Familientherapie

Ein Sammelbegriff für verschiedene Therapieformen

11.05.2016Von Dr. Christine Amrhein

Mit Familientherapie ist keine Therapierichtung im eigentlichen Sinn gemeint, sondern ganz allgemein Therapie mit Familien. Im Gegensatz zur „klassischen“ Psychotherapie, bei der ein einzelner Klient behandelt wird, werden hier also auch andere Familienmitglieder bzw. wichtige Bezugspersonen in die Therapie einbezogen.

Der engste Zusammenhang zwischen Familientherapie und therapeutischen Richtungen besteht zur systemischen Therapie, die aus der therapeutischen Arbeit mit Familien entstanden ist. Jedoch wird auch in anderen Richtungen mit Familien gearbeitet, so gibt es beispielsweise psychoanalytische und verhaltenstherapeutische Familientherapien.

Die Familientherapie oder systemische Therapie ist ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren der Psychotherapie.

Behandlung psychischer Symptome im System Familie

Systemische Therapeuten gehen davon aus, dass ungünstige Beziehungsmuster in einer Familie psychische Symptome bei einem einzelnen Familienmitglied auslösen und aufrechterhalten können. Aus ihrer Sicht kann man ein psychisches Problem nur verstehen und verändern, wenn man die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern berücksichtigt.

Probleme oder psychische Symptome werden in der Familientherapie als missglückte Lösungsversuche für zwischenmenschliche Ziele verstanden. Wenn eine überforderte Mutter zum Beispiel depressive Symptome entwickelt und sich zurückzieht, kann das als misslungener Versuch gesehen werden, Belastungen im Alltag auszuweichen und mehr Zuwendung von ihrer Familie zu bekommen. Solche typischen Beziehungsmuster können Anregungen geben, wie Veränderungen und Lösungsprozesse aussehen könnten.

Ursprünglich wurde die Familientherapie entwickelt, um Familien mit einem psychisch kranken Mitglied zu behandeln. In den letzten Jahrzehnten wird sie immer häufiger auch in anderen Kontexten eingesetzt, zum Beispiel bei der Arbeit mit Teams oder ganzen Organisationen. Außerdem wird in der Therapie mit Familien auch das weitere soziale Umfeld – etwa der kulturelle Hintergrund der Familie – stärker beachtet. Deshalb verwendet man statt „Familientherapie“ zunehmend auch den Begriff „systemische Therapie“.

Innerhalb der Familientherapie gibt es verschiedene Richtungen, die etwas unterschiedliche Schwerpunkte setzen. So wird in psychoanalytischen Ansätzen stärker in die Vergangenheit geschaut und die Entwicklungsgeschichte der einzelnen Teilnehmer betrachtet, während bei humanistischen Ansätzen das Erleben im Hier und Jetzt im Vordergrund steht.

Der achtjährige Jonas leidet unter starken Ängsten, die sich manchmal bis zu Panikzuständen steigern. Er hat Angst davor, alleine zu schlafen und fürchtet sich vor der Dunkelheit. Deshalb schläft er meist im Bett der Eltern, die sich große Sorgen machen, sich aber auch scheuen, strenge Forderungen zu stellen. Auch die Eltern leiden unter der Situation: Ein Elternteil kümmert sich abends noch um Jonas, und beide Partner verbringen kaum noch gemeinsam Zeit miteinander.

Durch gezielte Fragen der Therapeutin wird den Eltern klar, dass Jonas durch ihr nachgiebiges Verhalten nicht erfährt, dass ihm allein im Dunkeln gar nichts passiert – und seine Angst auf diese Weise aufrechterhalten wird. Die Therapeutin bespricht, dass es für Jonas wichtig ist, seine Angst zu überwinden und er schrittweise lernen soll, alleine zu schlafen.

Im Gespräch stellt sich auch heraus, dass Jonas mehr Angst hat, wenn beide Eltern zuhause sind als wenn der Vater auf Dienstreise außer Haus ist. Das gibt der Therapeutin einen ersten Hinweis darauf, dass Jonas‘ Ängste mit Schwierigkeiten in der Beziehung der Eltern zusammenhängen könnten. Im Lauf der Therapie stellt sich heraus, dass beide Eltern sich emotional voneinander entfernt haben und es große Probleme in der Partnerschaft gibt. Durch abwechselnde Fragen an die Mutter und den Vater arbeitet die Therapeutin nun heraus, wie die Ängste von Jonas mit den Schwierigkeiten in der Partnerschaft zusammenhängen.