Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen (Seite 8/8)

Dyskalkulie

Symptome und Behandlungsmöglichkeiten einer Rechenstörung (Rechenschwäche)

Typisch für eine Rechenstörung (Dyskalkulie oder Rechenschwäche) ist, dass die Kinder deutliche Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen und beim Verständnis von Rechenvorgängen haben. Gleichzeitig liegen ihre Intelligenz und ihre übrigen Fähigkeiten im normalen Bereich.

Die Probleme treten schon bei kleinen Zahlen und einfachen Rechenoperationen auf. So haben die Kinder Schwierigkeiten, Zahlen zu verstehen und gehörte Zahlen in geschriebene Ziffern umzuwandeln oder umgekehrt, und sie verstehen grundlegende Rechenkonzepte (wie „mehr“ und „weniger“) nicht.

Durch die ständigen Misserfolge beim Rechnen entwickeln die Kinder oft Ängste vor dem Mathematikunterricht oder vor der Schule und eine geringe Leistungsmotivation. Das wirkt sich wiederum ungünstig auf die Rechenstörung aus. Insgesamt können die Rechenstörung und ihre psychischen Folgen die Lebensqualität der Kinder deutlich beeinträchtigen.

Die 8-jährige Lara hat erhebliche Probleme und die Note „ungenügend“ im Fach Mathematik, während sie in den übrigen Fächern gute Noten hat. Inzwischen hat Lara zunehmend Angst vor dem Mathe-Unterricht und sagt von sich selbst: „Ich bin dumm“. Im Zusammenhang mit dem Schulbesuch berichtet sie häufig über Bauch- und Kopfschmerzen. Daraufhin geht ihre Mutter mit ihr zum Kinderpsychiater.

Häufigkeit, Verlauf und Ursachen

Etwa drei bis sechs Prozent der Kinder im Schulalter sind von einer Rechenstörung betroffen. Sie kommt damit etwas seltener vor als eine Lese-Rechtschreib-Störung. Mädchen sind gleich häufig oder etwas häufiger betroffen als Jungen.

Wird keine gezielte Therapie durchführt, bleibt die Rechenstörung meist bis ins Erwachsenenalter bestehen. Die Probleme beim Rechnen können dann zu deutlichen Beeinträchtigungen in der Schule, im Berufsleben und im übrigen Alltag führen. Günstige Faktoren für den Verlauf sind eine leicht ausgeprägte Rechenstörung und eine gute Intelligenz, ungünstige Faktoren sind Aufmerksamkeitsdefizite und Probleme beim Lesen und Schreiben.

Bisher ist nicht genau bekannt, wie eine Rechenstörung entsteht. Es wird angenommen, dass mehrere Faktoren bei ihrer Entstehung zusammenwirken. Dabei spielen wahrscheinlich genetische Faktoren eine wichtige Rolle. So ist häufig auch ein Elternteil oder Geschwister von einer Rechenstörung betroffen.

Weiterhin wird vermutet, dass die Rechenstörung auf Besonderheiten der Hirnfunktionen zurückgeht, die zu einer Störung des Zahlenverständnisses führen. Diese Besonderheiten der Hirnfunktionen können ebenfalls zu Defiziten beim Lesen und Schreiben, bei der visuell-räumlichen Wahrnehmung und bei den motorischen Funktionen (Steuerung von Bewegungen) führen.

Psychische und soziale Faktoren können dazu beitragen, dass sich die Rechenstörung verschlechtert, zum Beispiel, wenn die Rechenfähigkeiten in der Schule schlecht vermittelt werden. Zudem können die Kinder in Zusammenhang mit dem Rechnen Ängste und negative Gefühle entwickeln, weil sie häufig Misserfolgserlebnisse haben, gehänselt werden oder von Eltern oder Lehrern unter Druck gesetzt werden.

Zusätzlich zu einer Rechen-Störung liegen häufig weitere psychische Auffälligkeiten oder Störungen vor. Diese sind oft eine Folge der Rechenstörung, können aber auch unabhängig davon auftreten.

Am häufigsten sind Ängste (z. B. Angst vor dem Rechnen, generelle Schulangst), Depressionen und Störungen des Sozialverhaltens (z. B. aggressives Verhalten), eine Lese-Rechtschreib-Schwäche und eine ADHS. Tritt die Rechen-Störung zusammen mit einer LRS auf, spricht man auch von einer kombinierten Störung schulischer Fertigkeiten.

Durch die psychische Belastung durch die Rechenstörung können auch psychosomatische Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen auftreten. In manchen Fällen lassen sich zusätzlich Störungen der visuell-räumlichen Wahrnehmung, der motorischen Funktionen, des Gedächtnisses oder der kognitiven Kontrollfunktionen (Exekutivfunktionen) beobachten.

Diagnose und Behandlung

Fallen zu Beginn der Schulzeit Probleme beim Umgang mit Zahlen und beim Rechnen auf, sollte frühzeitig eine Diagnostik zur Rechenstörung durchgeführt werden.

Stellung der Diagnose

Auch hier wird eine mehrdimensionale Diagnostik durchgeführt, die Gespräche mit den Eltern und dem Lehrer (Anamnese), eine psychometrische Testdiagnostik, die Verhaltensbeobachtung des Kindes und die Diagnostik weiterer psychischer oder neurologischer Störungen umfasst.

Bei der psychometrischen Testdiagnostik werden die Fähigkeiten im Rechnen und die allgemeine Intelligenz erfasst. Eine Rechenstörung wird diagnostiziert, wenn die Leistung im Rechnen deutlich unter der allgemeinen Intelligenzleistung des Kindes bzw. unter dem Altersdurchschnitt im Rechnen liegt.

Eine neurologische Untersuchung kann notwendig sein, um Reifungsverzögerungen des Kindes, etwa im Bereich der Sprache oder der motorischen Funktionen zu erfassen.

Behandlung

Auch bei der Rechenstörung sollte frühzeitig, am besten zu Beginn der Grundschulzeit, mit der Förderung begonnen werden. Ähnlich wie bei der Lese-Rechtschreib-Störung ist ein mehrdimensionaler Therapieansatz sinnvoll, der folgende Bausteine umfasst:

  • Aufklärung der Eltern und Lehrer über die Störung (Psychoedukation)
  • gezielte Förderung der Rechenfähigkeiten
  • regelmäßige Elternberatung
  • psychotherapeutische Maßnahmen

RS-spezifische Therapiemaßnahmen

Im Zentrum der Therapie steht eine gezielte Förderung der Rechenfähigkeiten (Dyskalkulie-Therapie). Die Übungen sollten von einem ausgebildeten Dyskalkulie-Therapeuten durchgeführt werden und sich individuell an den Problemen des Kindes orientieren.

Zunächst wird meist mit greifbaren Gegenständen gerechnet, später mit Arbeitsblättern und schließlich wird auch Kopfrechnen geübt. Zusätzlich werden häufig auch Fähigkeiten der visuell-räumlichen Wahrnehmung und des Gedächtnisses trainiert. Mittels Belohnungssystemen (Tokens) sollen die Bemühungen des Kindes beim Rechnen verstärkt und Lernmotivation zu erhöht werden. Die Therapie findet meist zwei Mal pro Woche in Einzelsitzungen oder in Kleingruppen statt, häufig über mehrere Jahre.

Regelmäßiges zusätzliches Üben sinnvoll

In der regelmäßigen Elternberatung werden die Eltern über sinnvolle Fördermaßnahmen und die Gestaltung der Hausaufgaben informiert. So ist es sinnvoll, wenn auch sie regelmäßig mit ihrem Kind die Rechenfähigkeiten üben. Sinnvoll sind z. B. 15 Minuten täglich in zwei bis drei kleinen Einheiten. Dabei sollten die Eltern ihrem Kind viel Geduld und Verständnis entgegenbringen, es für seine Anstrengungen loben und es bei Fehlern oder Schwierigkeiten nicht kritisieren.

Ausgleich schaffen

Weiterhin werden die Eltern beraten, wie sie ihr Kind emotional unterstützen und sein Selbstvertrauen fördern können, um so mit der Rechenstörung verbundene Ängste und andere emotionale Probleme zu verringern. Ähnlich wie bei der Lese-Rechtschreib-Störung sollten sie ihr Kind in Bereichen, die es gut beherrscht (z. B. Sport, Musik), positiv verstärken und Phasen ohne Leistungsdruck schaffen, in denen sich das Kind entspannen kann.

Nachteilsausgleich in der Schule

Wurde die Diagnose einer Rechenstörung gestellt, können die Eltern in einigen Bundesländern einen Nachteilsausgleich beantragen, bei dem die Notengebung im Fach Mathematik ausgesetzt wird. Zudem können die Kinder bei Prüfungen einen Zeitzuschlag erhalten und dürfen ggf. weitere Hilfsmittel verwenden.

Liegen weitere psychische Störungen vor, sollten diese mit entsprechenden Maßnahmen – zum Beispiel mit einer Psychotherapie, passenden Fördermaßnahmen oder Medikamenten – behandelt werden.

Erfolgsaussichten einer Therapie

Durch angemessene Fördermaßnahmen kann oft eine Besserung der Rechenstörung erreicht werden. Die Kinder können dadurch ihren Umgang mit Zahlen und ihre Rechenfähigkeit allmählich verbessern. Manche können eine mit anderen Kindern vergleichbare Rechenfähigkeit erreichen.

Quellen:

  • Helmut Remschmidt, Fritz Mattejat & Andreas Warnke (2010). Therapie psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen: Ein integratives Lehrbuch für die Praxis. Thieme-Verlag, Stuttgart.
  • Hans-Christoph Steinhausen (Hrsg.) (2010). Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen: Lehrbuch der Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie. Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, München/Berlin.
  • AWMF online (Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften): Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie
  • Neurologen und Psychiater im Netz, Abschnitt „Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie“
  • DIMDI (2015). Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification (ICD-10-GM). Version 2015
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