Somatoform: Beschwerden ohne klare organische Ursachen (Seite 4/6)

Erklärungsansätze, Diagnose, Häufigkeiten und Verlauf

Wie bei anderen psychischen Störungen wird angenommen, dass die Erkrankung durch ein Zusammenwirken von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren entsteht. Genetische Faktoren könnten die Entstehung der Störung begünstigen – zum Beispiel eine genetisch bedingte, besonders starke Reaktionsbereitschaft des vegetativen Nervensystems.

Vermutlich tragen aber vor allem psychische und soziale Faktoren zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Erkrankung bei. So kann ausgeprägter oder lang anhaltender Stress zu einer ständigen Anspannung und zu einer Fehlregulierung der inneren Organe führen.

Untersuchungen zeigen, dass viele Betroffene schon in ihrer Kindheit starken Stress erlebt haben und / oder sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt wurden: 59 Prozent der Patienten berichten über sexuellen Missbrauch und 43 Prozent über körperliche Misshandlungen in der Kindheit. Viele haben außerdem erlebt, dass ihre Eltern oder Geschwister häufig krank waren.

Darüber hinaus wurden viele für Kranksein „belohnt“, indem sie von ihren Eltern in der Schule krank gemeldet oder vom Sportunterricht befreit wurden. Auf diese Weise haben die Betroffenen gelernt, Kranksein mit positiven Aspekten zu verbinden.

Kognitiv-verhaltenstherapeutische Erklärungen

Aus Sicht der kognitiven Verhaltenstherapie spielt bei der Aufrechterhaltung der Symptome die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf körperliche Prozesse eine wichtige Rolle. Viele Betroffene neigen dazu, körperliche Symptome stark zu beachten und schnell eine schwerwiegende Ursache zu vermuten (Katastrophisierung). Treten körperliche Beschwerden auf, machen sie sich starke Sorgen, was in einer Art Teufelskreis die Symptome verstärkt. Auch durch die häufigen Arztbesuche und die verschiedenen Untersuchungen und Behandlungen ist ihre Aufmerksamkeit ständig auf die körperlichen Symptome gerichtet – was diese ebenfalls verstärken kann. Außerdem haben viele der Patienten das Selbstbild, körperlich schwach und nur wenig belastbar zu sein.

Psychoanalytische Erklärungen

Aus Sicht der Psychoanalyse kann es sein, dass unerträgliche seelische Konflikte und Gefühle wie Wut, Angst, Ärger oder Unzufriedenheit ins Unbewusste verdrängt werden – und sich dann in körperlichen Symptomen äußern. Dies könnte auch erklären, warum die Patienten oft sachlich wirken und nur wenige Gefühle zeigen. Durch die häufigen Arztbesuche versuchen die Betroffenen – aus psychoanalytischer Sicht – unbewusst, die Fürsorge zu bekommen, nach der sie sich seit ihrer Kindheit sehnen.

Diagnose und Häufigkeiten

Wichtig bei der Diagnosestellung ist, dass zunächst eine sorgfältige körperliche Untersuchung durchgeführt wird, um mögliche organische Ursachen eindeutig auszuschließen. Gleichzeitig sollte der Arzt darauf achten, ob ein Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und den körperlichen Beschwerden besteht: Haben die Symptome zum Beispiel in einer Phase starker psychischer Belastung begonnen oder haben sie sich durch psychische Belastungen verstärkt?

Im nächsten Schritt ist eine sorgfältige psychologische Diagnostik wichtig: Dabei werden aktuelle psychische Probleme, Belastungen im Lauf der Lebensgeschichte, Aspekte der Persönlichkeit und Belastungen in Familie und Beruf erfragt. Um aktuelle psychische Beschwerden zu erfassen, können auch Fragebögen wie die Symptomcheckliste SCL-90-R (Franke, 1994) oder das Screening für somatoforme Störungen (SOMS, Rief, Hiller & Heuser, 1997) verwendet werden.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit falscher Diagnosen sehr gering ist, wenn die Diagnostik auf diese Weise durchgeführt wird.

Zur Häufigkeit von somatoformen Störungen gibt es unterschiedliche Angaben. Nach aktuellen Untersuchungen sind etwa 13 Prozent der Bevölkerung von der Erkrankung betroffen. Sie tritt bei Frauen häufiger auf als bei Männern – kommt aber auch bei Männern durchaus vor: Man geht davon aus, dass etwa 60 Prozent der Erkrankten Frauen und 40 Prozent Männer sind.

Eine somatoforme Störung beginnt meist vor dem 25. Lebensjahr, wobei die ersten Symptome oft schon in der Jugend auftreten. In manchen Fällen entwickelt sich die Störung aber auch erst in einem späteren Lebensalter. Mit der Zeit verstärken sich die Beschwerden und treten immer häufiger auf. Die Erkrankung besteht meist über lange Zeit, wobei die Beschwerden in manchen Phasen stärker und in anderen schwächer sein können.

Test zu somatoformen Störungen

Welche anderen psychischen Erkrankungen treten häufig gleichzeitig auf?

Somatoforme Störungen treten oft zusammen mit anderen psychischen Störungen auf – vor allem mit Depressionen und Angststörungen. Auch Suchterkrankungen (Missbrauch oder Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen) kommen häufig gleichzeitig vor.

Bei vielen Betroffenen lassen sich ausgeprägte, unflexible Verhaltensmuster beobachten, die man auch als Persönlichkeitsstörungen bezeichnet. Am häufigsten kommen hier die histrionische und die Borderline-Persönlichkeitsstörung vor.

Auf der anderen Seite lassen sich bei auch Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen oft psychisch bedingte körperliche Symptome beobachten – dies zeigt, dass ein enger Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und körperlichen Beschwerden besteht.

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