Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen (Seite 3/8)

Formen, Häufigkeiten und Verlauf

Die internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, Version 2015) unterscheidet bei den psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zwei Kategorien: Entwicklungsstörungen sowie Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend. Hier wird zunächst ein Überblick über die verschiedenen Störungsbilder im Kindes- und Jugendalter gegeben. Mehr über die einzelnen Erkrankungen und ihre Behandlung finden Sie in den jeweiligen Kapiteln.

Entwicklungsstörungen

Diese Störungen beginnen immer im Kleinkindalter oder in der Kindheit. Charakteristisch ist, dass sich bestimmte Fähigkeiten oder Funktionen eingeschränkt oder verzögert entwickeln – und zwar Funktionen, die eng mit der Reifung des zentralen Nervensystems zusammenhängen. Zu den Entwicklungsstörungen gehören:

  1. Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache, zum Beispiel Störungen bei der Aussprache (Artikulation), Probleme, sich sprachlich auszudrücken oder Probleme beim Verstehen von Sprache
  2. Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten, wie die Lese-Rechtschreib-Störung oder die Rechenstörung
  3. Entwicklungsstörungen der Bewegungsfähigkeit, zum Beispiel Störungen der  Grobmotorik oder der Feinmotorik
  4. tiefgreifende Entwicklungsstörungen, wie der frühkindliche Autismus, der atypische Autismus oder der Asperger-Autismus

Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend

Hierzu gehört eine Reihe unterschiedlicher Störungen, bei denen das Verhalten und/oder die Gefühle eine Rolle spielen:

  1. hyperkinetische Störungen wie die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS), die durch überaktives Verhalten, Unaufmerksamkeit und einen Mangel an Ausdauer gekennzeichnet ist
  2. Störungen des Sozialverhaltens, bei denen eine anhaltende Aggressivität, eine Missachtung sozialer Regeln und aufsässiges Verhalten auftreten
  3. emotionale Störungen, zum Beispiel Trennungsangst, Ängste vor bestimmten Objekten (Phobien), soziale Ängstlichkeit und depressive Störungen
  4. eine Kombination von Störungen des Sozialverhaltens und emotionalen Störungen: Hier treten typische Merkmale einer Störung des Sozialverhaltens und typische Merkmale emotionaler Störungen gleichzeitig auf.
  5. Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit: Hierzu gehören der elektive Mutismus und Bindungsstörungen. Beim elektiven Mutismus spricht das Kind nur mit bestimmten Personen bzw. in bestimmten Situationen. Bei einer Bindungsstörung klammert sich das Kind an Bezugspersonen oder zeigt eine Mischung aus Annäherung und Vermeidung.
  6. Ticstörungen, bei denen unwillkürliche, schnelle und wiederholte Bewegungen auftreten. Es können motorische Tics wie Blinzeln oder Grimassieren und vokale Tics wie die Wiederholung bestimmter Wörter auftreten.
  7. andere Verhaltens- oder emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend. Hierzu gehören unterschiedliche Störungen wie unwillkürliches Einnässen (Enuresis), willkürliches oder unwillkürliches Absetzen von Stuhl an unpassenden Orten (Enkopresis), Fütterstörungen im frühen Kindesalter, Bewegungsstörungen mit wiederholten, rhythmischen Bewegungen, Poltern (schnelles, ruckartiges, schwer verständliches Sprechen) und Stottern.

Häufigkeiten

streitende Kinder: Junge brüllt, Mädchen hält sich die Ohren zu

Mehrere Studien zeigen übereinstimmend, dass innerhalb eines Jahres etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen an einer psychischen Störung, die einer Behandlung bedarf, erkranken. Die meisten Störungen im Kindesalter treten bei Jungen häufiger auf als bei Mädchen. Mit zunehmendem Alter sind Jungen und Mädchen dann gleich häufig von psychischen Erkrankungen betroffen.

Bei Jungen öfter als bei Mädchen kommen die Erkrankungsbilder dissoziale Störungen (ausgeprägtes Missachten sozialer Regeln) und alle Erkrankungen, bei denen organische Faktoren eine Rolle spielen, z.B. Autismus, Entwicklungsstörungen oder die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (AHDS) vor. Bei Mädchen sind dagegen emotionale Störungen (Angststörungen und Depressionen), Essstörungen und somatoforme Störungen häufiger als bei Jungen.

In den Altersstufen zwischen sechs und zehn Jahren und zwischen 13 und 16 Jahren treten psychische Erkrankungen besonders häufig auf. Dies hängt vermutlich mit Besonderheiten der Entwicklung in diesen Altersstufen zusammen.

Verlauf: Wie stehen die Chancen auf Besserung?

Die einzelnen Störungen verlaufen sehr unterschiedlich. So gehen emotionale Störungen wie Ängste oder Depressionen oft wieder vollständig zurück. Dissoziale Störungen oder tiefgreifendere Störungen (z.B. Autismus), bei denen oft auch organische Ursachen eine Rolle spielen, können bis ins Erwachsenenalter anhalten oder bessern sich oft nur teilweise.

Auch die Erfolgsaussichten einer Psychotherapie oder kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung sind je nach Störungsbild sehr unterschiedlich. So sind die Chancen einer Besserung bei emotionalen Störungen und Entwicklungsstörungen (z.B. Verzögerungen bei der Entwicklung der Sprache oder der Bewegungsfähigkeiten) meist gut.

Bei dissozialen Störungen und tiefgreifenderen Störungen sind die Behandlungserfolge oft geringer. In einigen Fällen können zwar teilweise Besserungen erreicht werden, aber die Betroffenen brauchen oft bis ins Erwachsenenalter – dauerhaft oder zumindest zeitweise – Unterstützung.

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