Katathymes Bilderleben

Katathym-Imaginative Psychotherapie

30.06.2006Von Dr. Gisa Kästele

Als Kind war uns eine bildliche Vorstellungskraft eigen, da wir in magischen Bildwelten lebten. In unserer kindlichen Vorstellungskraft konnten Bäume zu Lebewesen werden oder Naturgeister plötzlich hinter einem Baum hervor schlüpfen. Bei Erwachsenen können Tagtraumbilder bewusst entwickelt und therapeutisch gelenkt werden. Tagtraumbilder bringen mit stärkenden inneren Kräften in Kontakt. Der in inneren Bildern Reisende erweitert dabei spielerisch sein kreatives Potenzial und erweitert seine Alltagskompetenzen. 

Die Katathym-imaginative Psychotherapie, die von dem Arzt und Psychoanalytiker Hans Carl Leuner entwickelt wurde, ist eine Therapieform, bei der mit Tagträumen gearbeitet wird. Mit Hilfe eines ausgewählten Fokus (wie z.B. Wiese, Haus, Fluss, Berg, Löwe oder Vulkan) kann der Klient in Kontakt mit unbewussten Themen und stärkenden Ressourcen kommen. In der imaginativ-symbolischen Auseinandersetzung können neue Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten erschlossen werden. In Tagtraumbildern ergeben sich häufig spontane Einsichten, die als Ich-Stärkung erlebt werden. Der Klient eröffnet sich dadurch neue und  kreative Handlungsspielräume. Mit Hilfe eines konkreten Fokus können Symbole und Bilder aus tieferen inneren Schichten freigesetzt, erlebt und bearbeitet werden.

Das therapeutische Setting gestaltet sich dabei so, daß der Klient mit Hilfe einfacher verbaler Suggestionen in einen Zustand der Tiefenentspannung geführt wird. Der therapeutische Begleiter bittet den Klienten dann, zu einem konkreten Bildmotiv (Fokus) mit geschlossenen Augen Bilder und Vorstellungen entstehen zu lassen. Der assoziative Prozess beginnt. Bilder stellen sich ein, die eine Eigendynamik entwickeln, die den Klienten häufig selbst überraschen. Durch das Erleben der Heilkraft innerer Bilder wird das Vertrauen, sich in jeder Situation selbst  helfen zu können, gefördert.

Im Folgenden schildere ich Ihnen einige der Motive, die im Katathymen Bilderleben eingesetzt werden können.

  • Fokus Wiese:  Auf der Wiese drückt sich die aktuelle Gestimmtheit aus. Im gelenkten Tagtraumbild kann sich der Klient auf der Wiese ähnlich wie in der Realität bewegen und mit allen Sinnen wahrnehmen (z.B. den Geruch frisch gemähten Grases oder das Zirpen von Grillen).
  • Fokus Fluss: Wasser hat eine enge Beziehung zum Unbewussten. Es reinigt, erfrischt, belebt und ist mit Fruchtbarkeits- und Heilungsvorstellungen verknüpft. Das Wasser kann in der imaginierten Welt kraftvoll fliessen oder auch trübe und undurchsichtig sein, was dafür sprechen würde, dass der Klient sich in einer schwierigen Gefühlslage befindet.
  • Fokus Berg: Der Berg verkörpert Leistungsthemen. Gelingt der Aufstieg leicht und mühelos, ist der Klient meist auch im beruflichen Alltag relativ unbelastet. Wird die Bergbesteigung zu einem mühevollen Weg, auf dem sich viele Hindernisse einstellen, kann davon ausgegangen werden, dass entweder eine über viele Jahre bestehende Leistungsproblematik oder ein momentaner Leistungskonflikt vorliegt. Ziel der imaginativen Arbeit ist es dann, den Klienten anzuregen den Aufstieg zu bewältigen.
  • Fokus Haus: Das Haus steht symbolisch betrachtet für die eigene Person. Gelingt es dem Klienten, sich in dem imaginierten Haus gut einzurichten und sich darin wohl zu fühlen, ist das ein angenehmes Bild, das positive Gefühle freisetzt. Im Gegensatz hierzu wirkt ein  Bild, bei dem der Klient das Haus als dunkel und unfreundlich wahrnimmt, belastend. Die Konfrontation mit ungelösten Themen regt die Psyche an, nach neuen Wegen zu suchen.

Die Wirkungsweise des Katathymen Bilderlebens kann auf vier Ebenen beschrieben werden:

  1. Ich-Stärkung: Imaginationen habe eine beruhigende und seelisch entlastende Wirkung. Stress Hormone werden abgebaut und der Blutdruck sinkt. Körperlich gelangt der Klient stärker ins Gleichgewicht, baut Spannungen ab und fühlt sich dann im Alltag kraftvoller und gelassener.
  2. Regression: Der Klient taucht in frühere Erfahrungen ein und begegnet dem Inneren Kind. Belastende Gefühle aus einer ganz anderen Zeit können wieder erlebt und im Nachgespräch neu bewertet werden. Es geht darum, alte Themen und damit verbundene Gefühls- und Verhaltensmuster zu wandeln, um vergangenen Erfahrungen anders als bisher begegnen zu können. Der Klient kann in der Regression auch eine Reise zu den unbelasteten, magischen Welten der Kindheit machen, um - gestärkt durch das Bild – den Alltag kraftvoll zu bewältigen.
  3. Konfrontation: Unangenehme Themen werden im Alltagsbewusstsein aus Angst vor der Begegnung mit inneren Schattenaspekten oft vermieden. Im Bild zeigt sich die Belastung in verschlüsselter Form. Der Klient wird dazu angeleitet, sich auf symbolischer Ebene mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Dies führt in der Regel zu mehr Akezptanz der eigenen Seelenlage und begünstigt die Suche nach Lösungen. Sie konfrontieren sich so lange mit der unerwünschten Situation, bis sich irgendetwas in einer erträglicheren Richtung gewendet hat
  4. Distanzierung: In Problemlagen verliert man leicht den Überblick. Der Blick aus der Adlerperspektive führt im Allgemeinen dazu, daß neue Einsichten gewonnen werden, die der Problemlösung dienlich sind. Im Katathymen Bild kann der Rundblick vom Berg (das katathyme Panorma) Wunder wirken. Ungünstige Verstrickungen werden erkannt und Knoten gelöst.

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