Narzissmus

Massive Selbstüberschätzung und verletzliches Inneres kennzeichnen Narzissmus

18.03.2021 Von Angelika Völkel

Dieser Artikel beschreibt Konzept, Merkmale, Ursachen, Ausprägungen, Schweregrade, Behandlungsmöglichkeiten von sowie die Entstehung des Begriffes Narzissmus.
Im Bereich der Persönlichkeitsstörungen finden Sie eine übersichtliche Zusammenfassung aller wichtigen Informationen über die narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Ines S. lebte über viele Jahre mit einem erfolgreichen Manager zusammen, der sie nach jahrelanger Ehe immer wieder wie Dreck behandelte. Sie selbst war sehr vernachlässigt aufgewachsen. Einmal hatte sie ihn angerufen, um sich mit ihm nach einer Auseinandersetzung zu treffen und zu versöhnen, als er ihr antwortete: „Mit welchem Stück Scheiße spreche ich eigentlich?“

Sie war trotzdem von seinem Charme und seinen sozialen Fähigkeiten im Umgang mit anderen fasziniert und auch ihr gegenüber konnte er zeitweise sehr zugewandt sein. Trotz sich wiederholender Demütigungen bis hin zu körperlichen Attacken blieb sie mit diesem Mann zusammen und kündigte ihre Trennung immer wieder an, ohne sie zu vollziehen. Erst der Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik ermöglichte ihr, Abstand zu finden und sich zu trennen.*

Ines S. leidet an einer narzisstischen Störung. Ein großer Teil der Betroffenen leidet an dem sogenannten vulnerablen Narzissmus. Vulnerabel bedeutet verletzlich und das sind diese Menschen auch. Sie fühlen sich schnell verunsichert und wenn sie sich negativ bewertet fühlen, kommen sie sehr schlecht damit zurecht und ziehen sich verletzt zurück. Sie selbst bewerten ihre Umgebung jedoch häufig sehr negativ und neigen dazu, ihre Leistungen über die anderer zu stellen, auch wenn man es ihnen nicht anmerkt.

Ihr übermäßiges Bedürfnis nach Anerkennung befriedigen sie häufig über die Beziehung zu einem grandiosen Narzissten, also zu solchen Menschen, die vor allem wegen ihres übersteigerten Selbstwertgefühls, Geltungsdrangs oder Machtstrebens auffallen.

Ines S. wertete ihren eigenen Selbstwert durch den Erfolg und die finanziellen Möglichkeiten ihres Partners auf.

Die Ursachen von Narzissmus

Man könnte denken, dass die moderne Lebensweise, unterstützt von den sozialen Medien, narzisstische Störungen fördert. Es gibt aber keine empirischen Studien, die belegen würden, dass narzisstische Störungen inzwischen häufiger auftreten.

Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, zum Beispiel Umwelteinflüsse und Erziehung. Nach neuesten Zwillingsstudien haben die Gene bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung einen größeren Einfluss als bei anderen Persönlichkeitsstörungen.

Vor allem ungünstige Interaktionen mit Bezugspersonen in der Kindheit sind von großer Bedeutung. Der Psychoanalytiker Otto Kernberg etwa geht davon aus, dass emotional kalte oder latent aggressive Eltern eine übersteigerte Selbstdarstellung fördern. Kinder, die wenig Anerkennung erhalten, bewältigen diese Verletzung des Selbstwerts durch den Fokus auf Leistungen, für die sie gelobt werden. Andere Forscher vermuten, dass Kinder, die von den Eltern keine Grenzen erhalten, ein unrealistisches und perfektionistisches Selbstbild entwickeln können. 

Bei Heranwachsenden lassen sich häufig Fantasien von Großartigkeit, ein großes Bedürfnis nach Bewunderung und nicht selten auch ein noch nicht ausreichend entwickeltes Empathievermögen beobachten. Das gehört jedoch zu einer gesunden Entwicklung.

Narzissmus kann sich jedoch im Kindes- und Jugendalter destruktiv äußern, indem sich Betroffene aufgrund ihrer mangelhaften Beziehungsfähigkeit und leichten Kränkbarkeit isolieren und selbstzerstörerische Tendenzen entwickeln, weil sie ihrem Selbstbild nicht entsprechen können.

Wie der Begriff des Narzissmus entstand

Alfred Binet war der erste, der 1887 auf den Mythos von Narziss zurückgriff, um einen Fall von sexuellem Fetischismus zu beschreiben. Von diesem Thema abgesehen, ging der französische Psychologe aber vor allem wegen der Entwicklung von Intelligenztests in die Geschichte ein. Ein paar Jahre später verwendete der englische Sexualwissenschaftler Henry Havelock Ellis den Begriff "Narziss-ähnlich" in einer Arbeit über Autoerotismus. Es ging darin um Frauen, die sich entblößt im Spiegel betrachteten, was Ellis und seine Zeitgenossen als sexuelle Perversion interpretierten.

Der deutsche Psychiater Paul Näcke führte den Begriff Narcismus in die Wissenschaft ein und benutzte ihn für die Beschreibung unterschiedlicher Arten von Selbstverliebtheit, wobei er mit echtem Narcismus die schwerste Form des Autoerotismus beschrieb.

Otto Rank war der erste, der mit dem Begriff Narzissmus Eitelkeit und Selbstbezogenheit verband.

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, beschrieb erstmals 1909 auf einem Vortragsabend der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung Narzissmus als eine notwendige Entwicklungsstufe des Übergangs vom Autoerotismus zur Objektliebe. Bis dahin verstand man unter Narzissmus als erotisches Gefallen am eigenen Körper eine ernste Geschlechtsverwirrung.

John C. Nemiah beschrieb Narzissmus schließlich als eine psychische Krankheit. In seinen Foundations of Psychopathology (1961) sprach er von einer „narzisstischen Charakterstörung“.

Otto Kernberg schlug in Anlehnung an Nemiah den Begriff der „narzisstischen Persönlichkeitsstruktur“ vor. Heinz Kohut führte 1968 den Begriff der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung ein. Die beiden Psychoanalytiker Kernberg und Kohut entwickelten weiterführende Definitionen des Begriffs.

Der Mythos von Narziss

Dem Mythos nach wurde Narkissos als Sohn der Nymphe Liriope durch Vergewaltigung des Flussgottes Kephisso gezeugt. Aufgrund seiner gewaltsamen Entstehung war Narkissos von Anfang an den ambivalenten Gefühlen seiner Mutter ausgeliefert. Einerseits war er ihr ein und alles, andererseits musste sie in seinem Gesicht immer wieder ihren Vergewaltiger erkennen.

Narkissos wurde bereits als 16-Jähriger sowohl von Frauen als auch von Männern umschwärmt. Doch erfüllt von Stolz über seine eigene Schönheit lehnte er jede Annäherung ab. Amenois, einem besonders aufdringlichen Verehrer schickte Narkissos sogar ein Schwert. Dieser tötete sich damit und rief dabei die Götter an, seinen Tod zu rächen. Seine Bitte wurde von Artemis erhört. Artemis, eine der wichtigsten Gottheiten der griechischen Mythologie, bestrafte Narkissos mit unerfüllbarer Selbstliebe. Die unerfüllte Selbstliebe von Narkissos fand schließlich ein Ende, als er eine Quelle fand, in der er sein eigenes Spiegelbild erblickte und sich darin verliebte.

Doch war es unerträglich für ihn, seine Liebe nur als Spiegelbild zu besitzen. In seiner Verzweiflung stieß er sich einen Dolch ins Herz. Aus seinem Blut entsprang eine Narzisse.

*Fallbeispiel

Fallbeispiel: Nach Hartmann H (2018). Narzissmus und narzisstische Persönlichkeitsstörungen. S. 38. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.