Webbasierte Therapieansätze

Online-Therapie: Mehr als eine Ergänzung der persönlichen Psychotherapie?

Von Dr. Christine Amrhein

Einmal in der Woche in die Praxis fahren, 50 Minuten Zeit für das Gespräch mit dem Therapeuten, dazwischen die in der Therapie besprochenen Aufgaben ausführen: So sieht eine Psychotherapie in vielen Fällen aus. Doch das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Schon jetzt gibt es immer mehr Angebote, bei denen eine Beratung oder Therapie für psychische Probleme über elektronische Medien angeboten wird: Zum Beispiel per Internet, Video-Telefonat, E-Mail, Smartphone-App, Chat, Telefonat oder SMS.

Solche Angebote können eine sinnvolle Ergänzung zur psychotherapeutischen Behandlung in einer Praxis oder Klinik sein und dazu beitragen, die Versorgung psychisch kranker Menschen zu verbessern.

Laut einer repräsentativen Untersuchung ist in Deutschland auch die Bereitschaft, das Internet bei psychischen Problemen zu nutzen, hoch: So geben die Hälfte der deutschen Internetnutzer an, dass sie im Bedarfsfall das Internet nutzen würden. Dabei steht zwar die Suche nach Informationen über die Erkrankung im Vordergrund. Viele würden das Internet aber auch für die Psychotherapeuten-Suche, für eine Online-Beratung oder zur Vorbeugung, Behandlung oder Nachsorge einer psychischen Erkrankung nutzen.

Die Gründe, warum internetbasierte Ansätze genutzt werden, sind dabei unterschiedlich: Etwa ein Drittel der Nutzer entscheidet sich dafür, weil sie keine traditionelle Psychotherapie machen möchten. Ein Drittel möchte eigentlich eine herkömmliche Psychotherapie machen, kann dies aber nicht – entweder aus praktischen Gründen oder aus psychologischen Gründen, etwa aus Scham oder starker Angst. Ein weiteres Drittel war schon in einer traditionellen Therapie und möchte nun eine neue Behandlungsform ausprobieren.

Welche Arten von Online-Therapien gibt es? Wie sehen solche Angebote aus?

Die Vielfalt der Angebote, die psychologische Unterstützung oder psychotherapeutische Versorgung per Internet anbieten, ist groß. Dabei werden sehr unterschiedliche Begriffe verwendet, die zum Teil verwirrend sein können: Online-Psychotherapie, E-Mental-Health-Programm, Cybertherapie, Selbstmanagement-Programm und so weiter.

Zum einen gibt es Selbsthilfeprogramme, in denen Informationen und Anleitungen zur Selbsthilfe in systematischer Form angeboten werden. Dabei ist oft kein Kontakt zu einem Therapeuten vorgesehen. Es gibt aber auch Programme, die von einem Therapeuten oder einem Berater angeleitet werden oder bei denen auf Wunsch des Nutzers ein persönlicher Kontakt möglich ist.

Auf der anderen Seite gibt es Therapieangebote, bei denen E-Mails, Chats, Telefonate, SMS, Video-Telefonate, Apps oder Internetprogramme zur Kommunikation genutzt werden. Allerdings könnten die Grenzen zwischen einem angeleiteten Programm zur Selbsthilfe und einer Psychotherapie fließend sein. Allgemein spricht man von einer Psychotherapie (im Gegensatz zu einer psychologischen Beratung), wenn eine individuelle Diagnose gestellt wird und wenn der Hilfesuchende individuelle Therapievorschläge und Informationen erhält, die psychotherapeutische Fachkenntnisse erfordern und die sich auf seine Erkrankung und seine konkrete Situation beziehen.

Auch bei Therapieangeboten sind unterschiedliche Möglichkeiten denkbar: Eine Psychotherapie kann ausschließlich über die elektronischen Medien stattfinden: So kann zum Beispiel einmal pro Woche ein Termin statt in der Praxis per Video-Telefonat durchgeführt werden. Oder der Patient berichtet regelmäßig per E-Mail über sein Befinden und seine Fortschritte und erhält innerhalb einer festgelegten Zeit eine Rückmeldung vom Therapeuten – ebenfalls per E-Mail.

Die Therapie kann aber auch eine Kombination aus Terminen vor Ort und Online-Angeboten bzw. einem Kontakt zum Therapeuten per Internet sein. In diesem Fall spricht man auch von einer „Blended Therapy“. Dabei können die digitalen Medien zur Unterstützung des Therapieprozesses eingesetzt werden und die Arbeit in den Therapiestunden sinnvoll ergänzen: Gesundheits-Apps oder Internetprogramme können Informationen über die Erkrankung und über den Behandlungsansatz vermitteln. Sie können genutzt werden, um Aktivitäten oder Symptome zu protokollieren, sie können Entspannungs- oder Achtsamkeitsübungen vermitteln und sie können Erinnerungsnachrichten verschicken, die den Patienten an eine bestimmte Übung oder an eine Strategie zum Umgang mit den Symptomen erinnern. So kann der Therapeut am Ende der Stunde konkrete Inhalte als Hausaufgabe aufgeben und diese in der nächsten Therapiestunde mit dem Patienten besprechen.

Auch vom zeitlichen Ablauf sind unterschiedliche Möglichkeiten denkbar. So können Internetprogramme vor, während und nach einer Psychotherapie zum Einsatz kommen. Während der Wartezeit auf einen Psychotherapie-Platz geben sie den Patienten die Möglichkeit, bereits an ihren Symptomen zu arbeiten und so bereits eine Besserung zu erleben. Nach Abschluss der Psychotherapie können internetbasierte Ansätze eingesetzt werden, um den Therapieerfolg aufrechtzuerhalten und Rückfälle zu verhindern.

Handelt es sich bei dem Online-Angebot um eine Psychotherapie, sollte und darf sie nur von einem approbierten Psychotherapeuten oder einem Facharzt im Bereich Psychiatrie / Psychosomatik und Psychotherapie durchgeführt bzw. begleitet werden.

Diese sind auf die Behandlung psychischer Erkrankungen spezialisiert. Gleichzeitig sind sie darin geschult, bei einer Verschlechterung der Symptomatik und in Krisensituationen angemessen zu reagieren. Ein erfahrener Therapeut wird zu Beginn der Therapie und im weiteren Verlauf immer wieder prüfen, wie eine geeignete Kombination aus Online-Therapie und Psychotherapie in der Praxis aussehen kann – zum Beispiel mehr persönliche Gespräche bei einer Verschlechterung der Symptomatik oder kurzfristige Vor-Ort-Termine in einer Krisensituation.

Beispiele für den Einsatz elektronischer Medien bei einer Psychotherapie

Frau E. ist seit einiger Zeit wegen einer Depression in einer regulären Psychotherapie. Zwischen den Therapiestunden protokolliert sie Aktivitäten, die sie als angenehm erlebt hat, mit einer Smartphone-App. Diese erinnert sie auch daran, das Protokoll jeden Tag auszufüllen. In der Therapiestunde besprechen Frau E. und die Therapeutin dann gemeinsam das Protokoll.

Herr R. nimmt an einem Internet-Therapieprogramm für Posttraumatische Belastungsstörungen teil. Dort erhält er zunächst ausführliche Informationen, wie es zu der Erkrankung kommen kann, welche Symptome dabei auftreten und wie sie behandelt werden können. Anschließend erhält er per E-Mail schreibtherapeutische Aufgaben, bei denen er seine traumatischen Erfahrungen nach und nach in Worte fassen soll. Diese schickt er an einen Psychotherapeuten und erhält innerhalb einer Woche eine individuelle Antwort per E-Mail, die ihn dabei unterstützen soll, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Frau L. leidet an starken Ängsten und hat gleichzeitig eine Gehbehinderung. Dadurch ist es für sie schwierig, den Weg zum Psychotherapeuten zurückzulegen. Nach den ersten Gesprächen in der Praxis vereinbart der Therapeut mit Frau L., die Therapie mit regelmäßigen wöchentlichen Terminen per Video-Telefonat weiterzuführen.

Herr H. leidet an Ängsten in sozialen Situationen. Nach dem Erstgespräch gibt die Therapeutin ihm den Zugangscode zu einem geschützten Internetprogramm. Dort erhält Herr H. nach und nach Zugang zu den verschiedenen Modulen. Zunächst soll er einen Fragebogen ausfüllen, mit dem die Symptome einer sozialen Phobie erfasst werden. In der nächsten Stunde bespricht die Therapeutin mit ihm die Auswertung des Fragebogens und nutzt die Ergebnisse als Grundlage für eine genauere Beurteilung der Symptomatik. Als nächstes erhält Herr H. Zugang zu einem  Internetmodul, das genaue Informationen über die soziale Phobie enthält. Außerdem soll er auftretende Ängste in einem Online-Tagebuch protokollieren.

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