihr sofort Vertrauen aufbauen und auch über die privatesten Dinge mit ihr sprechen. Sie ist einfühlsam, hört gut zu und merkt sich alles. Und sie strahlt ganz viel Wärme und Vertrauen aus. Es ist schön, alle zwei Wochen 50 Minuten für mich zu haben, in denen ich über alles sprechen kann, was mich bewegt, und auf alles eine hilfreiche Antwort zu bekommen.

Außerdem ist meine Therapeutin geduldig und hat nie geschimpft, auch wenn ich ihre Ratschläge mal nicht in die Tat umgesetzt habe. Sie hat immer ganz ruhig mit mir gesprochen und mir alles genau erklärt. Dann hat sie von vorne mit mir begonnen oder einen anderen Weg gewählt. Dabei hat sie immer das Positive in mir gesehen und mir meine Stärken aufgezeigt.

Sie hat mir auch per E-Mail Unterstützung bei der Umsetzung ihrer Ratschläge gegeben. Ich konnte sie jederzeit per E-Mail erreichen und ihr auch in dringenden Notfällen schreiben. So hatte ich zwischen den Sitzungen immer eine Ansprechpartnerin. Wenn es mir sehr schlecht ging, hat sie auch Notfalltermine vergeben.

Insgesamt hat sie mir in all den Jahren in allen Belangen geholfen und mich immer so genommen, wie ich einfach bin. Am Anfang war es für sie bestimmt nicht einfach, weil sie mir jedes Wort aus der Nase ziehen musste. Aber sie ist immer geduldig geblieben.

Ich bin wirklich froh, dass ich eine so gute Therapeutin gefunden habe!

therapie.de:  Was war bei Ihnen selbst (bei Ihren Einstellungen, Ihrem Verhalten) wichtig für die Therapie?

Sehr wichtig war für mich, dass ich nach und nach mein Selbstbewusstsein zurückgewonnen habe. Dadurch konnte ich mit der Zeit auch die Scham über meine Krankheiten, die ich am Anfang gar nicht als Krankheiten akzeptiert habe, überwinden. Allmählich habe ich gelernt, dazu zu stehen, was in der Vergangenheit war.

Außerdem habe ich in der Therapie von Anfang an kräftig mitgearbeitet – denn so wie bisher wollte ich nicht weiterleben. Dabei hat mir auch meine damalige Partnerschaft geholfen, die mir sehr wichtig war. Alle meine Krankheiten haben sich störend auf die Partnerschaft ausgewirkt, und ich wollte für ihn und für uns etwas verändern.

Dabei hat es sehr geholfen, dass meine Therapeutin mir viel Lob zugesprochen hat –schon für die ersten, kleinen erfolgreichen Schritte. Das hat mich sehr motiviert, weiterzumachen. Und auch, wenn es zwischendurch mal nicht so gut oder sogar schlechter lief als vorher, habe ich es – auch mithilfe meiner Therapeutin, die mir viel Mut gemacht hat – geschafft, nicht aufzugeben, sondern es immer weiter zu probieren.

Auch in meiner Freizeit habe ich für mich allein daran gearbeitet, etwas zu verbessern. Zum Beispiel habe ich die Aufgaben erledigt, die mir die Therapeutin gegeben hat, habe Bücher gelesen, die sie mir empfohlen hat, und habe meine Freizeitgestaltung deutlich verbessert.

therapie.de: Gab es auch mal schwierige Situationen während der Therapie?

Am Anfang war es schon so, dass ich von Therapiestunde zu Therapiestunde gelebt habe. Und wenn meine Therapeutin mal einen Termin absagen musste, bin ich in ein Loch gefallen. Aber das kam zum Glück nur ganz selten vor.

Im Großen und Ganzen konnte ich aber alle Maßnahmen und Tipps gut umsetzen. Natürlich gab es auch immer mal wieder Rückschläge, wo ich in alte Verhaltensmuster zurückgerutscht bin. Zum Beispiel bin ich wieder in die Essstörung gerutscht oder habe zu viel Alkohol getrunken. Dann war ich sehr traurig und habe an mir selbst gezweifelt, weil vorher ja alles schon besser war.

Die Therapeutin hat dann trotzdem mit mir weitergearbeitet und hat mir die gleichen Methoden noch einmal erklärt und zusätzlich neue Wege aufgezeigt. Außerdem hat sie mich beruhigt, dass Rückschläge einfach dazugehören. Sie hat mich aus den Tiefen herausgeholt, bis es mir wieder besser ging.

In manchen Phasen der Therapie war ich auch zu abhängig von der Therapeutin und habe nichts mehr alleine entscheiden können. Aber das ist jetzt viel besser geworden. Wir beleuchten nun die Dinge, die ich alleine entschieden habe, und schauen, ob alles richtig war oder ob es besser hätte verlaufen können.

therapie.de: Was hat sich inzwischen alles verbessert? Was möchten Sie noch weiter verbessern?

Jetzt, am Ende der Therapie, hat sich so gut wie alles verbessert. Meine verschiedenen Erkrankungen sind teilweise schon seit Jahren ausgeheilt. So bin ich bei der Bulimie nun seit zwei Jahren beschwerdefrei. Meine Alkoholabhängigkeit habe ich auch in den Griff bekommen. Gegen die Depressionen und die Schizophrenie muss ich allerdings weiter Medikamente nehmen, da kann keine Psychotherapeutin helfen. 

Ich freue mich jetzt zwar immer noch, meine Therapeutin zu sehen und mit ihr sprechen zu können. Aber ich kann nun wieder gut für mich alleine sorgen. Von daher ist es völlig in Ordnung, wenn die Therapie jetzt zu Ende geht.

therapie.de: Was tun Sie jetzt, damit es Ihnen weiterhin gut bzw. besser geht?

Ich werde die verschiedenen Dinge, die ich in der Therapie gelernt habe, auf jeden Fall weiter beibehalten. Ich tue weiterhin alles, was mir gut tut, und gehe Stress so gut wie möglich aus dem Weg. Das mache ich allerdings alleine – in eine Gruppe oder Ähnliches möchte ich nicht mehr gehen.

Ich habe eine Freundin gefunden, mit der ich jede Woche zweimal zum Walken gehe. So habe ich genug Bewegung, und ansonsten lasse ich es mir einfach gut gehen. Ich gehe weiterhin spazieren, gehe ins Kino oder ins Theater und reise viel. Obwohl ich nicht mehr arbeite, kann ich mich gut beschäftigen und langweile mich sehr selten.

Außerdem gehe ich weiterhin zu einer Psychiaterin, die mir die Medikamente verschreibt. Mit ihr kann ich auch kurze Gespräche führen, wenn etwas anliegen sollte.

Insgesamt würde ich sagen, dass mir die Psychotherapie hervorragend geholfen hat. Jetzt kann ich unbeschwert und glücklich leben.

Interview: Dr. Christine Amrhein