Neurodiversität (Seite 2/8)

Neurodiverse Erwachsene waren lange auf sich gestellt

Ab den 1990er Jahren ermöglichte die Diagnose Asperger-Autismus eine adäquate therapeutische Unterstützung

Etwa ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland lebt mit Asperger-Autismus. Die Diagnose Asperger-Syndrom wurde erst in den 90ern Jahren in die diagnostischen Handbücher aufgenommen. Ältere Betroffene sind also aufgewachsen, bevor Ärzte diese Diagnose überhaupt stellten und bahnten sich ganz allein einen Weg durchs Leben.

Masking, um am allgemeinen Leben teilnehmen zu können

Viele mussten deshalb lernen, sich den normalen Verhaltensweisen anzupassen. Das war in den meisten Fällen jedoch kein natürlicher oder intuitiver Prozess, sondern, die, die das schafften, studierten ihre Mitmenschen regelrecht. Sie schauten sich die normalen Verhaltensweisen ab und imitierten sie. Manche, vor allem Frauen, lernten das so gut, dass sie sich einfügen konnten, ohne dass ihre Andersartigkeit groß aufgefallen wäre.

Der Preis, den sie für die Anpassung, die man auch als Masking bezeichnet, bezahlen mussten, war häufig große Erschöpfung und eine Aufgabe ihrer Individualität. Masking kann zu einem Burn-out führen. Außerdem birgt perfektioniertes Masking die Gefahr, dass der Autismus erst spät oder sogar zu spät diagnostiziert wird.

Neurodiversität: Autismus als eine Form von Verschiedenartigkeit

Gerade vor diesem Hintergrund kann man sicher verstehen, warum sich seit kurzem eine neurodiverse Bewegung entwickelt hat. Denn es sind nicht nur die, die neurologisch anders funktionieren (neurodivers), also von Asperger Betroffenen, die andere Menschen nicht verstehen können. Den neurotypischen, also den gesunden Menschen fällt es ebenso schwer, ihre neurodiversen Mitmenschen zu verstehen.

Neurotypisch ist eine Wortneuschöpfung der „Autism Rights“-Bewegung, die sich in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA formierte. Dieser Begriff bezieht sich auf Menschen, die nicht autistisch sind, also Menschen, deren neurologische Entwicklung so ablief, dass die meisten Menschen sie als normal in Bezug auf sprachliche und soziale Fähigkeiten bezeichnen würden.

In diesem Zusammenhang ist auch das Konzept der Neurodiversität zu sehen, das neben Autismus auch ADS, ADHS, Dyskalkulie, Legasthenie und Dyspraxie als natürliche Formen der menschlichen Verschiedenartigkeit versteht. Mit Dyskalkulie werden ausgeprägte Schwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens bezeichnet. Legasthenie ist eine Lese-Rechtschreibstörung und Dyspraxie ist eine lebenslange Koordinations- und Entwicklungsstörung.

Das Asperger-Syndrom gilt als das hochfunktionale Ende des Autismus-Spektrums, es ist also die leichte Form von Autismus. Genauso wie eine leichte Depression für den Betroffenen nicht leicht ist, gilt dies auch für den leichten Autismus. Die Betroffenen haben in vielen Lebensbereichen Schwierigkeiten, sie sind jedoch für Außenstehende nicht so schnell als solche zu erkennen.

Besondere Eigenschaften von neurodiversen Erwachsenen

Viele Menschen mit Asperger sind meist normal intelligent und haben gute sprachliche Fähigkeiten. Was ihnen schwerfällt, ist die soziale Interaktion, also die wechselseitige Beziehung zu anderen Menschen. Dazu kommt, dass Betroffene eine andere Reizwahrnehmung haben, motorisch nicht so flexibel sind und sich anders fokussieren, meist ausgeprägte Spezialinteressen, die andere häufig nicht nachvollziehen können, verfolgen und generell Schwierigkeiten im Umgang mit Veränderungen haben.

Soziale Interaktion

Betroffene benötigen viel Konzentration, um sich in ihrer Umgebung zurechtfinden zu können, denn sie nehmen ihre Mitmenschen weniger intuitiv wahr, sondern verstehen viele Dinge ganz konkret. Sie haben Schwierigkeiten, Sprache, Gesten und auch Verhaltensweisen in sozialen Kontexten zu verwenden und zu verstehen. Es fällt ihnen nicht leicht, Anspielungen zu verstehen oder auf Witze zu reagieren. Stimmungen, Motive oder das, was anderen Menschen durch den Kopf gehen mag, schätzen sie meist nicht angemessen ein. Sie interpretieren andere Menschen im Grunde nicht, sondern nehmen sie so wahr, wie sie sich rein äußerlich verhalten. Direkter Blickkontakt ist ihnen meist unangenehm, weil er sie vom eigentlichen Gespräch ablenkt und ihnen anders als nicht-betroffenen Menschen keine zusätzlichen Informationen zum Verständnis des Gesprächs liefert.

Wahrnehmung

Das Gehirn eines Menschen mit der Autismus-Störung Asperger nimmt äußere Reize anders wahr, manchmal stärker und manchmal auch schwächer. Autismus wird in Fachkreisen auch als eine Reizfilterschwäche bezeichnet.

Helles Licht, laute Geräusche, ein starkes Parfüm, überraschende Berührungen: All das kann jedem Menschen unangenehm sein, für Menschen mit Asperger liegt die Schwelle, ab wann der Reiz fast schon unerträglich ist, jedoch sehr viel niedriger. In einer Umgebung mit vielen Reizen, wie sie in Schulen auf dem Pausenhof oder beispielsweise an einem Samstagvormittag in einem gut besuchten Supermarkt vorkommen, fühlen sie sich schnell überfordert. Sie fühlen sich von den Reizen regelrecht bedrängt und können dann kaum noch funktionieren.

Motorik

Betroffene haben häufig ein weniger ausgeprägtes Körpergefühl und nehmen beispielsweise meist später als andere Menschen Gegenstände wahr, die im Weg stehen und die sie umgehen müssten. So passiert es nicht selten, dass sie sich stoßen, wenn sie beispielsweise um einen Tisch herumlaufen. Sie bewegen sich manchmal auffällig oder nehmen eine für nicht Betroffene ungewöhnliche Haltung ein. Auch feinmotorisch sind sie in der Regel nicht so sicher, beispielsweise kann die Handschrift unleserlich sein, weil sie sie nicht so gezielt steuern können.

Fokus, Interessen und der Umgang mit Veränderungen

Menschen mit Asperger nehmen eher Details in den Blick als das Gesamtbild. Es fällt ihnen leicht, sich sehr auf Details zu fokussieren. Sie verfolgen oft Spezialinteressen und das mit großer Leidenschaft. Es fällt ihnen schwer, flexibel auf plötzliche Veränderungen zu reagieren. Deshalb bevorzugen sie bestimmte Routinen und Abläufe und geraten in Stress, wenn diese unterbrochen werden.

Ursache

Autismus gilt als Entwicklungsstörung des zentralen Nervensystems (neurodevelopmental disorder), welche primär genetisch verursacht ist und mit strukturellen und funktionellen Veränderungen des Gehirns einhergeht, die die Kontaktfähigkeit sowie das Verhalten eines Menschen grundlegend beeinflussen.

Die Ursachen des Autismus sind bis heute nicht vollständig geklärt. Bei der Entstehung spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Neben den genetischen Einflüssen spielen wahrscheinlich biologische Abläufe eine Rolle. Sie können vor, während und nach der Geburt die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen und die autistische Störung auslösen.