Behandlung seelischer Verletzungen nach äußerst belastenden Ereignissen (Seite 2/7)

Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

Voraussetzungen, Diagnose, Behandlungsaufbau

Generell ist es sinnvoll, bei den Symptomen einer PTBS frühzeitig Unterstützung zu suchen. Dabei ist in den meisten Fällen eine Psychotherapie die geeignetste Behandlungsmethode. Sie sollte von einem Psychotherapeuten oder psychotherapeutisch tätigen Arzt durchgeführt werden, der zusätzlich in einem anerkannten Verfahren der Traumatherapie ausgebildet ist und Erfahrung bei der Behandlung traumatischer Störungen hat.

Ziel der Therapie ist es, dass die Symptome der PTBS entweder ganz verschwinden oder zumindest deutlich zurückgehen und vom Patienten besser kontrolliert werden können. Am Ende der Therapie sollte sich der Patient ausreichend stabil fühlen, um wieder in seinen Alltag zurückzukehren.

Eine wichtige Voraussetzung für die Therapie ist, dass sich die Betroffenen nicht mehr in einer traumatischen Situation befinden – also zum Beispiel weiterhin körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. In diesem Fall wäre es nicht möglich, die psychischen Folgen des Traumas erfolgreich zu behandeln. Außerdem könnte eine Traumakonfrontation hier zu einer Verschlechterung der Symptome führen.

Je nach Schwere der Erkrankung kann die Therapie ambulant, teilstationär oder stationär durchgeführt werden. Eine teilstationäre oder stationäre Behandlung ist sinnvoll, wenn die Symptome sehr schwer ausgeprägt sind, wenn der Betroffene stark in seinem Alltag beeinträchtigt ist (zum Beispiel nicht mehr fähig ist, zu arbeiten) oder wenn weitere psychische Störungen vorliegen (zum Beispiel eine Depression). Nach einer Stabilisierungsphase kann die Therapie dann ambulant weitergeführt werden. In der ambulanten Therapie werden meist ein oder zwei Mal pro Woche Therapiestunden durchgeführt. Für die Konfrontation mit dem Trauma werden aber meist längere Sitzungen (Doppelsitzungen mit 90 Minuten Dauer) eingeplant.

Therapiebezogene Diagnostik

Als Vorbereitung für die Therapie werden bei der Diagnostik auch Bedingungen erfasst, die die Symptome der PTBS auslösen oder aufrechterhalten. So wird zum Beispiel gefragt, welche Situationen Angst auslösen oder vermieden werden, wie sich die Gefühle und Gedanken seit dem Trauma verändert haben, welche Bilder und Gedanken an das Trauma ungewollt auftreten und welche Strategien der Patient benutzt, um mit dem Trauma und seinen Folgen umzugehen.

Außerdem werden auch die Ressourcen des Patienten erfasst. Dazu gehört zum Beispiel, wie offen er mit der Traumaerfahrung umgeht, ob er sich als Opfer oder Überlebender wertgeschätzt fühlt und ob er durch das Trauma die Erfahrung gemacht hat, persönlich gereift zu sein – zum Beispiel, weil er die Beziehungen zu seinen Mitmenschen jetzt als intensiver empfindet oder weil er das Leben jetzt stärker wertschätzt.

Die Phasen der Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung

Bei der Therapie einer PTBS werden in der Regel mehrere Phasen unterschieden. Am Anfang muss zunächst eine „sichere Umgebung“ hergestellt werden, in der die Betroffene vor weiteren Traumatisierungen geschützt sind.

Weiterhin ist es sinnvoll, die Patienten zunächst psychisch zu stabilisieren (Stabilisierungsphase). Anschließend kann eine Auseinandersetzung mit dem Trauma stattfinden, die dazu beiträgt, dass die belastenden Erlebnisse psychisch verarbeitet werden können (Traumakonfrontation). In der abschließenden Therapiephase geht es darum, das traumatische Ereignis in die übrigen Lebenserfahrungen zu integrieren und zu einer Neubewertung des eigenen Lebens zu kommen (Integrationsphase).

  1. Stabilisierungsphase
  2. Traumakonfrontation (Traumaexposition)
  3. Integrationsphase

Das Vorgehen in der Therapie wird jeweils an die individuellen Probleme angepasst. So ist bei Patienten, die weniger schwer traumatisiert sind, oft keine umfassende Stabilisierungsphase notwendig. Hier kann die Arbeit mit dem Trauma schon relativ früh in der Therapie stattfinden.

Bei komplexen oder mehrfachen Traumatisierungen kann es auch erforderlich sein, die verschiedenen Phasen der Traumabehandlung mehrfach zu durchlaufen.

Stabilisierungsphase

Diese Phase kann je nach Schwere der PTBS länger oder kürzer dauern. Zunächst wird der Therapeut eine vertrauensvolle Beziehung zum Patienten aufbauen, die ihm Sicherheit vermittelt. Die Patienten erhalten ausführliche Informationen über die Symptomatik der PTBS, ihre Ursachen und ihre Behandlung (Psychoedukation). Dabei wird auch deutlich gemacht, dass ihre psychischen Reaktionen nach einem solch extremen Ereignis ganz normal sind.

Weiterhin lernen die Betroffenen, mehr Kontrolle über ihre Symptome zu erlangen und mit ihnen im Alltag besser zurecht zu kommen. Dazu werden Vorstellungsübungen (Imaginationsübungen) eingesetzt – zum Beispiel kann sich ein Patient vorstellen, an einem sicheren Ort zu sein, wo ihn die traumatischen Erinnerungen nicht erreichen können. Solche Vorstellungen können die Patienten im Alltag einsetzen, um sich selbst zu beruhigen und besser mit Flashbacks, sich aufdrängenden Erinnerungen oder Alpträumen umzugehen. Auch Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelrelaxation oder das autogene Training können dazu beitragen, die Folgen der erhöhten Erregung wie Unruhe, Schlafstörungen oder Gereiztheit zu verringern.

In dieser Phase werden gleichzeitig die Bewältigungsfähigkeiten und die Eigenverantwortung der Patienten gefördert. Auch die Erfahrung, die Symptome der PTBS selbst beeinflussen zu können, kann dazu führen, dass sie sich nach und nach wieder kompetenter fühlen.

Die Methoden der Stabilisierungsphase werden auch in den folgenden Therapiephasen eingesetzt.

Traumakonfrontation (Traumaexposition)

In der nächsten Phase findet die Bearbeitung des Traumas statt. Die Traumakonfrontation wird erst dann durchgeführt, wenn ein Patient ausreichend psychisch stabil ist und sich zu diesem Schritt bereit fühlt. Durch die Übungen in der Stabilisierungsphase besitzt er nun Strategien, um seine Gefühle zu regulieren und nicht von den belastenden Eindrücken überwältigt zu werden. Darüber hinaus hat er jederzeit die Möglichkeit, „Stopp“ zu sagen, wenn die Konfrontation zu belastend werden sollte. Dann kann sie zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt werden.

Der Therapeut wird den Patienten zunächst ausführlich über das Vorgehen und den Sinn der Traumakonfrontation informieren. Anschließend konfrontiert er ihn Schritt für Schritt mit den Erinnerungen, Gefühlen und Bildern, die mit dem traumatischen Ereignis zusammenhängen. Sie sollen auf diese Weise verarbeitet werden, so dass sie im Gedächtnis nicht mehr als Bruchstücke gespeichert sind, sondern in die übrigen Lebenserinnerungen integriert werden können. Dabei entwickelt der Patient oft auch eine neue Bewertung der Ereignisse und seiner eigenen Rolle darin. So kann es sein, dass er sich nun nicht mehr als passives Opfer, sondern als aktiv Handelnder und Überlebender sieht. Das kann wiederum sein Selbstwertgefühl stärken.

Untersuchungen haben gezeigt, dass Therapien, in denen eine Konfrontation mit dem Trauma stattfindet, deutlich erfolgreicher sind als Therapien ohne Traumakonfrontation. Sie sollte jedoch immer von einem erfahrenen Traumatherapeuten durchgeführt werden.

Manche Patienten fühlen sich nach der Stabilisierungsphase möglicherweise noch nicht bereit, das Trauma zu bearbeiten – andere fühlen sich nun stabil genug, um in den Alltag zurückzukehren. Der Therapeut wird versuchen, die Patienten zu einer Traumakonfrontation zu motivieren. Lehnen sie dies ab, kann ihnen die Möglichkeit gegeben werden, zu einem späteren Zeitpunkt in die Therapie zurückzukommen und die Traumakonfrontation nachzuholen.

Integrationsphase

In der abschließenden Phase der Therapie werden die Patienten unterstützt, wieder in ihren Alltag zurückzufinden und ihr Leben alleine bewältigen zu können. Dabei wird zunächst die weitere Verarbeitung des Traumas und seine Integration in die übrigen Lebensereignisse gefördert. Häufig muss der Patient auch Trauerarbeit leisten, weil sich durch das Trauma vieles im Leben verändert hat. Außerdem müssen oft neue Bewältigungsstrategien gelernt werden, weil sich nach dem Trauma das Leben des Patienten, aber auch seine Sichtweise – zum Beispiel über das Leben oder seine eigene Person – deutlich verändert haben.

In dieser Phase können auch weitere Problembereiche bearbeitet werden. So werden zum Beispiel die sozialen Fähigkeiten trainiert. Bei starkem sozialen Rückzug werden die Patienten dabei unterstützt, Aktivitäten aufzubauen und ihren Alltag sinnvoll zu gestalten. Außerdem geht es in dieser Phase oft um praktische Fragen, zum Beispiel, ob nach dem Trauma der Wechsel in einen anderen Beruf sinnvoll ist. Häufig treten nach einem Trauma auch Beziehungsprobleme auf, die in Paar- oder Familiengesprächen bearbeitet werden können. Schließlich lernen die Patienten in dieser Phase, wie sie mit einem Rückfall oder einer Rückkehr einzelner Symptome umgehen können.