Psychische Störungen bei Kindern
Nicht jede Verhaltensänderung muss eine psychische Störung sein
- Psychische Auffälligkeiten sind bereits bei Kindern verbreitet: Nach Daten der KiGGS-Studie zeigen rund 18 Prozent der 3- bis 11-Jährigen entsprechende Auffälligkeiten – also fast jedes fünfte Kind.
- Vorübergehende, entwicklungsbedingte Auffälligkeiten müssen dabei von behandlungsbedürftigen Erkrankungen abgegrenzt werden.
- Eltern sollten sich bald an einen Spezialisten wenden, wenn Auffälligkeiten plötzlich auftreten, stark ausgeprägt sind, über längere Zeit bestehen und das Kind oder seine Bezugspersonen stark belasten.
- Geeignete Ansprechpartner sind Psycholog:innen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen oder Kinder- und Jugendpsychiater:innen.
- Zur Therapie gehören eine umfassende, störungsbezogene Diagnostik und eine mehrere Bausteine umfassende Behandlung. Sie beinhaltet Psychotherapie, psychosoziale Maßnahmen und in einigen Fällen auch eine medikamentöse Behandlung.
Seit dem neuen Schuljahr hat der 10-jährige Leon große Probleme in der Schule. Er wirkt häufig unkonzentriert und abwesend, beteiligt sich kaum noch am Unterricht und reagiert auf kleine Misserfolge schnell gereizt oder wütend. In den Pausen zieht er sich zunehmend zurück und bleibt häufig allein. Dabei ging Leon früher gern zur Schule. Gute Leistungen fielen ihm leicht, und auch mit seinen Klassenkameraden kam er immer gut zurecht.
Seinem Lehrer fällt auf, dass sich Leon innerhalb weniger Monate stark verändert hat. Er wirkt oft müde, klagt häufiger über Kopf- oder Bauchschmerzen und gibt bei Aufgaben ungewöhnlich schnell auf. Sätze wie „Ich kann das sowieso nicht“ oder „Ist doch egal“ hört der Lehrer inzwischen regelmäßig von ihm. Auch seine schulischen Leistungen haben deutlich nachgelassen.
Der Lehrer möchte dem veränderten Verhalten nachgehen und kontaktiert Leons Eltern. Bei einem persönlichen Gespräch mit seiner Mutter erfährt er, dass Leon sich auch zuhause verändert hat. Er zieht sich oft in sein Zimmer zurück, möchte kaum noch etwas mit der Familie unternehmen und hat das Interesse an seinem Sportverein verloren, obwohl er früher mit großer Begeisterung dort hinging. Gleichzeitig reagiert er auf Nachfragen seiner Eltern häufig gereizt und bekommt wegen Kleinigkeiten heftige Wutausbrüche. Abends könne er oft lange nicht einschlafen, morgens sei er kaum aus dem Bett zu bekommen.
Seine Eltern hatten sein Verhalten zunächst so verstanden, als würde er recht früh in die Pubertät kommen und als zunehmende Unlust interpretiert. Erst durch das Gespräch mit dem Lehrer wird deutlich, dass hinter Leons Rückzug, seiner Gereiztheit, den körperlichen Beschwerden und dem Verlust von Freude und Interesse mehr stecken könnte. Eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung bestätigt schließlich den Verdacht: Leon leidet unter einer Depression.*
Wenn sich ein sonst lebhaftes Kind mehr und mehr zurückzieht, wenn sich die schulischen Leistungen dramatisch verändern, dann gibt es meistens Gründe. Um zu erkennen, ob ein Kind gefährdet ist, eine psychische Störung zu entwickeln, ist auch ein waches Umfeld wichtig.
Denn je früher eine psychische Unpässlichkeit bemerkt oder eine psychische Störung erkannt wird, desto besser kann der Betroffene behandelt werden. Es ist sehr wichtig, auf veränderte Verhaltensweisen von Kindern zu achten, diese im Auge zu behalten und nicht darauf zu vertrauen, dass sich alles von allein wieder einrenkt. Denn wer in jungen Jahren unter Ängsten, Depressionen oder anderen psychischen Störungen leidet, ist gefährdet, auch als Erwachsener psychische Störungen zu entwickeln.
Große Unterschiede zwischen Kleinkindern und älteren Schulkindern
Wenn man von Kindern spricht, umfasst das von der Geburt bis zum älteren Kindesalter eine Lebensspanne mit vielen verschiedenen Phasen und Entwicklungsschritten und zwar in einer Häufigkeit und Intensität, wie sie im Erwachsenenleben nicht mehr auftritt. Deshalb ist es wichtig, einen Unterschied zwischen dem Verhalten eines Kleinkindes und dem eines 12-jährigen Mädchen oder Jungen zu machen.
Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) ist die Verwendung der Begriffe Neugeborenes, Säugling, Kleinkind, Kind, Jugendlicher und Erwachsener an nachfolgende Zeiträume gebunden:
- Neugeborenes bis zum vollendeten 28. Lebenstag
- Säugling ab Beginn des 29. Lebenstages bis zum vollendeten 12. Lebensmonat
- Kleinkind ab Beginn des 2. bis zum vollendeten 3. Lebensjahr
- Kind ab Beginn des 4. bis zum vollendeten 12. Lebensjahr
- Jugendlicher ab Beginn des 13. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr
- Erwachsener ab Beginn des 19. Lebensjahres,
Besonders bei sehr kleinen Kindern werden psychische Störungen oft zu spät erkannt, weil sie sich anders darstellen als bei Jugendlichen. Dabei ist es gerade bei ihnen wichtig, die Störung frühzeitig zu erkennen, damit sie nicht chronifizieren oder auch, um rechtzeitig unterstützende Trainings anbieten zu können.
Welche psychische Störungen treten bei Kindern am häufigsten auf?
Jüngste Entwicklungen der Fallzahlen zeigen einen Anstieg
Psychische Störungen sind auch im Kindesalter keine Seltenheit. Zu den häufigsten Störungsbildern zählen Angststörungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS), Störungen des Sozialverhaltens und depressive Störungen. Auch Zwangsstörungen gehören zu den häufigen psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Welche Störungen besonders häufig auftreten, hängt dabei wesentlich vom Alter ab: Während im Kindesalter vor allem Ängste, ADHS und Verhaltensauffälligkeiten eine große Rolle spielen, nehmen depressive Störungen und Essstörungen mit Beginn der Pubertät deutlich zu.
Zwangsstörungen können bereits im Kindesalter beginnen. Typisch sind wiederkehrende, als belastend erlebte Gedanken oder Handlungen, die ein Kind immer wieder ausführen muss, etwa Kontrollieren, Waschen, Zählen oder bestimmte Rituale. Da Kinder ihre Zwänge häufig verbergen oder selbst noch nicht einordnen können, bleibt die Erkrankung manchmal längere Zeit unentdeckt.
Wichtig ist grundsätzlich, dass sich psychische Erkrankungen bei Kindern häufig anders äußern als bei Erwachsenen. Eine Depression beispielsweise muss nicht in erster Linie durch sichtbare Traurigkeit auffallen. Auch Reizbarkeit, Rückzug, häufige Wutausbrüche, nachlassende schulische Leistungen, körperliche Beschwerden, Schlafprobleme oder der Verlust von Interesse und Freude können Hinweise auf eine depressive Erkrankung sein.
Einer psychischen Störung geht meist eine unbewältigte Entwicklungskrise voraus. Angststörungen treten beispielsweise besonders dann auf, wenn typische Entwicklungsaufgaben in den entsprechenden Lebensabschnitten nicht ausreichend bewältigt werden: Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein Grundschulkind noch unter Trennungsängsten leidet und sich dem regelmäßigen Schulbesuch nicht gewachsen fühlt.
Woran erkennen Sie, dass etwas nicht stimmt?
Veränderungen im Verhalten ernst nehmen
Kinder durchlaufen immer wieder Phasen, in denen sie sich anders verhalten als gewohnt. Sie schlafen schlechter, sind anhänglicher, reizbarer oder ziehen sich zeitweise zurück. Solche Veränderungen müssen noch keine psychische Erkrankung bedeuten. Entscheidend ist vielmehr, wie ausgeprägt die Auffälligkeiten sind, wie lange sie bestehen und wie sehr sie das Kind in seinem Alltag beeinträchtigen.
Aufmerksam sollten Eltern oder Erziehungsberechtigte beispielsweise werden, wenn ein Kind über längere Zeit kaum noch Freude an Dingen zeigt, die ihm bislang wichtig waren. Auch ein deutlicher Rückzug von Freunden, häufige Wutausbrüche, anhaltende Traurigkeit oder auffällige Veränderungen beim Schlafen können darauf hinweisen, dass ein Kind seelisch belastet ist.
Mögliche Warnzeichen können sein, dass ein Kind
- sich zunehmend zurückzieht,
- häufig traurig oder ungewöhnlich bedrückt wirkt,
- kaum noch Interesse an Spielen, Sport oder anderen vertrauten Aktivitäten zeigt,
- auffallend passiv oder lustlos wird,
- nach einer längeren trockenen Phase wieder einnässt,
- Schule oder Hobbys zunehmend vernachlässigt,
- ungewöhnlich schnell gereizt oder aggressiv reagiert,
- weniger ansprechbar oder verschlossen wirkt,
- schlecht schläft oder häufig unter Albträumen leidet,
- sich deutlich schlechter konzentrieren kann.
Gerade bei jüngeren Kindern äußern sich seelische Belastungen nicht immer in Worten. Manche klagen stattdessen häufiger über Bauch- oder Kopfschmerzen. Andere werden unruhig oder aggressiv oder fallen in Verhaltensweisen zurück, die sie eigentlich schon überwunden hatten.
Veränderungen im Zusammenhang betrachten
Nicht jedes auffällige Verhalten zeigt sich in allen Situationen gleichermaßen. Manche Kinder reagieren beispielsweise besonders auf Konflikte in der Familie, Schwierigkeiten in der Schule, Überforderung oder Veränderungen ihrer Lebenssituation. Deshalb ist es hilfreich darauf zu achten, wann, wie häufig und in welchen Situationen bestimmte Verhaltensweisen auftreten.
Bei wiederkehrenden Auffälligkeiten kann es sinnvoll sein, die Beobachtungen über einen gewissen Zeitraum zu notieren. So lässt sich möglicherweise erkennen, ob bestimmte Situationen oder Ereignisse den Veränderungen vorausgehen.
Auch die Wahrnehmung anderer Bezugspersonen kann wichtige Hinweise geben. Erzieherinnen und Erzieher, Lehrer, Großeltern oder andere Betreuungspersonen erleben ein Kind in anderen Situationen als die Eltern. Ein Austausch kann deshalb helfen einzuschätzen, ob eine Veränderung nur in einem bestimmten Umfeld oder in mehreren Lebensbereichen zu beobachten ist.
Bleiben Auffälligkeiten über längere Zeit bestehen, nehmen sie zu oder leidet das Kind erkennbar darunter, sollten Eltern oder Erziehungsberechtigte professionelle Unterstützung suchen. Ein erster Ansprechpartner kann die Kinderarztpraxis sein. Je nach Situation kann anschließend eine kinder- und jugendpsychiatrische oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll sein.
Wann sollten Eltern psychotherapeutische Hilfe für ihr Kind suchen?
Fast alle Kinder verhalten sich vorübergehend auffällig oder ihre Entwicklung verläuft eine Zeit lang besorgniserregend für ihre Eltern. Oft dauern diese Auffälligkeiten nur eine Weile an oder lassen sich mit relativ einfachen Mitteln beheben.
Es gibt aber Warnsignale, die auf das Vorliegen eines tatsächlich schwerwiegenderen Problems hinweisen. Dann ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn ein Kind sich plötzlich und ohne erkennbaren Grund deutlich verändert. Auch ein ungewöhnliches Verhalten oder Symptom, das nur phasenweise auftritt und für eine gewisse Zeit wieder verschwindet, etwa ausgeprägte Lustlosigkeit und Niedergeschlagenheit, kann ein Hinweis auf eine behandlungsbedürftige Störung sein.
Problematisch ist auch, wenn die Symptome über mehrere Wochen anhalten, stark ausgeprägt sind oder sehr häufig auftreten. Wenn die Eltern feststellen, dass auch Lehrer:innen, Erzieher:innen im Kindergarten oder die Großeltern über Auffälligkeiten berichten und sich Sorgen machen, zeigt das, dass die Probleme in vielen Situationen auftreten. Dann sollte man professionelle Unterstützung suchen, übrigens auch dann, wenn sich das Kind oder die Eltern durch das Problem stark belastet fühlen.
Wo finden Eltern psychisch kranker Kinder kompetente Unterstützung?
Gezielte Hilfe können Eltern bei einem Psychologen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder Kinder- und Jugendpsychiater erhalten: Sie oder er kann einschätzen, ob die psychischen Auffälligkeiten eine Behandlung notwendig machen und welche Art von Therapie am besten geeignet ist. Auch der Kinder- und Jugendarzt beziehungsweise der Hausarzt kann eine erste Anlaufstelle sein. Sie oder er kann sich ein Bild von dem Zustand des Kindes machen und wenn notwendig, an einen Spezialisten überweisen.
Liegt eine psychische Erkrankung vor, wird in vielen Fällen eine so genannte multimodale Therapie durchgeführt: Dabei werden unterschiedliche Therapiemaßnahmen miteinander kombiniert, um möglichst gute Voraussetzungen für eine Besserung zu schaffen.
Im Mittelpunkt steht dabei eine psychotherapeutische Behandlung, die speziell auf die Probleme des Kindes abgestimmt ist. Weitere Elemente sind die Aufklärung und Beratung der Eltern, familientherapeutische Maßnahmen, zum Beispiel Gespräche mit der ganzen Familie oder Therapiemaßnahmen innerhalb der Familie, Maßnahmen im Kindergarten oder in der Schule und in einigen Fällen auch eine medikamentöse Behandlung.
Oft kann diese Therapie ambulant durchgeführt werden. Bei schwer ausgeprägten Problemen, oder wenn mehrere psychische Erkrankungen gleichzeitig bestehen, ist jedoch eine stationäre oder teilstationäre Behandlung in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik sinnvoll.