Suizid (Seite 5/7)

Hilfsangebote und Therapien für Menschen mit Suizidgedanken

Dieser Abschnitt wendet sich an Menschen, die den Gedanken tragen, sich das Leben zu nehmen. Dieser Abschnitt ist Ihnen persönlich gewidmet.  Bitte prüfen Sie doch, ob folgende Beschreibung in Teilen oder ganz auf Sie passt:

  • Sie fühlen sich hoffnungslos?
  • Sie sehen keinen Ausweg aus Ihrer persönlichen Situation?
  • Sie können nur noch ganz wenige Gefühle wahrnehmen, nicht mehr alles von Traurigkeit bis hin zur vollen Freude?
  • Sie fühlen sich vor allem depressiv, ausgeschlossen und allein gelassen?
  • Sie fühlen sich von Menschen konkret betrogen oder sehr verletzt?
  • Sie haben in den letzten Wochen oder Monaten große Verluste erlitten? Beispielsweise geliebte Menschen verloren, Finanzverluste erlitten oder eine Arbeitsstelle verloren? Oder vermeintlich gute Freunde haben Sie so richtig im Stich gelassen?
  • Meinen Sie, einem Promi, der sich umgebracht hat, das nachmachen zu wollen, obwohl das gar nicht Ihr Leben ist?
  • Sie haben entweder einen ersten Gedanken gefasst, sich umzubringen oder planen dies schon konkret?
  • Sie wollen kaum noch jemanden oder niemanden mehr sehen?
  • Sie haben bereits begonnen, sich von Menschen ganz zu verabschieden?

Bitte suchen Sie das Gespräch

Bitte offenbaren Sie einem oder mehreren Menschen, dass Sie diesen Gedanken hegen, sich umzubringen. Bitte geben Sie sich und den anderen die Chance, einzugreifen und Ihre Situation zu verändern. Viel mehr Menschen, als Sie meinen, kennen diese Gedanken und werden Ihnen zuhören. Jede Minute Ihres Lebens ist kostbar.

Schnelle professionelle Hilfsangebote für Betroffene

Wenn Sie sich niemandem aus Ihrem persönlichen Umfeld anvertrauen wollen, rufen Sie bitte eine der folgenden Telefonnummern an und suchen professionelle Unterstützung:

Rasche professionelle Nothilfe per Telefon, E-Mail oder Chat finden Sie hier: (Stand April 2019)

Telefon:

  • Telefonseelsorge (0800 111 0 111)
  • Nummer gegen Kummer (116 111)
  • Im Notfall Polizei (110) oder Rettungsdienst (112) anrufen!

Internet:

Psychotherapeuten-Suchen im Internet und Telefonbuch

Im Telefonbuch oder Internet finden Sie auch immer Psychotherapeut/innen, die Ihnen nach Ihrer Aussage, Sie suchten sehr dringend Unterstützung, auch weiterhelfen werden!

Therapeutensuche

Reden hilft! Das wissen diejenigen, die einen Suizidversuch hinter sich haben und Gesprächspartner gefunden haben.

Bitte überlegen Sie also ganz dringend im Sinne Ihrer Lieben – und es gibt immer Menschen, die Sie mögen und brauchen! – den Schritt zum Selbstmord zu überdenken. Bitte suchen Sie so rasch als möglich Unterstützung von außen, denn Sie sind wertvoll!

Therapieformen für Gefährdete und Angehörige

Suizidalität hat zumeist mehrere Ursachen. Fachleute bezeichnen sie auch als multifaktoriell bedingt. Das heißt, es ist eine Mischung aus biologischen, psychischen und sozialen Faktoren, welche in ihrem Zusammenwirken zu einer Suizidabsicht führen. Daher ist häufig auch eine Kombination von verschiedenen therapeutischen Ansätzen nötig, um das Problem auf möglichst allen Ebenen zu lösen. Die drei Hauptansätze sind:

  • Krisenintervention
  • Medikamentöse Therapie
  • Psychotherapie

Krisenintervention

Aufgrund ihrer zeitlichen Begrenzung gilt die Krisenintervention als Kurztherapie. Ihr Ziel besteht hauptsächlich darin, eine bestehende akute Krise zu überwinden und eine mögliche Selbst- oder Fremdgefährdung zu verhindern. Dazu muss der Therapeut zunächst das grundlegende Problem des Betroffenen herausfinden.

Im Rahmen der Krisenintervention sollen darüber hinaus sowohl die Belastung, Komplexität und Vertracktheit einer Situation gesenkt als auch die Selbsthilfekräfte des Betroffenen aktiviert werden.

Bis zum nächsten Treffen, das in der Regel am nächsten Tag stattfindet, sind befristete Vereinbarungen ein weiterer Teil der Therapie. Diese Vereinbarungen können einhergehen mit kleinen konkreten Handlungsanweisungen für den Betroffenen, wie zum Beispiel kleine Rituale durchzuführen oder sich einen Kaffee zu kochen.

BELLA-Konzept

Eine häufig angewandte Methode innerhalb der Krisenintervention ist das sogenannte BELLA-Konzept (Hockel 2013): Als Erstes muss der Therapeut eine Beziehung aufbauen, anschließend die Situation erfassen, die Symptome lindern und schließlich weitere Leute (idealerweise aus dem Umfeld des Betroffenen) miteinbeziehen und zu guter Letzt mit dem Betroffenen einen Ansatz zur Problembewältigung entwickeln. Gerade auch für Menschen, die eine längere Behandlung ablehnen, ist eine solche Krisenintervention ein Kompromiss.

BELLA-Konzept in der Übersicht:
- Beziehung aufbauen
- Situation erfassen
- Symptome lindern
- Leute einbeziehen
- Ansatz zur Problembewältigung

Vom Suizid betroffenes Umfeld

Suizidgefährdete mögen vielleicht denken, sie bräuchten keine Unterstützung von außen, denn deren Problemlage würde sich durch eine Selbsttötung ja lösen.

Tatsächlich aber lösen diejenigen, die sich wirklich umbringen, damit in ihrem gesamten sozialen Umfeld (Familie, Freunde, Arbeits- oder Schulkollegen) erhebliche neue Probleme aus. Weltweit nehmen sich etwa 800.000 Menschen das Leben. Damit sind jeweils durchschnittlich 60 Menschen verbunden, die mit dem Schritt in den Tod eines Einzelnen klarkommen müssen.

Insgesamt sind es also mindestens 48 Mio. Menschen, die unter den Folgen von vollendeten Suiziden leiden. Tatsächlich sind viele dieser Menschen deutlich mehr gefährdet, dem vorangegangenen Schritt zu folgen und werden einen Selbstmordversuch unternehmen. Denn sie kommen mit dem Schritt meistens eben nicht klar, fühlen sich verlassen oder ausgegrenzt.

Psychotherapie

Im Zentrum der Psychotherapie steht hauptsächlich die Behandlung des Auslösers wie beispielsweise familiäre Probleme, Mobbing, Behandlung der Depression oder anderen psychischen Erkrankungen und mehr. Die drei geläufigsten Methoden der Psychotherapie bei Suizidgefährdung sind die folgenden:

- Schemafokussierte Therapie (SFT)

- Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT)

- Kognitive Verhaltenstherapie (CBT)

Schema-Therapie (SFT)

Bei der sogenannten Schema-Therapie stellt der Therapeut dem Betroffenen zunächst die Frage nach seinen Problemen und wie diese entstanden sind.

Im Anschluss werden die Ziele der Behandlung gemeinsam festgelegt. Die Schema-Therapie setzt bei den sogenannten Schemata an. Damit sind typische Gefühls- und Gedankenmuster gemeint, die das Verhalten des Betroffenen lenken. Die ungünstigen Schemata, die beim Betroffenen zu hinderlichen Denk- und Verhaltensweisen führen, werden häufig mithilfe eines Fragebogens ermittelt.

Im Laufe der Therapie soll der Betroffene zunächst verstehen lernen, wie „seine“ Schemata entstanden sind. Darauf aufbauend soll der Betroffene sein bisheriges Verhalten hinterfragen und es im Idealfall ändern.

In einer weiteren Phase sollen die ungünstigen Schemata abgeschwächt werden.

Abschließendes Ziel dieser Behandlungsphase ist es, die verbesserten Schemata in den Alltag zu integrieren.

Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT)

Wie der Name bereits verrät, steht bei der dialektisch behavioralen Therapie die Dialektik im Vordergrund: Bezogen auf die Erreichung der festgelegten Ziele gibt es kein Richtig oder Falsch, nur unterschiedliche Positionen, die es miteinander in Einklang zu bringen gilt.

Beispielsweise sucht der Therapeut eine Lösung, die zwischen Akzeptanz einer Situation und deren Veränderung liegt. Der Therapeut bewahrt dabei eine validierende Grundhaltung: Das heißt er respektiert, anerkennt und akzeptiert grundsätzlich die aktuelle Gefühls- und Erlebniswelt der jeweiligen Person.

Zudem werden dabei vier wesentliche Fähigkeiten trainiert: Die innere Achtsamkeit, die interpersonelle Wirksamkeit, die Emotionsregulierung und die Stresstoleranz.

Kognitive Verhaltenstherapie (CBT)

Die kognitive Verhaltenstherapie ist eine Kombination aus der kognitiven Therapie und der Verhaltenstherapie. Die Idee dahinter ist folgende: Unsere Gedanken und unser Verhalten hängen eng miteinander zusammen.

Eine zentrale Aufgabe des Betroffenen ist es bei dieser Therapiemethode oftmals, seine Gedanken in einem Tagebuch aufzuschreiben, das als Gesprächsgrundlage dient.

Auch Entspannungsübungen und ein Training zur Stressbewältigung kann ein Bestandteil der kognitiven Verhaltenstherapie sein.

Insbesondere für jugendliche Betroffene bietet sich auch eine Familientherapie an. Denn das gesamte Umfeld beschäftigt sich so zugunsten des Betroffenen mit der Situation, das Gefühl der Einsamkeit und des Ausgeliefertseins wird dadurch verringert.

Medikamentöse Therapie

Die meisten Suizide geschehen im Rahmen von Depressionen. Leidet ein Suizidgefährdeter an einer Depression, wird versucht, die Symptome mit dementsprechenden Medikamenten in den Griff zu bekommen. In der Regel handelt es sich dabei um Antidepressiva [vor allem Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSR), Serotonin und Noradrenalinaufnahmehemmer, Trizyklische Antidepressiva (TRZ) und Stimmungsstabilisierer.

Dabei besteht die Gefahr, dass gerade zu Beginn der Therapie mit Antidepressiva zunächst ein erhöhtes Suizidrisiko auftreten kann. Das ist darin begründet, dass Antidepressiva gleichermaßen antidepressiv und aktivierend wirken sollen.

Oftmals setzt die antidepressive Wirkung jedoch erst einige Wochen nach Einnahmebeginn ein, während sich die aktivierende schneller bemerkbar macht. Die Folge: Die Betroffenen haben nun mehr Energie, ihre Pläne umzusetzen. Dies ist jedoch nicht bei allen Antidepressiva der Fall, sondern hängt wiederum mit der Wirkstoffklasse zusammen, wie es eine Studie besagt.

In jedem Fall ist es ratsam, die Betroffenen zu dieser Zeit aufmerksam zu beobachten. Je nach Auslöser der Suizidgedanken werden auch andere Medikamente eingesetzt oder die Medikamente entsprechend kombiniert: Auch eine Kombination von SSRI und beispielsweise atypischen Antipsychotika ist denkbar.

Im Rahmen der Krisenintervention spielen Medikamente in der Regel meist nur eine untergeordnete Rolle, bei akuten Erregungszuständen wird beispielsweise oft Haloperidol verschrieben oder auch Benzodiazepine als Beruhigungsmittel.