Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen (Seite 7/8)

Legasthenie und Dyslexie

Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der Lese-Rechtschreib-Störung (LRS)

Typisch für eine Lese-Rechtschreib-Störung (LRS, Legasthenie oder Dyslexie) ist, dass die Kinder Schwierigkeiten haben, Lesen und Schreiben zu lernen.

Beim Lesen haben sie Probleme, geschriebene Buchstaben richtig den gesprochenen Lauten zuzuordnen. Sie machen beim Lesen viele Fehler, lesen deutlich verlangsamt und verstehen das Gelesene deutlich schlechter als andere Kinder.

Beim Schreiben haben sie Schwierigkeiten, gehörte Laute richtig in geschriebene Buchstaben umzusetzen und sich die richtige Schreibweise eines Wortes zu merken. Oft schreiben sie falsche Buchstaben, lassen Buchstaben weg oder verdrehen Buchstaben. Zudem ist ihre Schreibweise inkonsistent, das heißt, sie machen immer wieder andere Fehler beim Schreiben.

Es kann auch eine Rechtschreib-Störung ohne Lese-Störung und bei manchen Kindern eine Lese-Störung ohne Rechtschreib-Störung auftreten.

Häufigkeit, Verlauf und Ursachen der Lese-Rechtschreib-Störung

Von einer Lese-Rechtschreib-Störung sind etwa drei bis sieben Prozent der Kinder im Grundschulalter betroffen. Es ist also eine relativ häufige Störung. Jungen leiden drei- bis vier Mal häufiger an einer LRS als Mädchen.

Ohne eine gezielte Therapie bleibt die Lese-Rechtschreib-Störung meist über längere Zeit bestehen und die Fähigkeiten im Lesen und Rechtschreiben verbessern sich kaum.

Günstige Faktoren für den Verlauf sind eine gute Intelligenz, eine therapeutische Förderung und ein emotional unterstützendes Umfeld. Mit zunehmendem Alter gehen die Probleme häufig durch Nachreifung etwas zurück.

Experten gehen davon aus, dass der LRS eine Störung der sprachlichen und visuellen Informationsverarbeitung im Gehirn zugrunde liegt und bei der Entstehung mehrere Faktoren zusammenwirken. Dabei scheinen genetische Faktoren eine wichtige Rolle zu spielen. So leidet häufig auch ein Elternteil oder Geschwister an einer LRS.

Darüber hinaus können psychologische und soziale Faktoren wie zum Beispiel

  • ungenügende Förderung in der Schule
  • Hänseleien von Mitschülern
  • Druck von Eltern oder Lehrern

 dazu beitragen, dass sich die LRS verstärkt.

Zusätzlich zu einer Lese-Rechtschreib-Störung treten häufig weitere psychische Probleme oder Erkrankungen auf. Sie können eine Folge der psychischen Belastung durch die LRS sein oder unabhängig von ihr auftreten. Am häufigsten sind eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), eine Angststörung, eine Depression, eine Rechenstörung sowie Sprech- und Sprachstörungen.

Zudem können psychosomatische Beschwerden (etwa psychisch bedingte Bauch- oder Kopfschmerzen) und Störungen des Sozialverhaltens (zum Beispiel aggressives Verhalten) auftreten. Tritt die LRS zusammen mit einer Rechen-Störung auf, spricht man auch von einer kombinierten Störung schulischer Fertigkeiten.

Diagnose und Behandlung

Treten beim Lesen- und Schreibenlernen deutliche Probleme auf, sollte möglichst früh überprüft werden, ob eine Lese-Rechtschreib-Störung vorliegen könnte.

Diagnostik

Die Diagnostik ist in der Regel mehrdimensional. Sie umfasst ein ausführliches Gespräch mit den Eltern und ggf. dem Lehrer (Anamnese), psychometrische Tests, die Verhaltensbeobachtung des Kindes beim Lesen und Schreiben und die Diagnostik weiterer (z. B. psychischer oder neurologischer) Störungen. Weiterhin werden die allgemeine psychische, körperliche und soziale Entwicklung des Kindes und die Auswirkungen der LRS auf seine Entwicklung erfasst.

Charakteristisch für die Lese-Rechtschreib-Störung ist, dass die Leistungen im Lesen und Schreiben deutlich unter den sonstigen kognitiven Leistungen liegen.

Daher werden mithilfe psychometrischer Tests die Fähigkeiten im Lesen und Schreiben und die allgemeine Intelligenz erfasst.

Die Diagnose einer LRS wird in der Regel gestellt, wenn die Fähigkeiten im Lesen und Rechtschreiben deutlich unter den Intelligenzleistungen des Kindes oder unter dem Altersdurchschnitt liegen – und wenn das Kind in wichtigen Bereichen des Alltags (etwa bei den Schulleistungen) deutlich beeinträchtigt ist.

Weiterhin muss bei der Diagnostik einer LRS ausgeschlossen werden, dass die Probleme auf andere Ursachen zurückgehen. Dies können insbesondere Beeinträchtigungen beim Sehen oder Hören, eine allgemein verminderte Intelligenz, eine allgemeine Entwicklungsverzögerung, andere neurologische Störungen oder eine mangelhafte schulische Förderung sein.

Behandlung

Um die LRS wirksam zu behandeln, ist ein mehrdimensionales Behandlungskonzept sinnvoll:

  • Aufklärung der Eltern und Lehrer über die Störung (Psychoedukation),
  • gezielte Fördermaßnahmen zur Verbesserung der Lese- und Rechtschreib-Fähigkeiten,
  • eine regelmäßige Elternberatung
  • ggf. psychotherapeutische Maßnahmen

Mit der Förderung sollte möglichst früh, am besten bereits zu Beginn der Grundschulzeit, begonnen werden. Neben der Schule sollten auch die Familie und das soziale Umfeld in die Therapie einbezogen werden.

Wird die Diagnose einer Lese-Rechtschreib-Störung gestellt, sollten die Eltern, das Kind und der Lehrer angemessen über die Störung, ihre Ursachen und ihre Behandlungsmöglichkeiten informiert werden. Dabei sollten sie auch erfahren, dass eine LRS häufig langfristig bestehen bleibt.

LRS-spezifische Therapiemaßnahmen

Im Zentrum der Behandlung stehen LRS-spezifische Therapiemaßnahmen, etwa Lernprogramme zum Lesen- und Schreibenlernen, die von einem ausgebildeten Legasthenie-Therapeuten durchgeführt werden. Die Übungen sollten gezielt an den individuellen Schwierigkeiten, aber auch den Fähigkeiten des Kindes ansetzen, die Motivation der Kinder fördern und von der Schwierigkeit her aufeinander aufbauen. So werden zunächst die einzelnen Buchstaben geübt, später Silben und ihre Zusammensetzung zu einem Wort und schließlich Sätze und ganze Texte. Darüber hinaus werden die Regeln der Rechtschreibung vermittelt.

Regelmäßiges zusätzliches Üben sinnvoll

Es ist sinnvoll, wenn auch die Eltern in Abstimmung mit dem Legasthenie-Therapeuten regelmäßig mit ihrem Kind Lesen und Rechtschreiben üben. Günstig ist zudem, das Kind zum Lesen zu ermutigen bzw. regelmäßig gemeinsam mit ihm zu lesen. Die Förderung findet so lange statt, bis die Kinder ebenso gut wie Gleichaltrige am Schulunterricht und an anderen Aktivitäten teilnehmen können. Das bedeutet bei vielen Kindern eine mehrjährige Förderung. Ist die Lese-Rechtschreib-Störung sehr ausgeprägt, sollte eine sonderpädagogische Förderung in Betracht gezogen werden.

Nachteilsausgleich in der Schule

Auch um die psychische Belastung des LRS-Kindes zu verringern, können die Eltern zudem einen Nachteilsausgleich beantragen. Dieser legt fest, dass Lesen und Rechtschreiben nicht in die Notengebung eingehen (Notenschutz). Weiterhin können die Kinder bei schriftlichen Leistungen einen Zeitzuschlag erhalten oder dürfen zusätzliche Hilfsmittel verwenden.

Elternberatung

In der regelmäßigen Elternberatung werden die Eltern über Fortschritte ihres Kindes informiert und bei Problemen gezielt beraten. Zudem erfahren sie, wie sie den Kontakt mit ihrem Kind so gestalten können, dass psychische Folgeprobleme der LRS verringert werden bzw. gar nicht erst entstehen. So sollten sie den Kontakt mit ihrem Kind positiv gestalten, es emotional unterstützen und sein Selbstwertgefühl stärken. Beim Lesen und Schreiben sollten sie geduldig mit ihrem Kind umgehen, es bei Fortschritten loben und Fehler nicht kritisieren, um keinen Druck aufzubauen und die Motivation zum Lernen zu erhöhen.

Ausgleich schaffen

Außerdem sollten sie ihr Kind in Bereichen, die es gut beherrscht (z. B. Sport, Musik), positiv verstärken und Phasen ohne Leistungsdruck schaffen, in denen sich das Kind entspannen kann.

Liegen neben der Lese-Rechtschreib-Störung weitere psychische Störungen vor, sollten diese nach den fachlichen Empfehlungen behandelt werden – zum Beispiel mit einer Psychotherapie, passenden Fördermaßnahmen oder Medikamenten.

Erfolgsaussichten einer Therapie

Durch eine entsprechende Therapie können die Lese- und Rechtschreibfähigkeiten oft deutlich verbessert werden. Dadurch verringern sich häufig auch Folgeprobleme im psychischen und sozialen Bereich.

Oft kann das Kind einen Schulabschluss im Durchschnittsbereich erreichen und eine reguläre Berufslaufbahn einschlagen. In vielen Fällen bleiben die Probleme beim Lesen und Schreiben aber trotz Förderung zu einem gewissen Grad bestehen, was in manchen Fällen zu Einschränkungen bei der Berufswahl führt.

Interview mit Andrea, Mutter des 9jährigen Jason (Diagnose: Isolierte Rechtschreibsstörung)

therapie.de: Was waren bzw. sind die Probleme Deines Sohnes?

Jason hatte schon in der 1. Klasse spürbare Probleme beim Rechtschreiben und beim Lesen. Ab dem Ende der 1. Klasse hat er dann Hausaufgabenhilfe und eine Leseförderung durch eine Lese-Oma bekommen. Das hat ihm geholfen, zumindest im Lesen nicht zu sehr hinter seinen Klassenkameraden herzuhinken. Am Anfang der 2. Klasse begannen dann die Diktate mit Wörtern und ganzen Sätzen. Da haben sich die Fehler bei ihm gehäuft.

Jason war in der Schule von Anfang an gestresst, er sah immer sehr müde aus und war sehr empfindsam. Er hat sich leicht zurückgesetzt gefühlt, fing schnell zu weinen an und hatte öfters Kopfschmerzen.

therapie.de: Wie lief die Diagnosestellung ab?

Mein Mann und ich haben dann aus eigener Initiative eine Beratungsstelle der Caritas aufgesucht. Dort wurde bei  Jason in der 2. Klasse die Diagnose einer isolierten Rechtschreibstörung gestellt. Wir haben die Diagnose an die Schulpsychologin weitergeleitet. Sie hat dafür gesorgt, dass Jason einen Nachteilsausgleich und Notenschutz für die Rechtschreibung bekommt.

therapie.de: Welche Fördermaßnahmen erhält Jason zur Verbesserung seiner Rechtschreibfähigkeiten?

Die Lehrerin in der 2. Klasse hat die Rechtschreibstörung nicht richtig erkannt. Sie hat öfters besorgt bei uns angerufen und uns gebeten, jeden Tag zusätzlich mit Jason die Rechtschreibung zu üben. Wir sollten ihm jeden Abend einen Satz diktieren, um so die Defizite bei der Rechtschreibung zu verbessern. Eine gezielte Legasthenie-Förderung fand in dieser Zeit aber nicht statt.

In der 3. Klasse hat Jason dann einmal pro Woche an einer Förderstunde für Legasthenie teilgenommen. Allerdings war die Lehrerin keine ausgebildete Spezialistin für Legasthenie.

Drei Monate später hat Jason auf unsere Initiative mit Förderunterricht bei einem Förderlehrer begonnen, der uns von Legakids ( https://www.legakids.net/ ) empfohlen wurde. Diese Förderung findet einmal pro Woche statt und wir zahlen sie selbst.

therapie.de: Was hast Du als schwierig empfunden?

Ein Problem war, dass es an der Schule keine Stelle gibt, die uns über die Lese-Rechtschreib-Störung und ihre Behandlungsmöglichkeiten informiert hätte. Stattdessen mussten wir uns selbst informieren und haben wir die Informationen vor allem von Nachbarn und Beratungsstellen bekommen.

Ungünstig ist auch, dass die Lehrer in Jason‘ Schule nicht speziell für die Lese-Rechtschreib-Störung ausgebildet sind. Wir möchten die Rechtschreibfähigkeiten von Jason fördern, aber dafür müssen wir einige der Fördermaßnahmen selbst zahlen.

Es wäre sicherlich möglich, eine Therapie für Jason zu bekommen, die über das Jugend- oder das Landratsamt finanziert wird. Dazu müssten wir aber von einem Psychiater ein Gutachten erstellen lassen, das etwa 250 Euro kosten würde. Das ist für uns schon eine Hürde, die wir bisher nicht genommen haben.

therapie.de: Was hat Jason geholfen?

Besonders hilfreich finden wir die Therapie bei dem Förderlehrer. Er arbeitet viel mit Rechtschreibspielen und lässt Jason Musikinstrumente ausprobieren, um sein Rhythmusgefühl zu verbessern. Auch die Schulpsychologin unterstützt uns gut und berät uns bei Fragen oder Problemen telefonisch. Hilfreich sind aus meiner Sicht auch die Spiele auf der Legakids-Webseite. Schließlich waren wir bei einer Kinesiologin, die mit Übungen versucht hat, Lernblockaden abzubauen. Das hat auch unterstützend gewirkt.

Günstig war, dass Jason sich von Anfang an in der Klasse wohl gefühlt hat. Dabei hat ihm geholfen, dass die Lehrerinnen in seiner Klasse sehr wohlwollend mit ihm waren, weil er einer der vernünftigen Jungen ist. Außerdem hat er sich sehr bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden und macht seine Hausaufgaben bis heute sehr gewissenhaft.

Positiv ist auch, dass Jason sein Selbstbewusstsein aus einem anderen Bereich ziehen kann, nämlich aus seinen tollen sportlichen Leistungen. Gerade hat er bei den Bundesjugendspielen wieder eine Ehrenurkunde bekommen.

therapie.de: Was haben Dein Mann und Du getan, um Jason zu unterstützen?

Viele Maßnahmen kamen nur durch unsere Initiative zustande: So haben wir uns selbst an eine Beratungsstelle gewandt, wo die Diagnostik durchgeführt wurde, und wir haben uns selbst um Fördermaßnahmen gekümmert.

Zusätzlich mit Jason zuhause geübt haben wir wohl dosiert und ganz ohne Druck, weil wir den Eindruck hatten, dass er mit Schule, Hausaufgaben, Förderunterricht usw. schon genug zu tun hat und wir ihn nicht überfordern wollten. Wir versuchen aber, ihn immer wieder zum Lesen oder Vorlesen zu motivieren.

therapie.de: Was hat sich bisher verbessert und wie ist der Stand jetzt?

Inzwischen kommt Jason in Deutsch einigermaßen mit und hat dort die Note 3. Die 3. Klasse ist für ihn wegen ständiger Lehrerinnenwechsel aber auch hart gewesen. Seine Rechtschreibung hat sich durch die verschiedenen Übungen etwas verbessert, und im Zeugnis steht, dass er „zunehmend richtig“ schreibt. Übungen mit Wörtern hat er schon immer gerne gemacht, aber Textanalyse und das freie Schreiben von Aufsätzen fallen ihm nach wie vor schwer.

Ich denke, insgesamt darf man sich keine Illusionen machen: Die Störung wird wohl zu einem gewissen Grad sein Leben lang erhalten bleiben. Da ist wohl auch eine erbliche Komponente dabei, denn auch mein Mann hat gewisse Probleme beim Rechtschreiben.

Nun müssen wir weiter sehen, wie es in der 4. Klasse läuft. Dort müssen die Kinder viele Tests schreiben, so dass die Rechtschreibprobleme auch in andere Fächern mit hinein spielen.

Ich würde mir wünschen, dass Jason es auf die Realschule schafft, und er selbst wünscht sich das auch. Aber dazu müsste er sich auch in den anderen Fächern besser konzentrieren können. Und es hat keinen Sinn, Druck auszuüben, weil er dann blockiert. Deshalb lassen wir die Entscheidung, wie es nach der 4. Klasse weitergeht, erst einmal auf uns zukommen.

Interview: Dr. Christine Amrhein

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