Zwang und Zwangsstörung (Seite 3/5)

Häufigkeit, Verlauf und Diagnose

Zwangsstörungen sind eher seltene psychische Erkrankungen

Im Vergleich mit anderen psychischen Erkrankungen sind Zwangsstörungen relativ selten: Etwa zwei Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. Die Erkrankung fängt in den meisten Fällen in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter vor dem 30. Lebensjahr an. Dabei nehmen die Symptome häufig mit der Zeit weiter zu und können dann den normalen Alltag (zum Beispiel Arbeitsleben, Hobbys, Familienleben) immer stärker beeinträchtigen. Ohne Therapie bleibt die Störung bei zwei Drittel der Erkrankten chronisch bestehen. Bei einem Drittel kommt es dagegen zu einem Wechsel zwischen weitgehend symptomfreien Zeiten und Phasen, in denen die Symptome schubartig wieder auftreten. Die Auslöser sind dann meist psychische Belastungen und Stress.

Die Zwangsstörung kommt bei Männern und Frauen etwa gleich häufig vor. Männer bzw. Jungen erkranken dabei im Durchschnitt etwas früher als Frauen bzw. Mädchen.

Durch eine Therapie, die meist aus einer Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten besteht, kann der Verlauf der Erkrankung in vielen Fällen günstig beeinflusst werden. Zum einen nehmen dadurch die Symptome häufig deutlich ab. Außerdem lernen die Betroffenen in der Therapie, mit verbleibenden Zwangssymptomen besser umzugehen, so dass ihr Leidensdruck oft merklich abnimmt.

Noch bis in die 1990er Jahre war die Zwangsstörung in der Bevölkerung eine eher unbekannte Erkrankung. Zwangssymptome wurden von Außenstehenden häufig als „Marotten“ oder „seltsames Verhalten“ angesehen. Eine negative Bewertung durch andere und das Gefühl, die Zwänge verheimlichen zu müssen, stellen für die meisten Betroffenen eine deutliche Belastung dar. Auch der Eindruck, mit der Erkrankung alleine zu sein und nicht zu wissen, wie und wo man Hilfe bekommen kann, ist belastend und kann so zu einer Zunahme der Zwangssymptome beitragen.

Inzwischen sind Zwangsstörungen deutlich bekannter, und es gibt mehr Therapeuten, die sich auf die Diagnostik und Therapie von Zwängen spezialisiert haben. Für den Verlauf einer Zwangserkrankung ist es wichtig, möglichst frühzeitig mit einer Behandlung zu beginnen, da dann die Symptome noch leichter ausgeprägt und der Alltag noch nicht so stark beeinträchtigt ist. Aber auch für Betroffene, die schon seit längerer Zeit unter Zwängen leiden, ist es sinnvoll, eine Therapie aufzusuchen.

Diagnose einer Zwangsstörung

Um die Diagnose einer Zwangsstörung zu stellen, wird der Arzt oder Psychotherapeut zunächst Fragen zur aktuellen Symptomatik, zum Beginn und zum Verlauf der Zwangssymptome stellen. Weiterhin werden häufig Informationen zur Lebensgeschichte und zu früheren oder aktuellen Belastungen erhoben. Die Diagnose einer Zwangsstörung wird gestellt, wenn die Symptome mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen aufgetreten sind.

Um möglichst genau zu beobachten, wie oft und in welchen Situationen Symptome auftreten, werden oft auch Fragebögen wie die Yale-Brown Obsessive-Compulsive Symptom-Checkliste (Y-BOCS) oder Tagebücher, in denen die Symptome über einige Zeit notiert werden, eingesetzt.

Häufig treten zusammen mit einer Zwangsstörung noch andere belastende Symptome oder andere psychische Erkrankungen auf. Am häufigsten werden bei Zwangserkrankungen Depressionen, Angsterkrankungen und Alkoholmissbrauch beobachtet. Daher wird der Arzt oder Psychotherapeut möglicherweise auch Fragen nach weiteren Symptomen stellen, die in Zusammenhang mit einer Zwangsstörung auftreten können.