Zwang und Zwangsstörung (Seite 5/5)

Ursachen für die Entstehung einer Zwangsstörung

Wie bei anderen psychischen Erkrankungen geht man auch bei Zwangsstörungen davon aus, dass nicht eine einzelne Ursache sondern das Zusammenwirken verschiedener Faktoren für das Entstehen verantwortlich ist. Dabei spielt zum einen eine genetische Veranlagung (Vulnerabilität) eine Rolle, zum anderen haben auch psychische Faktoren und Störungen im Hirnstoffwechsel einen Einfluss.

Neurobiologische Faktoren

Untersuchungen mit Familien und Zwillingsstudien haben gezeigt, dass Zwangsstörungen durch genetische Faktoren beeinflusst werden. Dies bedeutet, dass das Risiko für eine Zwangserkrankung erhöht ist, wenn andere Familienmitglieder an der Erkrankung leiden. Eine erbliche Belastung bedeutet aber nicht, dass man zwangsläufig an der Störung erkranken wird.

Andere Studien geben Hinweise darauf, dass bei einer Zwangsstörung Regelkreise zwischen bestimmten Gehirnregionen gestört sind. Insbesondere scheint eine Überaktivität der Regelkreise zwischen Frontalhirn, Basalganglien und limbischem System vorzuliegen. Die Basalganglien sind eine Hirnregion, die für die Ausführung von Bewegungen zuständig ist und die gleichzeitig dafür sorgt, dass begonnene Handlungen und Gedanken auch zu Ende geführt werden. Das Frontalhirn ist dagegen für die Planung und Durchführung von Handlungen zuständig, und das limbische System spielt bei der Entstehung von Emotionen eine wichtige Rolle.

Die Ergebnisse der Studien lassen darauf schließen, dass Steuerungsimpulse, die vom Frontalhirn kommen, durch die Basalganglien nicht mehr wirksam gefiltert oder unterdrückt werden können. Dies führt dazu, dass die Betroffenen einmal begonnene Gedanken oder Handlungen nicht mehr angemessen steuern oder beenden können und sie dann immer wieder in der gleichen Art und Weise wiederholen.

Zudem besteht bei Zwangserkrankungen offenbar eine Störung im Stoffwechsel des Botenstoffes Serotonin. Wie dieses Ungleichgewicht zur Entstehung von Zwängen führt, ist aber bisher noch weitgehend unklar. Untersuchungen zeigen aber, dass Medikamente, die auch bei Depressionen eingesetzt werden und den Serotonin-Stoffwechsel wieder normalisieren, häufig zu einem deutlichen Rückgang der Zwangssymptome führen.

Verhaltenstherapeutische Modelle

Im Rahmen der Verhaltenstherapie wurden verschiedene Modelle entwickelt, die die Entstehung von Zwängen erklären. Dabei werden die Zwangssymptome vor allem als eine Form der Angstbewältigung angesehen. So kann wiederholtes Kontrollieren die Angst, dass etwas Katastrophales passieren könnte, kurzfristig verringern. Und wiederholtes Händewaschen kann die Angst, eine ansteckende Erkrankung zu bekommen, kurzfristig senken.

Zwei-Faktoren-Modell von Mowrer

In diesem etwas älteren Modell wird die Entstehung von Zwängen ähnlich wie die Entstehung von Ängsten erklärt – und zwar durch die Lernprozesse der klassischen und der operanten Konditionierung. Demnach wird ein ursprünglich neutraler Reiz (zum Beispiel Schmutz) durch gleichzeitiges Auftreten mit einem angstauslösenden Ereignis (zum Beispiel einem traumatischen Erlebnis) selbst zu einem angstauslösenden Reiz. Diesen Vorgang bezeichnet man als klassische Konditionierung.

Im zweiten Schritt gelingt es dem Betroffenen, seine Angst durch bestimmte Verhaltensweisen (zum Beispiel Waschen) zu verringern. Da das Waschen den positiven Effekt hat, dass die Angst abnimmt, wird es in der Folge immer wieder eingesetzt. Diesen Vorgang bezeichnet man auch als operante Konditionierung.

Das Problematische bei diesem Prozess ist, dass jemand durch seine Zwangshandlungen nicht die Erfahrung machen kann, dass auch dann nichts Katastrophales passiert, wenn er die Handlungen unterlassen würde. Wenn sich jemand zum Beispiel jeden Tag zwei Stunden lang nach einem bestimmten Ritual wäscht, kann er nicht die Erfahrung machen, dass er auch ohne das Ritual höchstwahrscheinlich nicht an einer schweren Krankheit erkranken würde. Ähnlich wie bei Angststörungen spricht man daher auch bei Zwängen von Vermeidungsverhalten: Wenn jemand unter Ängsten leidet, geht er häufig Situationen aus dem Weg, die er als beängstigend erlebt. Wenn jemand an einer Zwangserkrankung leidet, vermeidet er die Angst, indem er Zwangshandlungen durchführt. Dieses Vermeidungsverhalten führt jedoch dazu, dass die Erkrankung langfristig aufrechterhalten wird.

Kognitiv-behaviorales Modell von Salkovskis

Dieses Modell geht davon aus, dass sich auch bei gesunden Menschen von Zeit zu Zeit Gedanken gegen ihren Willen aufdrängen – zum Beispiel aggressive Gedanken wie „Ich könnte meinen Chef erwürgen“. Allerdings bewerten Menschen mit Zwangsstörungen solche Gedanken als besonders negativ und erschreckend und versuchen daher, sie zu vermeiden. Die Vermeidung kann entweder auf der gedanklichen Ebene geschehen, indem der Gedanke unterdrückt wird, oder auf der Verhaltensebene, indem der bedrohliche Gedanke durch eine Zwangshandlung „neutralisiert“ wird. Allerdings hat das Unterdrücken von Gedanken – ähnlich wie bei dem bekannten Versuch, nicht an einen weißen Elefanten zu denken – häufig den gegenteiligen Effekt: Der Gedanke tritt nun noch häufiger auf. Auf diese Weise führt das Unterdrücken ungewollter Gedanken zwar kurzfristig zu Erleichterung, langfristig treten die Gedanken aber verstärkt auf.

Warum empfinden nun gerade Menschen mit einer Zwangsstörung „normale“ aufdringliche Gedanken als besonders unangenehm? Hierbei könnte eine Rolle spielen, dass die Betroffenen häufig besonders hohe moralische Ansprüche haben. Diese führen dazu, dass sie einen unwillkürlichen aggressiven oder obszönen Gedanken viel schlechter akzeptieren können als andere Menschen. Gleichzeitig überschätzen Menschen mit einer Zwangsstörung häufig sowohl die Wahrscheinlichkeit für ein negatives Ereignis als auch ihre eigene Verantwortlichkeit. So halten es manche für sehr wahrscheinlich, dass sie einen Autounfall verursachen könnten – obwohl gerade Menschen mit Zwängen besonders vorsichtig Auto fahren. Zusätzlich halten sie es für wahrscheinlich, dass bei dem Unfall Tote und Verletzte geben wird – obwohl die meisten Autounfälle Bagatellunfälle mit Blechschaden sind. Darüber hinaus überschätzten viele Betroffene die Bedeutung unwillkürlicher negativer Gedanken und haben häufig das Gefühl: „Wenn ich dies denke, wird es auch geschehen.“

Psychoanalytische Modelle

Nach der Theorie von Sigmund Freud entsteht die Grundlage für Zwangsstörungen in der so genannten analen Phase, im Alter von etwa zwei bis drei Jahren. Nach Freud erleben Kinder in dieser Phase die anale Ausscheidung als lustvoll. Gleichzeitig beginnt in diesem Alter meist die Sauberkeitserziehung, bei der die Kinder lernen, Kontrolle über triebhafte Bedürfnisse zu erlangen. Wenn die Eltern mit der Sauberkeitserziehung zu früh beginnen oder zu streng sind, kommt es beim Kind auf der einen Seite zu aggressiven Impulsen des triebhaften „Es“. Auf der anderen Seite können jedoch auch Scham- und Schuldgefühle und Angst vor den aggressiven Impulsen auftreten. Diese Gefühle führen dazu, dass das Kind versucht, die aggressiven Impulse zu kontrollieren und zu unterdrücken. Es entsteht ein Konflikt zwischen dem triebhaften „Es“ und dem realitätsbezogenen „Ich“, die zu einer Fixierung auf die anale Entwicklungsstufe und in der Folge zur Entwicklung einer Zwangsstörung führen kann. Dabei werden die „Es“-Impulse zu den unwillkürlichen, aggressiven Zwangsgedanken, während sich die Abwehrmechanismen des „Ich“ als Zwangshandlungen äußern.

Eine Weiterentwicklung der Theorie in der so genannten Ich-Psychologie geht davon aus, dass nicht die strenge Sauberkeitserziehung, sondern der unbefriedigte Wunsch nach Selbstverwirklichung oder Gefühle von Angst und Unsicherheit zu aggressiven Impulsen führen können, die sich dann als Zwangsgedanken äußern können.

Quellen

  • Medizin- und Gesundheitsdienst Onmeda
  • Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.
  • WHO (2010). Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10, Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. 7., überarbeitete Auflage. Hrsg. H. Dilling, W. Mombour & M. H. Schmidt. Verlag Hans Huber, Bern.
  • A. Lakatos & H. Reinecker (2007). Kognitive Verhaltenstherapie bei Zwangsstörungen. Ein Therapiemanual. Hogrefe-Verlag, Göttingen.
  • J. Margraf & S. Schneider (2009). Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Springer-Verlag, Heidelberg.
  • D. Althaus, N. Niedermeier, S. Niescken (2008). Zwangsstörungen. Wenn die Sucht nach Sicherheit zur Krankheit wird. Verlag C. H. Beck, München.
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