Zwang und Zwangsstörung (Seite 2/5)

Zwangsgedanken und Zwangshandlung

Formen der Zwangsstörung: Kontrollzwang, Waschzwang, Ordnungszwang

Menschen mit einer Zwangsstörung erleben die eigenen Gedanken, Vorstellungen und Impulse als übertrieben oder sinnlos und versuchen, sich gegen sie zu wehren. Dies gelingt ihnen aber meist nicht oder nur ansatzweise. Gleichzeitig werden die Gedanken und Impulse von starkem Unbehagen oder starker Angst begleitet.

Zwangsgedanken und Zwangsimpulse

Weil die Zwangsgedanken so bedrohlich sind, lösen sie das starke Bedürfnis aus, die Gedanken „wieder in Ordnung zu bringen“. Dieses „Neutralisieren“ erfolgt meist durch andere Gedanken oder durch Handlungen, die die Angst und Anspannung zumindest kurzfristig reduzieren. Die neutralisierenden Handlungen bezeichnet man dann als „Zwangshandlungen“, die neutralisierenden Gedanken als „verdeckte Zwangshandlungen“.

Zwangsgedanken sind Gedanken, bildhafte Vorstellungen oder Handlungsimpulse, die sich aufdrängen und sich immer wieder in ähnlicher Form wiederholen. Häufige Inhalte von Zwangsgedanken sind Gewalt und Aggression, Schmutz und Verseuchung, Sexualität, Religion und Magie sowie Ordnung. Weiterhin kann es sein, dass jemand stundenlang über Dinge grübelt oder verschiedene Alternativen abwägt, was dann als Grübelzwang bezeichnet wird.

  • Gewalt und Aggression: „Meinem Ehepartner könnte etwas zustoßen.“ „Ich könnte mein Kind verletzen.“
  • Schmutz und Verseuchung: „Ich könnte den AIDS-Erreger an den Händen haben und meine Familie damit infizieren.“ „Ich könnte mit Kot in Berührung gekommen sein.“
  • Sexualität: Bildliche Vorstellung einer unangenehmen sexuellen Handlung. Gedanke: „Ich könnte lesbisch sein.“
  • Religion und Magie: Stundenlange Gedanken darüber, ob Gott existiert. Aufsagen bestimmter Zahlen, die Glück bringen sollen.
  • Ordnung: Bedürfnis, dass alle Dinge in der Wohnung eine bestimmte Ordnung haben. So müssen zum Beispiel die Bücher im Regal ganz gerade stehen und der Größe nach angeordnet sein.
  • Grübelzwang: „Wer von den Passanten neben mir würde bei Rot über die Ampel gehen? Würde einer meiner Bekannten bei Rot über die Ampel gehen? Würde Caroline bei Rot über die Ampel gehen? Caroline ist gerade im Urlaub. Ist dort wohl eine Ampel, und würde sie bei Rot darüber gehen?“

Im Gegensatz zu Zwangsgedanken besteht bei Zwangsimpulsen der unwillkürliche Drang, etwas Bestimmtes zu tun. So kann zum Beispiel der Impuls auftreten, das eigene Kind zu verletzen oder von einer Brücke zu springen. Viele Betroffen haben große Angst, den erschreckenden Gedanken oder Impuls tatsächlich in die Tat umzusetzen – was jedoch so gut wie nie geschieht.

Zwangshandlungen und verdeckte Zwangshandlungen

Wie beschrieben treten Zwangshandlungen meist in Folge von Zwangsgedanken oder Zwangsimpulsen auf und werden immer wieder in ähnlicher Weise wiederholt. Die Zwangshandlungen helfen den Betroffenen zwar, ihre innere Anspannung zu verringern, werden aber selbst nicht als angenehm erlebt. Häufig wissen Menschen mit Zwängen selbst, dass ihr Verhalten sinnlos oder übertrieben ist, und versuchen daher, sich gegen die Zwangshandlungen zu wehren. Der Drang, die Handlung durchzuführen, ist aber so stark, dass dies nicht oder nur kurzzeitig gelingt.

Ein Mann hat nach einer Autofahrt den Gedanken: „Es könnte sein, dass ich unterwegs ein Kind angefahren habe, ohne es zu merken.“ (Zwangsgedanke) Daraufhin fährt er die gleiche Strecke noch fünf Mal ab und steigt an allen Stellen, an denen sich häufig Kinder aufhalten, aus und überprüft, ob dort kein verletztes Kind am Boden liegt. Außerdem geht er mehrmals um sein Auto herum und kontrolliert, ob Spuren eines Unfalls wie Blut oder Kratzer im Lack zu sehen sind (Zwangshandlung). Durch diese rituell wiederholten Handlungen gelingt es dem Mann, seine quälende innere Anspannung kurzzeitig zu reduzieren.

Eine Frau erlebt immer wieder die unangenehme Vorstellung, sie könnte einen Kollegen mit einem Messer angreifen. Um diesen Gedanken loszuwerden, versucht sie, sich mit anderen Gedanken zu beruhigen. Sie sagt sich zum Beispiel immer wieder: „Es ist alles ok. Ich habe den Kollegen ja gestern gesehen und nicht angegriffen. Ich habe noch nie jemanden mit dem Messer angegriffen.“ Außerdem geht sie in Gedanken die letzten Tage noch einmal durch und sucht nach Anhaltspunkten dafür, dass sie den Kollegen vermutlich nicht angreifen wird. Solche Gedanken bezeichnet man dann als neutralisierende Gedanken oder „verdeckte Zwangshandlungen“.

Die häufigsten Arten von Zwangshandlungen sind Kontrollzwänge und Waschzwänge. Weitere Arten von Zwangshandlungen sind Ordnungszwang, Wiederhol- oder Zählzwang und Sammelzwang.

Die häufigsten Arten von Zwangshandlungen:

  • Kontrollzwang: Vor dem Verlassen der Wohnung muss eine Frau mehrmals kontrollieren, ob alle Elektrogeräte ausgeschaltet sind, ob alle Türen und Fenster geschlossen und ob kein Wasserhahn tropft. Sie befürchtet, dass sonst die Wohnung abbrennen, ein Einbruch geschehen oder ein Wasserschaden auftreten könnte. Die Kontrollen wiederholt sie 20 Mal in genau der gleichen Reihenfolge.
  • Waschzwang: Aus Angst, sich und ihre Familie mit einem Krankheitserreger zu infizieren, muss eine Frau nach dem Nachhausekommen ihren ganzen Körper und die Kleidung nach einem festgelegten Ritual reinigen. Außerdem wäscht sie sich bis zu 50 Mal am Tag die Hände, wobei sie immer mit dem kleinen Finger der linken Hand beginnt und sich dann nach rechts vorarbeitet. Wenn sie sich nicht sicher ist, ob sie bei dem Ritual einen Fehler gemacht hat, muss sie wieder von vorne anfangen. Dabei empfindet sie das ständige Waschen selbst meist als störend und sinnlos.
  • Ordnungszwang: Ein Mann hat das Bedürfnis, dass die Gegenstände in seiner Wohnung nach genau festgelegten Prinzipien angeordnet sind. Ist diese Ordnung gestört, fühlt er sich sehr unbehaglich. Daher verbringt er mehrere Stunden am Tag damit, die Ordnung zu überprüfen und zum Beispiel Bücher zurechtzurücken, die Falten in der Gardine glatt zu zupfen usw. Schon seit längerer Zeit lässt er keine anderen Menschen mehr in seine Wohnung.
  • Wiederhol- oder Zählzwang: Wiederhol- und Zählzwänge gehen oft mit einem magischen Denken einher. So muss eine Frau beim Teekochen fünf Mal hintereinander das heiße Wasser wegschütten und neu beginnen. Sie befürchtet, dass ihrer Tochter etwas zustoßen könnte, wenn sie dies nicht tut. Wenn sie glaubt, bei irgendeiner Tätigkeit im Haushalt einen Fehler gemacht zu haben, sagt sie Zahlen in einer bestimmten Reihenfolge auf, um zu verhindern, dass etwas Schlimmes geschieht. Was dies sein könnte, kann sie nicht genau angeben.
  • Sammelzwang: Ein Mann hat die Befürchtung, er könnte aus Versehen irgendetwas wegwerfen, was doch noch wichtig ist. Daher sammelt er in seiner Wohnung viele Dinge an. Wenn er doch einmal etwas wegwirft, kommt es häufig vor, dass er hinterher die ganze Mülltonne durchwühlt, um sicherzugehen, dass nicht doch etwas Wichtiges dabei war.

Die Beispiele zeigen auch, dass Zwangshandlungen manchmal zu einer Art Zwangsritual ausgebaut werden, bei dem verschiedene Handlungen nacheinander in genau der gleichen Weise durchgeführt werden müssen. Glaubt der Betroffene, einen Fehler gemacht zu haben, muss das Ritual meist von Anfang an wiederholt werden, was sehr viel Zeit in Anspruch nehmen kann.