Behandlung seelischer Verletzungen nach äußerst belastenden Ereignissen (Seite 3/6)

Psychotherapeutische Ansätze in der Traumatherapie

Es gibt eine ganze Reihe psychotherapeutischer Verfahren zur Behandlung eines Traumas.

Therapeutenliste Traumatherapie / EMDR

Dabei ist das Vorgehen in verschiedenen Therapierichtungen, zum Beispiel in der kognitiven Verhaltenstherapie und der psychoanalytischen Therapie, häufig recht ähnlich. Im Zentrum steht dabei immer das erneute Durchleben der wesentlichen Erlebnisse des Traumas.

Die Behandlung sollte immer bei einem erfahrenen Traumatherapeuten stattfinden. Dieser wird sein Vorgehen in der Therapie nach der Schwere und Art der Traumatisierungen, den Symptomen und dem Vorliegen weiterer psychischer Erkrankungen ausrichten.

Ziel ist es, das Trauma einerseits gründlich, andererseits möglichst schonend zu bearbeiten. Eine Expositionsbehandlung sollte daher immer nur dann durchgeführt werden, wenn die Patienten ausreichend psychisch stabil sind.

Zudem werden in der Traumatherapie häufig verschiedene Ansätze bzw. Verfahren nach Bedarf miteinander kombiniert – auch wenn der Therapeut in erster Linie z. B. tiefenpsychologisch oder verhaltenstherapeutisch arbeitet.

  1. Kognitive Verhaltenstherapie
  2. EMDR (nach Shapiro)
  3. Somatic Experiencing nach Peter Levine
  4. Schonende Traumatherapie
  5. Psychodynamische Psychotherapie
  6. Imagery Rescripting (nach Smucker)
  7. Narrative Konfrontation (narrative Expositionstherapie)
  8. Life Review-Technik bei älteren Patienten (nach Maercker und Zöllner)
  9. Gestalttherapie
  10. Familien- und Paartherapie
  11. Kultursensitive Therapie
  12. Weitere Therapieansätze

Kognitive Verhaltenstherapie

Bei dieser Therapieform geht es darum, Denk- und Verhaltensmuster zu verändern, die durch das Trauma entstanden sind und sich auf das weitere Leben der Betroffenen ungünstig auswirken.

Am Anfang wird mit dem Patienten ein individuelles Störungsmodell erarbeitet, aus dem die geplanten Veränderungen abgeleitet werden.

Bei einer kognitiven Verhaltenstherapie werden vor allem Methoden der kognitiven Umstrukturierung und der Traumakonfrontation eingesetzt. Diese können auch miteinander kombiniert und durch weitere Methoden, zum Beispiel EMDR, narrative Konfrontation oder Paar- und Familientherapie ergänzt werden.

Typisch für diese Art der Therapie ist ein strukturiertes Vorgehen, bei dem jede Therapiestunde zusammen mit dem Patienten geplant wird und zwischen den Sitzungen Hausaufgaben (Übungen) aufgegeben werden.

Bisher ist die Wirksamkeit für die kognitive Verhaltenstherapie und die EMDR in Studien am besten belegt.

Therapeutenliste Verhaltenstherapie

Kognitive Therapie (nach Ehlers und Clark)

Bei der kognitiven Umstrukturierung werden ungünstige Einstellungen und Denkmuster identifiziert und allmählich durch günstigere Sichtweisen ersetzt. Dabei werden zum einen ungünstige Einstellungen, die sich auf das Trauma und seine Folgen beziehen, verändert. Zunächst erarbeitet der Therapeut mit dem Patienten die Momente des Traumas, die besonders belastend sind (so genannte „Hot Spots“) und die damit verbundenen ungünstigen Einstellungen (zum Beispiel: „Ich bin schuld, dass es passiert ist“). Sie werden mithilfe von Gesprächen (dem so genannten sokratischer Dialog) verändert. Anschließend wird die veränderte Sichtweise aktiv in die übrige Erinnerung an das Trauma eingebunden, zum Beispiel mithilfe von Vorstellungsübungen.

Weiterhin werden Reize, die traumatische Reaktionen hervorrufen, identifiziert und eine Integration der traumatischen Erinnerungen gefördert. Dazu soll der Patient eine zusammenhängende Erzählung des Traumas entwickeln, die vor dem Trauma beginnt und danach – wenn er sich wieder in Sicherheit befindet – endet. Der Patient soll sich die Geschehnisse entweder in Gedanken vorstellen (imaginative Konfrontation) oder die Ereignisse aufschreiben. Auf diese Weise sollen Flashbacks und sich aufdrängende Erinnerungen an das Trauma verringert werden.

Schließlich kann es sein, dass ein Patient Gedanken an das Trauma vermeidet oder Orte nicht mehr besucht, die ihn an das Geschehen erinnern. Dies kann zur Aufrechterhaltung der Symptome beitragen. Therapeut und Patienten identifizieren diese ungünstigen Gedanken und Verhaltensweisen gemeinsam und besprechen, wie sie durch günstigere Gedanken und Verhaltensweisen ersetzt werden können.

Langdauernde Konfrontation in sensu (nach Foa und Rothbaum)

Das Ziel der Konfrontation in sensu ist es, durch die wiederholte Erinnerung und Auseinandersetzung mit dem Trauma eine Verarbeitung der Geschehnisse zu fördern. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Konfrontation in sensu Flashbacks, sich aufdrängende Erinnerungen und Symptome der Übererregung wirksam reduzieren kann.

Vor der Konfrontation wird mit dem Patienten besprochen, dass es durch die Übungen vorübergehend zu einer erhöhten Belastung kommen kann. Gleichzeitig erfährt er, dass die Konfrontation langfristig zu einer deutlichen Besserung beiträgt – und wird so motiviert, die Übungen tatsächlich durchzuführen.

Zunächst stellen Therapeut und Patient eine Liste mit den am meisten belastenden Erinnerungen zusammen. Währen der Konfrontation wird der Patient aufgefordert, sich detailliert an ein Ereignis aus der Liste zu erinnern. Dabei soll er sich die Szene möglichst real vorstellen und in der Gegenwartsform darüber berichten. Alle paar Minuten bittet der Therapeut ihn, seine momentane Anspannung und seine Gefühle zu beschreiben. Die Beschreibung der traumatischen Szene wird so lange wiederholt, bis die Angst und Erregung deutlich nachlassen. Außerdem achtet der Therapeut darauf, dass die Erregung zum Ende der Therapiestunde deutlich zurückgeht, so dass der Patient in ruhigerem Zustand nach Hause gehen kann. Zwischen den Stunden soll er sich dann die Tonbandaufnahme der Sitzung als Hausaufgabe erneut anhören.

Fallbeispiel: Traumakonfrontation in sensu*


Frau Z., 28 Jahre alt, wird spät am Abend auf dem Nachhauseweg mit dem Fahrrad von drei Männern überfallen und in die Büsche gezerrt. Einer von ihnen hält sie fest, während die anderen zwei sie vergewaltigen. Anschließend drohen ihr die Täter, sie umzubringen, wenn sie die Polizei anrufen sollte. Frau Z. kann sich später nicht erinnern, wie sie nach dem Vorfall nach Hause gekommen ist.

In der Konfrontation in sensu, die nach einer Stabilisierungsphase stattfindet, soll Frau Z. sich, angeleitet durch die Therapeutin, das traumatische Geschehen mit geschlossenen Augen detailliert vorstellen und in der Gegenwart darüber berichten. Die Therapeutin fordert sie auf, die Gefühle und Gedanken, die dabei auftreten, nicht unterdrücken. Dabei hört sie der Patientin aufmerksam zu, ermutigt sie, weiter über die Situation zu berichten und lobt sie für ihre Bereitschaft und ihren Mut, sich mit der belastenden Erfahrung auseinanderzusetzen. Die Konfrontation wird so lange weitergeführt, bis Frau Z. deutlich weniger Angst und körperliche Erregung empfindet. Dabei kann sie selbst bestimmen, wie schnell sie vorgeht und ob sie vorzeitig mit der Konfrontation aufhören möchte. Nach der Sitzung bekommt Frau Z. die Hausaufgabe, sich die Aufzeichnung der Therapiesitzung zuhause in Ruhe anzuhören.

Langdauernde Konfrontation in vivo

Mit der Konfrontation in vivo ist nicht gemeint, dass das Trauma nachgestellt wird oder der Patient sich in objektiv gefährliche Situationen begeben soll. Stattdessen ähnelt das Vorgehen der Konfrontation bei der Therapie von Angststörungen: Der Patient soll sich mit Situationen auseinandersetzen, die bei ihm, ausgelöst durch das Trauma, starke Angst hervorrufen oder die er vermeidet – zum Beispiel bestimmte Orte oder Verkehrsmittel.

Die Konfrontation wird im Vorfeld genau geplant: Es wird besprochen, wann, wo und wie lange die sie stattfinden soll. Dabei soll der Patient auch Dinge weglassen, die ihm vermeintlich Sicherheit vermitteln. Anschließend suchen Patient und Therapeut gemeinsam die vermiedenen Situationen auf. Um eine Auseinandersetzung mit den Ängsten zu fördern, lenkt der Therapeut die Aufmerksamkeit des Patienten auf die angstauslösenden Aspekte der Situation und auf seine Symptome der Angst wie Herzklopfen oder Schwitzen. Er soll so lange in der Situation bleiben, bis die Angst deutlich nachlässt. Anschließend kann er für sich alleine üben, die gefürchteten Situationen aufzusuchen. Dabei wird jede Übung in der Therapie genau geplant und in der darauf folgenden Stunde noch einmal besprochen.

EMDR (nach Shapiro)

Die EMDR („Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, deutsch: „Augenbewegungs-Desensibilisierung und Wiederverarbeitung“) wurde speziell für die Behandlung traumatischer Störungen entwickelt. Sie wird oft im Rahmen anderer Therapieformen, zum Beispiel der kognitiven Verhaltenstherapie oder der psychodynamischen Therapie angewendet.

Hier soll sich der Patient, angeleitet durch den Therapeuten, an das traumatische Ereignis erinnern und dabei seine Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen wahrnehmen. Gleichzeitig bewegt der Therapeut einen Finger rasch hin und her, und der Patient soll der Bewegung mit den Augen folgen. Die Vorstellung der traumatischen Situation wird so oft wiederholt, bis die Angst und Erregung deutlich abgenommen haben.

Die rasche Augenbewegung soll dazu beitragen, beide Gehirnhälften intensiv zu stimulieren, so dass blockierte oder nicht integrierte Erinnerungen an das Trauma „gelöst“ und verarbeitet werden können.

Laut Shapiro kann das Trauma auf diese Weise schneller verarbeitet und besser in die übrigen Erinnerungen integriert werden.

Bisher ist noch nicht im Detail verstanden, auf welche Weise die EMDR-Methode wirkt. Forscher nehmen an, dass durch die raschen Augenbewegungen die Informationsverarbeitung im Gehirn gefördert wird. Einige Studien deuten aber darauf hin, dass vor allem die Konfrontation mit dem Trauma und seine Neubewertung hilfreich sind und die schnellen Augenbewegungen nicht unbedingt notwendig sind.

Somatic Experiencing nach Peter Levine

Das Somatic Experiencing (SE) ist eine körperorientierte Methode der Traumatherapie, in der vor allem mit den körperlichen Prozessen gearbeitet wird. Dabei werden die anhaltenden Reaktionen auf das Trauma aufgegriffen und sollen zu einer Lösung geführt werden. Auf diese Weise kann das Gefühl der Erstarrung und Lähmung, das durch das Trauma entsteht, allmählich durch ein Gefühl der Lebendigkeit abgelöst werden. Der Betroffene fühlt sich nun wieder in der Lage, neue Möglichkeiten zu verwirklichen.

Zunächst werden auch beim Somatic Experiencing Ressourcen erarbeitet. Sie werden später in der Traumaexposition mit den traumatischen Ereignissen in Verbindung gebracht, so dass sich eine neue körperbezogene Erfahrung bilden kann. Die Therapie findet vor allem im Gespräch statt. Dabei lenkt der Therapeut die Aufmerksamkeit des Patienten auf die Körperwahrnehmung. Dadurch kann er die mit dem Trauma verbundenen biologischen Prozesse vollständig durchlaufen, so dass sich die traumatischen Symptome allmählich auflösen. Im Gespräch greift der Therapeut zum Beispiel Stimmungen, körperliche Zustände oder Bewegungen des Patienten auf und arbeitet sie mithilfe der Ressourcen durch.

Auch das Somatic Experiencing gilt als eine besonders schonende Methode der Traumabearbeitung, die sich durch ein schrittweises Vorgehen auszeichnet.  Hier werden hier spezielle auf den Körper bezogene Übungen durchgeführt, durch die der Patient die traumatischen Erfahrungen bewältigen soll.

Sind die traumatischen Ereignisse emotional sehr belastend, kann auch ohne die bewusste mentale Erinnerung sondern nur  mit den „Körpererinnerungen“ an die traumatischen Ereignisse gearbeitet werden. Auf diese Weise soll eine Überforderung oder die erneute Traumatisierung vermieden werden.

Hintergrund:

Das Somatic Experiencing wurde vom Psychologen Peter Levine entwickelt. Er ging davon aus, dass die Reaktionen auf ein traumatisches Ereignis vor allem vom Stammhirn gesteuert werden und sich deshalb vor allem auf körperliche Prozesse beziehen. In einer extrem bedrohlichen, ausweglosen Situation sind nach Levine drei biologische Reaktionen möglich: Flucht, Kampf und Erstarrung. Werden diese Reaktionen nach dem traumatischen Ereignis nicht vollständig durchlaufen, bleibt der Körper längere Zeit in einem Alarmzustand und reagiert so, also ob das traumatische Ereignis aus der Vergangenheit immer noch besteht. Dadurch kommt es zu den typischen psychischen und somatischen Symptomen einer PTBS, wie Angst, Wut, übersteigerter Aktivität, Schlafstörungen oder chronischen Schmerzen.

Schonende Traumatherapie

Bei der schonenden Traumtherapie, die vom Traumatherapeuten Martin Sack entwickelt wurde, soll die Belastung der Patienten während der Konfrontation mit den traumatischen Erinnerungen möglichst gering gehalten werden. Es soll aber dennoch eine Integration und Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen erreicht werden. Auf diese Weise soll es den Patienten relativ früh in der Therapie ermöglicht werden, traumatische Erinnerungen zu bewältigen.

Bei der schonenden Traumatherapie werden Techniken eingesetzt, durch die der Patient während der Konfrontation eine gewisse Distanz zu den traumatischen Erinnerungen  beibehalten kann, so dass er weniger stark emotional belastet wird. Gleichzeitig werden während der Konfrontation gezielt hilfreiche und unterstützende Vorstellungen aktiviert, die dem Betroffenen helfen sollen, die Erinnerungen zu bewältigen. Darüber hinaus kann sich der Patient beim Durcherleben der traumatischen Erinnerungen einen positiven Ausgang der Ereignisse vorstellen.

Psychodynamische Psychotherapie

Der Schwerpunkt der psychodynamischen Therapie liegt darin, die unbewussten Wirkungen des Traumas auf den Patienten herauszufinden und zu behandeln. Dabei wird zum Beispiel erarbeitet, wie das Trauma die persönlichen Werte des Patienten verändert hat.

In einer psychodynamischen Therapie versucht der Behandler, das Beziehungsgeschehen in der Therapie, also die Gefühle und Verhaltensweisen, die zwischen ihm und dem Patienten auftreten, zu verstehen. Dabei verhält er sich jedoch nicht weitgehend neutral (wie in klassischen psychoanalytischen Therapien), sondern geht auf den Patienten wertschätzend und unterstützend ein. Dabei sollte er sich in den Patienten einfühlen, gleichzeitig aber genügend Distanz bewahren, um nicht selbst zu stark durch das traumatische Geschehen belastet zu werden.

Weiterhin werden auch in der psychodynamischen Therapie Bewältigungsstrategien vermittelt, Ressourcen aktiviert und Entspannungstechniken eingesetzt.

Psychodynamische imaginative Traumatherapie (nach Reddemann)

Ein psychodynamischer Ansatz, der unterschiedliche Behandlungsmethoden miteinander kombiniert, wurde von Luise Reddemann entwickelt.

Ein wesentlicher Aspekt dieser Therapiemethode besteht darin, dass die Patienten Vorstellungsbilder entwickeln, mit denen sie die traumatischen Symptome besser kontrollieren können und die ihnen mehr psychische Stabilität geben sollen.

Auf diese Weise machen die Betroffenen zugleich die Erfahrung, dass sie die vorher unkontrollierbaren Symptome wie Flashbacks oder sich aufdrängende Erinnerungen besser kontrollieren können.

So lernen die Patienten zum Beispiel, sich einen „sicheren Ort“ vorzustellen, an dem sie sich wohlfühlen und vor den Eindrücken des Traumas geschützt sind. Bei der „Tresorübung“ stellen sie sich vor, belastende Erinnerungen in einen Tresor „wegzupacken“, so dass sie diese nach und nach selbst wieder hervorholen zu können. Darüber hinaus wird mit verschiedenen inneren Anteilen des „Ich“ gearbeitet, zum Beispiel mit dem „inneren Kind“ und dem „Erwachsen-Ich“. Diese umfassen typische Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen, die der Patient als kleines, hilfloses Kind hatte bzw. als eher rational denkender Erwachsener hat.

Die Vorstellungsbilder werden auch während der Konfrontation mit dem Trauma eingesetzt. Dies soll sicherstellen, dass die Patienten nicht von den traumatischen Erinnerungen überwältigt werden, sondern es schonend und Stück für Stück verarbeiten können.

Es wird angenommen, dass durch das imaginative Verfahren tiefere Schichten der Persönlichkeit erreicht werden und es dadurch zu einer tieferen psychischen Verarbeitung der Probleme bzw. der traumatischen Erlebnisse kommt.

Fallbeispiel: Traumakonfrontation in der imaginativen Traumatherapie**


Herr E., 37 Jahr alt, arbeitet als Unfallarzt. Nach einem Einsatz bei einem Unfall mit mehreren Toten spürt er plötzlich Ängste, sieht die Geschehnisse immer wieder vor sich und bemerkt eine starke Anspannung und schnelle Erregbarkeit. In der Therapie stellt sich heraus, dass das Ereignis bei ihm Erinnerungen an einen Autounfall ausgelöst hat, in den er selbst als Kind verwickelt war.

Bei der Konfrontation setzt die Therapeutin die so genannte Bildschirmtechnik ein. Der Patient und die Therapeutin sitzen nebeneinander und stellen sich einen Bildschirm vor, auf den sie beide schauen. Nun soll Herr E. das Ereignis aus seiner Kindheit beschreiben, als ob er es als Außenstehender auf dem Bildschirm sieht – zum Beispiel: „Der Junge macht gerade das und das“. Dabei kann er sich eine Fernbedienung vorstellen, mit der er das Bild kleiner machen, den Ton abstellen oder den Fernseher ganz abschalten kann. Auf diese Weise kann er selbst bestimmen, wie intensiv er sich mit der traumatischen Erinnerung auseinandersetzt oder ob er vorzeitig aufhören möchte.

Weil Herr E. am Ende der ersten Konfrontationsstunde noch deutlich belastet wirkt, leitet die Therapeutin ihn an, die Erinnerungen in seiner Vorstellung „in einen Safe zu stecken“, damit er in der nächsten Stunde weiter daran arbeiten kann.

Beim zweiten Durchgang regt die Therapeutin Herrn E. an, während der Vorstellung des Traumas noch stärker seine Gefühle, Gedanken und körperlichen Empfindungen zu beschreiben. Die Übung wird so lange weitergeführt, bis Herr E. deutlich weniger Angst und Erregung empfindet und die Erinnerungen an das Trauma in seine übrigen Kindheitserinnerungen integrieren kann. Am Ende, soll Herr E. „dem kleinen Jungen“, der er damals war, Trost spenden und ihm das geben, was er zur Unterstützung braucht.

Imagery Rescripting (nach Smucker)

Diese Methode (deutsch: „Bild-Neuschreiben“) wird vor allem bei sexuellen Traumatisierungen in der Kindheit eingesetzt, die im Erwachsenenalter behandelt werden. Es wird angenommen, dass sie bei Patientinnen mit einer schweren Traumatisierung günstig ist, weil sie schonender wirkt als eine direkte Konfrontation in sensu.

Zunächst entwickeln die Betroffenen Vorstellungsbilder, mit denen sie sich selbst beruhigen und die traumatischen Erfahrungen bewältigen können. Dadurch sollen nicht nur die Symptome der PTBS verringert, sondern auch die traumatischen Bilder „neu geschrieben“ werden. So lernt die Patienten zu Beginn der Therapie, sich die eigene Person als Kind („Kind-Ich“) und zum jetzigen Zeitpunkt („Erwachsenen-Ich“) vorzustellen.

Später findet eine Konfronation in sensu statt, bei der die Patientin sich vorstellen soll, wie sie als Erwachsene auf das Verhalten des Täters reagiert hätte. Gleichzeitig kann sie das „Kind-Ich“ in ihrer Vorstellung aus der Missbrauchs-Situation befreien und ihm Trost und Unterstützung geben.

Narrative Konfrontation (narrative Expositionstherapie)

Narrative (erzählende) Verfahren werden meist als Teil einer umfangreicheren Therapie eingesetzt. Ziel dabei ist, die in der Erinnerung getrennten Elemente des Traumas zu einer Geschichte zusammenzufügen und sie in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren.

Gleichzeitig finden die Patienten dabei oft einen Sinn oder eine Bedeutung in den traumatischen Ereignissen.

Hierbei werden die Patienten gebeten, ihre traumatischen Erlebnisse schriftlich festzuhalten und zugleich auch ihre Gefühle und Gedanken zu beschreiben. Dies kann entweder in der Therapiestunde oder als Hausaufgabe zwischen den Stunden stattfinden. Studien belegen, dass diese Therapieform bei leichteren und auch bei schwereren Traumata wirksam ist.

Life Review-Technik bei älteren Patienten (nach Maercker und Zöllner)

Bei der Life Review-Technik („Lebens-Rückblicks-Technik“) sollen die Patienten eine Bilanz aus den positiven und negativen Erinnerungen in ihrem Leben ziehen. Ziel dabei ist, dass die Erinnerung an das Trauma nicht alle übrigen Erinnerungen dominieren. Weiterhin werden die traumatischen Erinnerungen identifiziert und in die Form einer Geschichte gebracht, so dass das Trauma auf diese Weise verarbeitet werden kann.

Gleichzeitig wird der Patient in seinen Stärken und günstigen Bewältigungsstrategien bestärkt. Schließlich versucht der Therapeut, ihm eine neue Sichtweise des Traumas zu ermöglichen, bei dem er in dem Erlebten einen Sinn finden kann. So hat das Trauma den Patienten möglicherweise auch in positiver Hinsicht verändert, zum Beispiel, weil er seitdem bewusster lebt oder intensivere Beziehungen zu seinen Mitmenschen hat.

Gestalttherapie

Bei der Gestalttherapie wird besonders darauf Wert gelegt, den wechselseitigen Einfluss zwischen Körper, Geist und Seele und die Zusammenhänge zwischen dem Patienten und seinem sozialen Umfeld zu berücksichtigen. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die so genannte Kontaktgrenze zwischen dem Einzelnen und seiner Umwelt.

So kann es sein, dass jemand nach einem Überfall oder einem sexuellen Missbrauch die Kontaktgrenze zu anderen nicht mehr spürt. Das kann dazu führen, dass er oder sie natürliche Bedürfnisse unterdrückt oder verleugnet, was dann oft problematische Verhaltensweisen und psychische Probleme auslöst. Zum Beispiel kann es sein, dass eine Patientin nach einer Vergewaltigung körperliche Nähe auch zu anderen, nahestehenden Menschen als unangenehm empfindet und verweigert. Die Betroffenen müssen erst wieder lernen, eigene Bedürfnisse zu erkennen und Grenzen zu setzen.

Gestalttherapeutische Techniken, die den Ausdruck von Gefühlen fördern, werden in der Traumatherapie nur mit Vorsicht eingesetzt, damit die Patienten nicht von starken Gefühlen, die mit dem Trauma verbunden sind, überwältigt werden.

Therapeutenliste Gestalttherapie

Familien- und Paartherapie

Wenn jemand von einer PTBS betroffen ist, fühlen sich oft auch der Partner und die nahen Angehörigen durch die Symptomatik stark belastet. So kommt es durch das Vermeidungsverhalten und die emotionale Betäubung oft zu Beziehungsproblemen, und die Symptome der starken Erregung und Wut können auch zu Gewalt in Beziehungen führen.

Um schwierige Situationen und Konflikte mit dem Partner oder anderen Familienmitgliedern zu lösen, kann eine Familien- oder Paartherapie sinnvoll sein. Oft werden auch neben der Einzeltherapie von Zeit zu Zeit Paar- und Familiengespräche durchgeführt.

Hilfreich ist für die Familienmitglieder oft eine Psychoedukation, bei der sie Informationen über die typischen Symptome der PTBS erhalten und so lernen, das Verhalten ihres Angehörigen besser zu verstehen. Dabei können sie gleichzeitig erfahren, wie sie den Betroffenen am besten unterstützen können.

In den Paar- und Familiengesprächen lernen die Beteiligten außerdem, besser miteinander zu kommunizieren und gemeinsam Lösungen für die Probleme zu finden. So üben sie zum Beispiel, ihre Gefühle mitzuteilen, die Gefühle der anderen besser wahrzunehmen, ihre Selbstsicherheit zu stärken und Wünsche oder Kritik angemessen zu äußern.

Therapeutenliste Schwerpunkt Paare und Familien

Kultursensitive Therapie

Bei einer Therapie mit Patienten aus anderen Kulturen sollte der Therapeut sein Vorgehen immer klar und nachvollziehbar beschreiben, damit sich der Patient in der Therapie sicher fühlt und eine vertrauensvolle Beziehung zwischen ihm und dem Therapeuten entstehen kann.

Zwar sind die Symptome einer PTBS in verschiedenen Kulturen ähnlich – allerdings müssen bei Patienten aus einer anderen Kultur deren kulturelle Eigenheiten und Vorstellungen berücksichtigt werden.

Wichtig ist, dass der Therapeut eine kultursensitive Haltung annimmt: Er sollte ein echtes Interesse am kulturellen Hintergrund des Pateinten haben und bereit sein, sich seinen eigenen kulturellen Hintergrund bewusst zu machen. Wenn Themen auftauchen, die der Therapeut aufgrund der kulturellen Unterschiede zunächst nicht versteht, wird er nachfragen und sich dies vom Patienten genauer erklären lassen. Gleichzeitig wird er die Erklärungen des Patienten für seine Probleme akzeptieren – genauso wie seine Vorstellungen, was zu einer Besserung beitragen könnte.

So werden in manchen Kulturen nach einem traumatischen Ereignis religiöse Zeremonien oder Trauerrituale durchgeführt. Wenn sie dem Patienten helfen können, das Trauma zu bewältigen, wird der Therapeut diese Rituale akzeptieren und den Patient dazu ermutigen – selbst wenn dies nicht dem üblichen Vorgehen in der Psychotherapie entspricht.

Therapeutenliste Traumatherapie / EMDR

Weitere Therapieansätze

Als weitere Therapieformen können körpertherapeutische Verfahren oder kreative Verfahren wie die Kunsttherapie zum Einsatz kommen. Auch hier geht es um eine Verarbeitung und Integration der traumatischen Erlebnisse.

Wie wird mit Dissoziationen in der Therapie umgegangen?

In manchen Fällen, zum Beispiel, wenn der Patient bei einer Traumakonfrontation besonders heftige Gefühle erlebt, kann es zu Dissoziationen kommen. Dabei haben die Betroffenen das Gefühl, nicht sie selbst zu sein (Depersonalisation) oder das Gefühl, die Welt wie von fern zu erleben (Derealisation).

Auf diesen Zustand sollte der Therapeut sofort reagieren. Er wird dann den Bezug zum Hier und Jetzt fördern und die Aufmerksamkeit des Patienten auf die unmittelbare Umgebung lenken, zum Beispiel, indem er ihn beschreiben lässt, was er gerade sieht.

Bei schwer traumatisierten Patienten wird versucht, Dissoziationen in der Therapie von vorneherein zu vermeiden. So kann der Patient während der Traumakonfrontation die Augen offen lassen oder einen Gegenstand in der Hand halten, mit dem er positive Gefühle verbindet (zum Beispiel ein Foto eines geliebten Menschen).