Online-Therapie (Seite 3/7)

Verbesserung der Versorgung oder riskantes Experiment?

Online-Therapie-Angebote können dazu beitragen, die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern: Auf diese Weise könnten mehr Betroffene psychologische Unterstützung erhalten und so auch die Wartezeiten auf einen Therapieplatz verkürzt werden. Die Therapeuten müssen bei einer Online-Therapie weniger Zeit aufwenden als bei einer Face-to-Face-Therapie, um die gleichen Verbesserungen zu erreichen.

Zum Beispiel gibt der Therapeut dem Patienten einmal pro Woche eine Rückmeldung per E-Mail. Dadurch kann ein Therapeut mehr Patienten gleichzeitig betreuen, was der Versorgung der Patienten zugutekommt und die Wartezeiten auf einen Therapieplatz verkürzen kann. Schließlich kann dies zu einer Kostenersparnis im Gesundheitssystem beitragen.

Zugang für Patienten, die sonst keine Therapie machen können oder möchten

Über das Internet können auch Patienten erreicht werden, die sonst nicht an einer Psychotherapie teilnehmen können oder möchten. Dies können Patienten sein, für die der Anfahrtsweg zu einer Therapiepraxis sehr weit ist oder die wegen körperlicher Einschränkungen nicht selbst in die Praxis kommen können. Es können auch Patienten sein, die wegen ihrer psychischen Beschwerden (zum Beispiel starke Ängste oder Zwangssymptome) im Moment nicht in der Lage sind, in eine psychotherapeutische Praxis zu kommen.

Es können auch Hilfesuchende sein, die aus Scham und Angst vor einer Stigmatisierung keine Psychotherapie machen möchten. So kann eine Therapie per Internet gegebenenfalls auch anonym stattfinden. Außerdem können Online-Therapie-Angebote neue Zielgruppen ansprechen, zum Beispiel Jugendliche und junge Erwachsene, die oft ein großes Interesse an digitalen Medien haben.

Schließlich kann eine Online-Therapie ein erster Schritt sein, bei dem der Hilfesuchende Erfahrungen mit einer Psychotherapie machen kann. Dadurch entschließen sich einige Patienten möglicherweise auch, die Arbeit in einer Face-to-Face-Psychotherapie fortzusetzen.

Spezifische Angebote, die sonst nicht verfügbar wären

Weil eine Online-Therapie auch über große Entfernungen stattfinden kann, gibt sie Patienten die Möglichkeit, sehr spezifische Angebote zu nutzen, die in ihrer direkten Umgebung nicht verfügbar sind. So können Patienten mit anderem kulturellen Hintergrund kultursensitive Angebote nutzen oder Angebote in ihrer Muttersprache finden, die es in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht gibt.

Vielfalt und Flexibilität der Angebote

Theoretisch gibt es unendlich viele Möglichkeiten, wie Online-Therapie-Angebote aussehen können und wie sie mit einer herkömmlichen Psychotherapie kombiniert werden können.

So können die Art und das Ausmaß der therapeutischen Unterstützung individuell auf die Symptomatik und die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden. Zum Beispiel können mehr Termine in der Praxis des Therapeuten angeboten werden, wenn der Patient mehr Unterstützung braucht. Geht es ihm besser und benötigt er weniger Unterstützung, kann ein Übergang zu mehr Online-Therapie stattfinden.

Gleichzeitig bieten internetbasierte Ansätze viele Möglichkeiten, dass ein Patient auch zwischen den Therapiestunden intensiv an der Veränderung seiner Probleme arbeiten kann. Dabei kann jeder Patient selbst entscheiden, wie häufig und wie intensiv er an seinen Problemen arbeitet.

Zudem ist er flexibel und kann die Aufgaben dann bearbeiten, wenn es für ihn zeitlich am besten passt. Findet die Kommunikation zwischen Therapeut und Patient schriftlich (zum Beispiel per E-Mail) statt, hat das den Vorteil, dass beide in Ruhe über die Aussagen ihres Gegenübers und über das, was sie selbst schreiben möchten, nachdenken können. Auf diese Weise kann ein Patient seine Probleme, seinen momentanen Zustand, seine Gefühle usw. möglicherweise besser schildern als wenn er dies spontan in der Therapiestunde tun müsste.

Gefühl der Selbstbestimmtheit

Dadurch, dass Patienten bei einer Online-Therapie stärker selbstbestimmt arbeiten als in einer herkömmlichen Psychotherapie, haben sie stärker das Gefühl, ihre Erfolge selbst und nicht durch die Hilfe eines Therapeuten erreicht zu haben. Dies kann sehr motivierend sein, um weiter an der Überwindung seiner Probleme zu arbeiten.

Mögliche Nachteile und Risiken einer Online-Therapie

Ein Nachteil von Online-Therapien ist die fehlende nonverbale Kommunikation, da sich Therapeut und Patient nicht direkt gegenüber sitzen. Ohne die körperliche Anwesenheit fehlen nonverbale Signale der Kommunikation, wie Mimik, Gestik, Stimmlage und Körperhaltung. Dadurch kann es leichter zu Missverständnissen kommen. Außerdem sind diese Merkmale wichtig, um eine genaue Diagnose zu stellen und das aktuelle Befinden des Patienten einzuschätzen.

Bei Video-Telefonaten ist dies zwar eher möglich. Allerdings ist hier der Eindruck von seinem Gesprächspartner auf den Kamera-Ausschnitt beschränkt, und der Therapeut sieht zum Beispiel nicht, wie sich der Patient bewegt, wie der den Raum betritt usw. Verbesserungsmöglichkeiten hinsichtlich des Einsatzes von Video-Telefonaten verspricht die Übertragung von Ganzkörperansichten zumindest seitens des Therapeuten durch entsprechende Positionierung einer Webcam.

Bei einer rein schriftlichen Kommunikation fehlt außerdem der unmittelbare Austausch, das heißt, dass der Gesprächspartner unmittelbar auf das Gesagte oder das Verhalten seines Gegenübers reagieren kann. So ist es bei einer schriftlichen Kommunikation schwieriger, unmittelbar Trost zu spenden oder unmittelbar eine verstehende, einfühlsame Reaktion zu zeigen.

Lösungsansätze

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) fordert, dass die Diagnostik der psychischen Erkrankung auf jeden Fall im unmittelbaren Kontakt zwischen Psychotherapeut und Patient stattfinden sollte. Auch die Aufklärung des Patienten über das Vorgehen in der Therapie und mögliche Risiken sowie seine Einwilligung sollten im direkten Kontakt stattfinden. So kann der Patient umfassend mündlich informiert werden und offene Fragen können direkt beantwortet werden.

Falls ein Online-Angebot dieses Vorgehen nicht umfasst, sollte ein Hilfesuchender seine Probleme zunächst in der Sprechstunde eines Psychotherapeuten abklären lassen, bevor er eine Therapie oder ein Selbsthilfeprogramm per Internet beginnt.

Falls eine Online-Therapie ausschließlich schriftlich durchgeführt wird, ist es für die Therapeuten wichtig, sich besonders verständlich und eindeutig auszudrücken, um Missverständnisse zu vermeiden.

Umgang mit Krisen

Ein weiteres Problem von Online-Therapien kann darin bestehen, ausreichend Unterstützung zu bieten, wenn der Patient in eine Krise gerät. Zum einen kann der Therapeut eine Selbstgefährdung oder Selbsttötungsabsichten des Patienten schlechter erkennen, wenn die Kommunikation ausschließlich per Internet stattfindet. Zum anderen muss ein Patient auch bei einer Online-Therapie wissen, wohin er sich im Fall einer Krise wenden kann. Außerdem muss auch hier zeitnah ein Ansprechpartner zu erreichen sein.

Lösungsansätze

Deshalb ist es wichtig, dass der Therapeut auch bei einer Online-Therapie die Symptome und das Befinden des Patienten kontinuierlich beobachtet, um Krisen zu erkennen und Selbstverletzungen oder eine Selbsttötung zu verhindern. Weiterhin sollte schon zu Beginn der Therapie geklärt werden, wohin sich der Patient wenden kann und was er tun kann, wenn er in eine Krise gerät. So sollte er in jedem Fall wissen, wie er seinen Therapeuten bei einem Notfall erreichen kann oder an wen er sich sonst wenden kann (zum Beispiel an einen Psychotherapeuten, eine Krisenberatungsstelle oder eine psychiatrische Klinik in seiner Nähe).

Datenschutz

Ein wichtiger Aspekt bei einer Therapie über das Internet ist der Datenschutz. So sollten die sensiblen Daten aus einer Psychotherapie besonders geschützt werden und nicht für Dritte zugänglich sein. Außerdem sollte der Patient über die Verwendung seiner Daten selbst bestimmen können.

Lösungsansätze

Um dies zu gewährleisten, ist es wichtig, dass alle Bestandteile von Online-Therapien (etwa E-Mails, Video-Telefonate, Fragebögen, die online ausgefüllt werden oder Gesundheits-Apps) auf hohem technischen Standard verschlüsselt werden. Zudem sollten die Patienten darüber informiert werden, welche Daten erhoben und gespeichert werden, wer darauf Zugriff hat und wie sie die Daten löschen lassen können. Schließlich sollte jeder Teilnehmer einer Online-Therapie wissen, dass im Internet generell - also auch  bei einer Therapie per Internet - kein hundertprozentiger Schutz der Daten gewährleistet werden kann.

Qualität der Angebote und Qualifikation der Anbieter

Ein Problem von Online-Therapie-Angeboten ist bisher, dass die Qualifikation der Ansprechpartner, die bei den Programmen zur Verfügung stehen, sehr unterschiedlich ist. Während dies bei einigen Angeboten Psychotherapeuten oder Fachärzte sind, wird bei anderen Programmen nur Assistenzpersonal eingesetzt, das möglichweise nur eine kurze Schulung erhalten hat.

Auch das Ausmaß der Unterstützung durch einen Therapeuten kann bei Online-Therapien sehr unterschiedlich sein. So besteht die Unterstützung bei einigen Programmen nur darin, die Teilnehmer zu motivieren, weiter am Programm teilzunehmen und eventuell auch, Rückfragen zu beantworten.

Fühlen sich die Teilnehmer einer Online-Therapie nicht ausreichend unterstützt, mit den Aufgaben überfordert oder schlecht beraten, kann es sein, dass sie das Programm abbrechen. Außerdem entwickeln sie möglicherweise eine negative Einstellung gegenüber Psychotherapie und sind dann nicht mehr bereit, andere Therapieangebote (möglicherweise auch Psychotherapien mit direktem Kontakt) zu nutzen.

Lösungsansätze

Eine mögliche Lösung ist, klare Qualitätskriterien für Online-Therapien festzulegen und Angebote, die diese Kriterien erfüllen, durch ein Gütesiegel zu kennzeichnen. Ein wesentliches Qualitätskriterium ist dabei, dass die Therapien von Fachleuten, also von Psychotherapeuten oder Fachärzten im Bereich Psychotherapie, durchgeführt bzw. betreut werden. Außerdem sollte klar festgelegt sein, wie eine ausreichende Unterstützung der Patienten gewährleistet werden kann.