Neurodiversität (Seite 4/8)

Neurodiversität bei Kindern und Jugendlichen

Bandbreite der Symptome erschwert eine frühzeitige Diagnose

Wie der Begriff es schon ausdrückt, umfassen Autismus-Spektrum-Störungen einen weiten Bereich an Ausprägungen von Autismus. Damit kann die Störung eines Kindes, das kognitiv sehr stark eingeschränkt ist, sehr früh Auffälligkeiten zeigt und immer, auch im Erwachsenenalter, auf sehr viel Unterstützung angewiesen sein wird, beschrieben werden. Ebenso können auch Menschen, die auf andere etwas eigenartig wirken, aber insgesamt über ein sehr hohes Funktionsniveau verfügen und kaum auf äußere Unterstützung angewiesen wären, mit Autismus diagnostiziert werden.

Meist erst im Alter von drei bis vier diagnostizierbar

Genau diese Bandbreite macht es auch schwer, Autismus in jedem Fall schon im Kindesalter diagnostizieren zu können. Dabei kann es für die Betroffenen sehr entscheidend sein, relativ früh eine eindeutige Diagnose zu bekommen, um Anspruch auf eine entsprechende Unterstützung wie Nachteilsausgleich in der Schule zu bekommen. Autismus-Spektrum-Störungen lassen sich ab dem Lebensalter von eineinhalb bis zwei Jahren erstmalig diagnostizieren

Asperger Syndrom

Kinder mit Asperger-Syndrom, einer hochfunktionalen  Form des Autismus, können hingegen meist erst im Alter von drei bis vier Jahren diagnostiziert werden.

Für die Umgebung, Eltern oder Erzieher, ist es sehr wichtig, früh über die Beeinträchtigungen ihrer Kinder aufgeklärt zu werden, damit sich die autistischen Verhaltensweisen ihres Kindes weniger verfestigen und das Kind durch soziale Trainings oder dergleichen andere oder zusätzliche Strategien im Umgang mit anderen Menschen erlernen kann.

Einfluss auf kommunikative und soziale Fähigkeiten

Aktuelle Studien zeigen, dass die Entwicklung des kindlichen Gehirns auf positive Weise beeinflusst werden kann, je früher ein Kind mit Autismus in gezielter Weise familiär und therapeutisch gefördert wird. Die früh einsetzende autismusspezifische Therapie hilft, die fehlenden Fähigkeiten der Kinder auszugleichen und die Stärken der Kinder zu erweitern.

Das Asperger Syndrom, benannt nach dem österreichischen Kinderarzt und Heilpädagogen Johann Karl Friedrich Asperger, der 1943 es erstmals beschrieb, hat einen großen Einfluss auf die kommunikativen und sozialen Fähigkeiten der betroffenen Kinder und Jugendlichen und beeinflusst stark deren kognitive und emotionale Entwicklung. 

Dieses Syndrom kann sich außerdem durch stereotype Verhaltensweisen und ein zwanghaftes Festhalten an Ritualen und täglichen Abläufen äußern. Die Betroffenen zeigen eine oft eingeschränkte Selbstwahrnehmung und geringes Einfühlungsvermögen in andere Menschen.

Die Betroffenen verfügen meist über eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz. Das Asperger Syndrom kann auch in Kombination mit anderen psychischen Störungen wie ADHS auftreten, wobei es dann Überschneidungen bei den Symptomen gibt.

Sinne können nicht angemessen eingeordnet werden

Das auffälligste Merkmal bei Autismus-Erkrankungen ist, dass die Betroffenen zwar die von ihrer Umgebung ausgehenden Reize sinnlich wahrnehmen, aber nicht richtig verarbeiten, koordinieren und einordnen können. Dadurch kann der Betroffene das Verhalten seiner Mitmenschen im Grunde nicht wirklich nachvollziehen und sich nicht in sie hineinversetzen. Er verfügt über zu geringe kommunikative Kompetenzen, selbst sein Verhalten daran zu orientieren.

Das Asperger Syndrom ist eine Störung, durch die auch das Selbstwertgefühl der Betroffenen stark in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Sie spüren die Irritationen, die sie in der sozialen Interaktion hervorrufen und erkennen die Grenzen ihrer Kommunikationsfähigkeiten.

Jugendliche Betroffene erleben es häufig, dass sie anecken, weil sie die steigenden sozialen Anforderungen nicht erfüllen können. Dadurch ziehen sie sich mitunter noch mehr zurück oder werden besonders aktiv und führen einseitige und überfordernde Gespräche mit ihrem Umfeld.

Bei älteren Kindern werden die Anzeichen, die für Autismus sprechen, klarer:

  • Außergewöhnlicher Sprachstil
  • Abnormale Körperhaltung
  • Sich immer wiederholende Bewegungen wie etwa Headbangen, also den Kopf schnell vor- und rückwärts, seitwärts, im Kreis oder in Achterform bewegen
  • Auffallend aggressives oder allzu ängstliches Verhalten
  • Vermeiden von Blick- und Körperkontakt, Mimik oder Gestik
  • Schwierigkeiten beim Verständnis einfacher Fragen, Anweisungen und Ironie
  • Häufige Wiederholung von Wörtern und Sätzen
  • Von sich selbst in der dritten Person sprechen
  • Überempfindlichkeit
  • Starre Routine und Anpassungsschwierigkeiten
  • Zwanghafte Ordnungsprinzipien
  • Ausgeprägte Sonderinteressen
  • Probleme, eigene Gefühle zu verstehen und auszudrücken
  • Fehlende Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und subtile nonverbale Hinweise zu interpretieren
  • Distanziertheit und fehlendes Interesse am Spielen
  • Probleme, Gespräche aufrechtzuerhalten
  • Große Mühe, soziale Kontakte aufzubauen

Symptome

Auftretende Symptome können in unterschiedlichen Ausprägungen und Beeinträchtigungen und auch in individuell wechselnder Häufigkeit erscheinen:

  • besondere Vorliebe für konstruktive und anforderungsreiche Gedulds- und Kombinationsspiele
  • kein kreatives Spielen und Beschäftigung meistens mit dem gleichen Spielzeug
  • keine aktive Teilnahme an einer Gruppentätigkeit oder Gruppenspiel über längeren Zeitraum
  • Alltagsgefahren, zum Beispiel im Straßenverkehr, werden nicht erkannt 
  • unbegründete Ängste vor gewöhnlichen Gegenständen 
  • körperliche Nähe und Berührungen werden als unangenehm empfunden
  • der Augenkontakt wird gemieden
  • die Sprache fehlt oder wird nicht zur Kommunikation eingesetzt
  • kein Interesse an anderen Menschen
  • auffälliges Spielverhalten mit Neigung zu stereotypen Wiederholungen
  • auffällige Hand- oder Körperbewegungen
  • Faszination an drehenden oder sich bewegenden Dingen
  • besondere Kenntnisse oder Leistungen in eingegrenzten Gebieten

Frühkindlicher Autismus

Der austro-amerikanische Kinder- und Jugendlichenpsychiater Leo Kanner beschrieb den nach ihm benannten Frühkindlichen Autismus, der als schwerste Form gilt, 1943 als erster.

Der sogenannte Kanner-Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die in der frühen Kindheit beginnt und sich in verschiedenen Auffälligkeiten zeigt. Oft treten in den ersten Lebenswochen Symptome beziehungsweise Auffälligkeiten auf, spätestens aber bis zum 30. Lebensmonat. Eine frühzeitige Erkennung ermöglicht eine gezielte Förderung bei Kindern. Durch eine Frühförderung können viele Beeinträchtigungen verbessert und auch kompensiert werden.

Menschen mit frühkindlichem Autismus unterscheiden sich in ihren Symptomen stark. Die Entwicklung autistischer Kinder ist sehr individuell und es gibt keine einheitliche Symptomatik. Bei Verdacht ist deshalb eine Vorstellung bei einem Kinderarzt oder -psychiater wichtig. 

Auffälligkeiten in soziale Interaktionen

Betroffene Kinder können soziale und emotionale Signale ihrer Mitmenschen schwer deuten und auch nur begrenzt selbst ihre Gefühle und Empfindungen mitteilen. Sie zeigen häufig unangemessene Reaktionen auf die Emotionen anderer und unangemessenes Verhalten in sensiblen Situationen. Spielerische Situationen mit Imitationsverhalten fallen ihnen schwer. Sie haben insgesamt wenig Interesse an einem gemeinschaftlichen Spiel mit Gleichaltrigen.

Kommunikation stark reduziert

Die Kommunikation gestaltet sich bei betroffenen Kindern schwierig, ebenso wechselseitiger Austausch in Unterhaltungen und eine gewisse Flexibilität im Sprachausdruck und in der Sprachmelodie. Mimik, Gestik oder Körpersprache setzen sie selten ein, Blickkontakt und Körperkontakt vermeiden sie. Auf Ansprache oder ihren Namen reagieren betroffene Kinder nicht oder nur verzögert.

Es kann aber auch zu extremen Reaktionen auf akustische Reize oder auf Ansprache kommen. Haben Betroffene sprechen gelernt, klingt ihre Sprache oft singend, klingend oder roboterartig. Sie entwickeln eigene Wörter oder wiederholen einzelne Wörter vielfach hintereinander.

Stereotype Verhaltensweisen

Verhaltensweisen bei autistischen Kindern sind stereotyp, wiederholen sich immer wieder und sind häufig eingeschränkt. Aufgaben im Alltag von autistischen Kindern werden täglich in derselben Routine ausgeführt und sind von Ritualen geprägt. Beispielsweise werden bevorzugt immer dieselben Lebensmittel in gleicher Konsistenz und Temperatur gegessen.

Auf Veränderungen im Tagesablauf, der Umgebung oder im sozialen Umfeld können betroffene Kinder mit starker Angst und Aufregung reagieren. Sie beschäftigen sich wiederholt mit den gleichen Dingen. Ein besonderes Interesse besteht oft an Teilaspekten von Objekten.

Auch motorische Stereotypien, zum Beispiel Schaukeln oder andere seltsam wirkende Bewegungen, treten auf. Häufig kichern Betroffene ohne erkennbaren Grund. Außerdem sind Kinder mit frühkindlichem Autismus oft unempfindlich gegenüber Wärme und Kälte. Häufig weigern sie sich, bestimmte Kleidung anzuziehen.

Liebkosungen werden häufig abgelehnt

Um ihre Bedürfnisse zu äußern, wählen autistische Kinder oft andere Mittel als Kinder ohne Autismus. Beispielsweise führen sie andere Personen zu etwas oder einem Ort, um ihnen zu signalisieren, dass sie etwas Bestimmtes brauchen. Meist bevorzugen sie den visuellen Sinn. Da andere Reize oft ausgeblendet werden, kommt es nicht selten zu ungeschickten Verhaltensweisen.

Betroffene Kinder ziehen sich meist zurück und bleiben lieber für sich, sie haben wenig Interesse an der Umwelt. Das äußert sich selbst im Kontakt zu ihren Eltern. Beispielsweise zeigen sie kaum typische Signale für die Suche nach Zuneigungen wie das Ausstrecken der Arme nach den Eltern, um hochgehoben zu werden. Liebkosungen von ihren Eltern werden häufig abgelehnt oder nicht erwidert. 

Diese Symptome können ein Hinweis auf Frühkindlichen Autismus bei Säuglingen und kleineren Kindern sein: 

  • Keine Reaktion auf den eigenen Namen oder bekannte Stimmen
  • Kein “Baby-Talk“
  • Fehlende Hin- und Her-Gesten wie Zeigen oder Greifen

Atypischer Autismus

Atypischer Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die häufig mit einer schweren Intelligenzminderung einhergeht. Atypisch beschreibt eine Abweichung von der Autismus-Spektrum-Störung des frühkindlichen Autismus. Das Alter, in dem sich der Atypische Autismus zeigt, ist höher als bei Kindern mit Frühkindlichem Autismus. Meist wird die Erkrankung im oder nach dem dritten Lebensjahr entdeckt; wobei nicht alle diagnostischen Kriterien des Frühkindlichen Autismus bei Atypischem Autismus erfüllt werden. Das Verhalten ist dennoch typisch autistisch.

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