Behandlung psychischer Symptome im System Familie (Seite 3/4)

Die Methoden der Familientherapie

Ein wichtiger Aspekt der Familientherapie ist, dass am Anfang mit allen Beteiligten genau festgelegt wird, welche Ziele in der Therapie erreicht werden sollen (Auftragsklärung).

Außerdem werden in der systemischen Therapie typische Techniken eingesetzt, die dazu dienen, eingefahrene Sichtweisen und Verhaltensmuster aus dem Gleichgewicht zu bringen und so Veränderungen in Gang zu bringen. Bei diesen Methoden geht es immer darum, die Systeme und Lebensumstände der Beteiligten genauer zu verstehen und schließlich zu verändern (so genannte Kontextualisierung). Typische Methoden der systemischen Therapie sind:

Reframing (Umdeutung)

Hier stellt der Therapeut das Gesagte in einen neuen Rahmen und gibt ihm damit eine andere Bedeutung, die neue Sicht- und Handlungsweisen ermöglicht. Das Reframing schafft Distanz und spielerische Haltung zu den Problemen – oft kommt dabei auch Humor ins Spiel. Ein problematisches Verhalten kann zum Beispiel so umgedeutet werden, dass auch die positiven Aspekte sichtbar werden. Einer Mutter, die berichtet: „Ich kann zu meinen Kindern nie ‚nein‘ sagen. Sie tanzen mir ständig auf der Nase herum.“ antwortet die Therapeutin z. B.: „Ich verstehe: Sie lieben Ihre Kinder sehr und möchten ihnen alles geben. Aber nun möchten Sie lernen, wie es geht, ab und zu ‚nein‘ zu sagen – obwohl sie ihre Kinder so lieben.“

Hypothetische ziel- und lösungsorientierte Fragen / Wunderfrage

Hypothetische Fragen sollen den Klienten einen neuen Blick auf die Situation ermöglichen, der zugleich Perspektiven zur Lösung der Probleme eröffnet. Solche Fragen können zum Beispiel lauten: „Was könnten Sie tun, damit Sie in Zukunft glücklicher wären?“ „Welche positiven Auswirkungen hat ihre Erkrankung?“ oder auch: „Was müssten Sie tun, um möglichst unglücklich zu werden?“ Manche dieser Fragen erscheinen ungewöhnlich – aber sie helfen zu erkennen, welche Faktoren zu einem Problem beitragen und welche Veränderungen zur Lösung beitragen können.

Bei der Wunderfrage wird zum Beispiel gefragt: „Wenn über Nacht ein Wunder geschehen würde und das Problem auf einmal verschwunden wäre: Was wäre dann morgen anders? Was würden Sie als erstes tun?“ Die Idee dabei ist, dass schon das intensive Nachdenken über eine Veränderung erste Schritte zur Lösung des Problems anbahnt.

Arbeit mit Metaphern und Geschichten

Typisch für die systemische Therapie ist, dass viel mit Bilder und Metaphern gearbeitet wird. So wird ein Familienmitglied, das unter einer Depression leidet, zum Beispiel angeregt, ein Bild für die depressive Stimmung zu entwickeln – etwa eine schwarze Wolke. Anschließend kann der Therapeut mit diesem Bild arbeiten: Er kann den Klienten auffordern, die Wolke zu bestimmten Zeiten bewusst kommen und gehen zu lassen. So entwickelt der Betroffene zum ersten Mal das Gefühl, der depressiven Stimmung nicht ausgeliefert zu sein, sondern sie aktiv beeinflussen zu können.

Zirkuläres Fragen

Beim zirkulären Fragen werden die Therapieteilnehmer jeweils gefragt, was sie glauben, wie ein anderer aus der Familie die Situation sieht. Zum Beispiel könnte der Therapeut einen Ehemann fragen: „Was meinen Sie, wie Ihre Frau die Situation X sieht?“ Anschließend kann er die Ehefrau fragen: „Stimmt diese Sichtweise oder sehen Sie es anders?“ Dadurch werden  die Beteiligten angeregt, die Sichtweise der anderen Familienmitglieder besser zu verstehen. Gleichzeitig sollen eingefahrene Sichtweisen „verstört“ und so neue Sichtweisen und Verhaltensmöglichkeiten ermöglicht werden.

Symptomverschreibung

Hier wird einem Familienmitglied das problematische Verhalten aktiv „verordnet“: Zum Beispiel bekommt ein Jugendlicher, der zuhause ständig herumkaspert, von der Therapeutin den Auftrag, dies bis zur nächsten Sitzung besonders oft zu tun. Dadurch wird ihm der Druck genommen, ständig gegen sein Verhalten ankämpfen zu müssen. Schafft er es nicht, der Aufforderung zu folgen und das Symptom absichtlich herbeizuführen, führt das automatisch zu einer Abschwächung der Symptomatik. Schafft er es dagegen, das Verhalten absichtlich öfters zu zeigen, erlebt er gleichzeitig, dass sein Verhalten nicht völlig unkontrollierbar ist und verändert werden kann.

Soziogramm und Genogramm

Bei einem Soziogramm werden die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern oder auch mit Personen außerhalb der Familie wie auf einer Landkarte festgehalten. Dabei können zum Beispiel gute und schwierige, sehr enge oder distanzierte Beziehungen mit Symbolen abgebildet werden.
Werden in einer solchen Skizze auch die Beziehungen zu früheren Generationen dargestellt, spricht man von einem Genogramm. Hier werden psychologische Faktoren und typische Verhaltensmuster, die sich innerhalb der Familie wiederholen, dargestellt und analysiert. So kann zum Beispiel geschaut werden, wie schon die Eltern oder Großeltern mit bestimmten Problemen oder Themen umgegangen sind – etwa mit belastenden Situationen oder Krankheiten.

Familienskulptur

Hier werden die Familienmitglieder und ihre Beziehungen zueinander von einem der Teilnehmer so im Raum aufgestellt, wie er ihre Positionen zueinander wahrnimmt. Sind die Familienmitglieder selbst nicht anwesend, können stattdessen kleine Figuren verwendet werden. So könnte ein Klient zum Beispiel seinen Vater, den er als sehr dominant erlebt, auf einem Stuhl stehen lassen oder seinen Bruder, den er als kalt und distanziert empfindet, in großem Abstand und mit dem Rücken zu sich selbst im Raum aufstellen.

Exkurs: Was ist eine systemische Einzeltherapie?

Es ist auch möglich, mit den Methoden der Familientherapie mit einem einzelnen Klienten zu arbeiten. Der Schwerpunkt liegt dann darauf, die Probleme und Symptome des Betroffenen im Kontext seiner Beziehungen zu verstehen. Dabei werden Techniken eingesetzt, die die nicht anwesenden Familienmitglieder oder Bezugspersonen ersetzen – zum Beispiel werden statt der anderen Personen Kissen oder Stühle aufgestellt. Der Klient kann dann zwischen seiner eigenen Position und den Positionen der anderen Familienmitglieder wechseln und so auch die Perspektive der anderen Familienmitglieder einnehmen. Es können auch zirkuläre Fragen verwendet werden, um die Sichtweisen der anderen Familienmitglieder deutlich zu machen.

Therapeutenliste Familientherapie