Jugendliche (Seite 13/15)
Zwangsstörung
Betroffene so früh wie möglich behandeln
Anna (14 Jahre) leidet seit drei Jahren unter einem zunehmenden Waschzwang. Er begann mit der Sorge, ihr Bett könnte verschmutzt, «kontaminiert» werden, weswegen sich niemand mehr auf ihr Bett setzen durfte.
Sie entwickelte einen Waschzwang, der bis zu fünf Stunden am Tag einnahm. Nach dem Schulbesuch musste sie immer duschen, da sonst intensive Gefühle von Ekel und Angst vor Verschmutzung auftraten. Vor Betreten des eigenen Zimmers wechselte sie stets die Kleidung.
Wenn sie Sorge hatte, dass zum Beispiel ihr Laptop «kontaminiert» sein könnte, musste sie ihn mit Wasser und Seife abwaschen. Das Betreten des Zimmers und der Schulbesuch waren ihr letztlich nicht mehr möglich. Anna zog sich immer mehr in sich zurück, vermied Kontakte mit Freunden und entwickelte eine depressive Stimmungslage. Sie litt ausserdem unter einer sozialen Ängstlichkeit, mit grossen Ängsten, von anderen negativ bewertet zu werden. *
Zwangsstörungen mit frühem Beginn gehören zu den häufigen psychischen Erkrankungen im Jugendalter. Die Symptomatik führt oft zu einer schweren Beeinträchtigung des Patienten und zu familiären Konflikten.
Leider wird diese Störung zu oft erst spät erkannt. Dabei ist es wichtig, betroffene Jugendliche bald zu behandeln, denn eine Zwangsstörung kann chronisch werden und sich außerdem eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung entwickeln.
Bis zu drei Prozent der Jugendlichen leiden unter einer Zwangsstörung. Meistens tritt eine Zwangsstörung nicht alleine, sondern in Kombination mit anderen psychischen Störungen auf.
Bei den meisten betroffenen Erwachsenen liegt der Beginn der Erkrankung ebenfalls in der Jugend. Deshalb ist es so wichtig, Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen so früh wie möglich zu behandeln.
Mit Hilfe der multiaxialen Diagnostik ist eine Früherkennung möglich. Multiaxial bedeutet, dass eine Untersuchung auf verschiedenen Achsen stattfindet, zum Beispiel werden körperliche Symptome ebenso berücksichtigt wie die intellektuellen Fähigkeiten oder psychosoziale Umstände.
Bei diesen Hinweisen sollten Eltern tätig werden
Eltern und Erziehungsberechtigte sollten aufmerksam werden, wenn ein Jugendlicher von übermäßigen Sorgen und Ängsten gequält wird. Treffen folgende Hinweise auf den Betroffenen zu, dann wäre es wichtig, einen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten aufsuchen:
- Intensive Angst vor bestimmten Situationen oder Gedanken, oft ohne logischen Grund.
- Plötzliche Verschlechterung der schulischen oder beruflichen Leistungen oder häufiges Fehlen aufgrund von zwanghaften Gedanken oder Handlungen.
- Anzeichen von übermäßigem Rückzug.
- Gedrückte Stimmung
- Stundenlanges zwanghaftes Verhalten
Folgende Anzeichen können bereits ein Hinweis auf eine bestehende Zwangsstörung sein
- Ritualisiertes Verhalten: Der Betroffene führt regelmäßig bestimmte Handlungen oder Rituale aus, die keinen klaren Zweck haben.
- Übermäßige Sorgen und Ängste: Der Jugendliche erlebt eine intensive Angst vor bestimmten Situationen oder Gedanken, oft ohne logischen Grund.
- Veränderungen in der Schule oder in der Ausbildung: Ihr Kind verschlechtert sich plötzlich auffallend in seinen schulischen oder beruflichen Leistungen oder es fehlt häufig aufgrund von zwanghaften Gedanken oder Handlungen.
- Vermeidung bestimmter Situationen: Sie oder er zeigt ein bestimmtes Vermeidungsverhalten, um Zwangsgedanken oder -handlungen zu entgehen. Dies kann zu sozialer Isolation oder Problemen in der Schule führen.
- Körperliche Symptome: Kopf- oder Bauchschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen oder andere
Die häufigsten Zwangsgedanken bei Zwangsstörungen in der Jugend
- Kontamination: Jemand hat Angst, Schmutz oder Keime von anderen zu bekommen und muss ständig seine Hände waschen.
- Anderen oder sich selbst Schaden zufügen: Ein Jugendlicher denkt ständig darüber nach, dass er oder jemand anderes verletzt wird, und traut sich nicht in vermeintlich gefährliche Situationen.
- Körperbezogene Inhalte: Der Betroffene beschäftigt sich übermäßig mit seinem Aussehen und hat Angst, dass etwas an seinem Körper nicht stimmt, obwohl es keine Anzeichen dafür gibt.
- Verlust: Ein Jugendlicher hat Schwierigkeiten, sich von alten Gegenständen zu trennen, aus Angst, dass er sie eines Tages braucht, und überfüllt deshalb seine Umgebung.
- Religiöse Inhalte: Sie oder er denkt ständig darüber nach, ob sie oder er Gottes Regeln richtig befolgt, und sorgt sich vor Strafe bei einem scheinbaren Fehler.
- Sexuelle Inhalte: Ein Jugendlicher hat zwanghafte Gedanken über sexuelle Themen und fragt sich ständig, ob seine Gedanken „normal“ sind, was zu Angst und Verwirrung führt.
Die aus den Zwangsgedanken resultierenden häufigsten Zwangshandlungen
- Waschen: Häufiges Händewaschen oder Reinigen von Gegenständen kann bei Jugendlichen zu einer krankhaften Zwangshandlung werden, die als Waschzwang bekannt ist. Diese Zwangshandlung entsteht oft aus der Angst vor Schmutz oder Keimen und kann übermäßig werden, sodass Betroffene ständig ihre Hände waschen müssen, selbst wenn sie nicht schmutzig sind. Dies kann unter anderem auch zu Hautproblemen führen und ihr tägliches Leben erheblich beeinträchtigen.
- Wiederholen: Wiederholte Handlungen, wie das Zählen oder Aussprechen von Sätzen, können Zwangshandlungen darstellen. Diese Rituale können zur Linderung von Angstgefühlen eingesetzt werden, können aber auch in eine zwanghafte Wiederholung übergehen, die das Kind daran hindert, normal zu funktionieren oder sich auf andere Aktivitäten zu konzentrieren.
- Kontrollieren: Zwanghaftes Überprüfen, ob beispielsweise die Türen abgeschlossen sind, ist ein häufiges Verhalten bei Jugendlichen mit Zwangsstörungen. Diese Handlungen bieten kurzfristig eine Erleichterung von Angst, können aber zu stundenlangen Kontrollen führen, die ihre täglichen Routinen stören und zu sozialer Isolation führen können.
- Ordnen: Das Bedürfnis, Dinge in einer bestimmten Reihenfolge anzuordnen kann als beruhigend empfunden werden, führt jedoch häufig dazu, dass Jugendliche Schwierigkeiten haben, ihre Umgebung zu verlassen oder sich an spontane Aktivitäten anzupassen.
- Zählen: Für einige Jugendliche kann das Zählen zu einer zwanghaften Handlung werden. Zum Beispiel kann jemand das Gefühl haben, dass er eine bestimmte Anzahl von Schritten gehen oder bestimmte Dinge zählen muss, um sich sicher zu fühlen.
- Horten: Jugendliche, die unter Zwangsstörungen leiden, können das zwanghafte Bedürfnis entwickeln, bestimmte Objekte zu horten oder zu sammeln. Diese Zwangshandlung kann aus der Angst resultieren, etwas Wichtiges zu verlieren, was zu extremen Schwierigkeiten bei der Trennung von materiellen Besitztümern führen kann. Dies kann ihr Zuhause überladen und ihre Beziehungen zu Familie und Freunden belasten.
Ursachen
Häufig ist kein konkreter Anlass nachweisbar, der zu einem Zwang führt. Meistens entwickelt sich eine Zwangsstörung eher durch aufrechterhaltende Faktoren. Bekam ein Kind zum Beispiel aufgrund des Zwangs mehr Aufmerksamkeit von seinen Eltern, kann das durchaus dazu beitragen, dass es sein Verhalten verfestigte.
Lesen Sie mehr über die Ursachen von Zwangsstörungen.
Häufige Begleiterkrankungen
Bei Patienten mit einer Zwangsstörung sind Begleiterkrankungen, also komorbide Störungen eher die Regel als die Ausnahme. Neben häufig zu beobachtenden Depressionen und Angsterkrankungen können auch Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie Tic-Störungen bestehen.
Erste Ansprechpartner
- Kinder- und Jugendärzt:innen
- Hausärzt:innen
- Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen
- Schulsozialarbeiter:innen
- Beratungslehrer:innen
- Beratungsstellen vor Ort, zum Beispiel Caritas oder Diakonie
Psychotherapie
Bei Zwangsstörungen im Jugendalter gibt es evidenzbasierte Psychotherapieformen, die sehr effektiv sind. Ziel ist es, zwanghafte Gedanken und Zwangshandlungen zu reduzieren, die Lebensqualität zu verbessern und Rückfälle zu verhindern.
Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT / CBT) mit Expositions- und Reaktionsverhinderung (ERP) gilt als sehr bewährt in der Behandlung von Zwangsstörungen.
Sie besteht meist aus verschiedenen Bausteinen. Zum einen soll der Jugendliche durch Psychoedukation aufgeklärt werden, was Zwangsgedanken und -handlungen sind. Zum anderen wird ihm der Zusammenhang zwischen Gedanken, Angst und Ritualen erklärt.
Die Exposition und Reaktionsverhinderung stellen den eigentlichen Kern der Behandlung dar. Das bedeutet. sie oder er wird in einem geschützten Rahmen mit der angstbesetzten Situation oder dem Gedanken konfrontiert. Diese Exposition soll ihm helfen, sein Verhalten zu unterbrechen. So darf der Betroffene sich beispielsweise die Hände nicht sofort waschen, obwohl er sich schmutzig fühlt. Der Grad dessen, was der Betroffene aushält, wird schrittweise gesteigert.
Die Reaktionsverhinderung (Response Prevention) bewirkt, dass das Ritual nicht ausgeführt ausgeführt wird mit dem Ziel, dass sich die Angst nach und nach reduziert.
In der kognitiven Arbeit lernt er sein Gedanken zu hinterfragen und seine Überzeugungen realistisch zu prüfen, zum Beispiel: „Passiert wirklich ein Unglück, wenn ich die Stufen zum Haus nicht zähle?“
In der Zeit zwischen den Sitzungen helfen Hausaufgaben und Trainings das neue Verhalten einzuüben. Außerdem wird von Anfang an an einer Rückfallprophylaxe gearbeitet.
Bei Jugendlichen ist die Familientherapie ein besonders wichtiger Baustein, weil die Eltern oder Geschwister oft involviert sind. Sie bezieht beispielsweise die Eltern als Unterstützer in die Exposition ein, was dazu beitragen kann, übermäßige Kontroll- oder Schutzverhalten zu reduzieren.
In einer Gruppentherapie können Jugendliche gemeinsam mit anderen Strategien erlernen, um Zwangshandlungen zu reduzieren. Die Gruppe gibt dem Einzelnen das Gefühl einer gewissen Normalität, dass er mit seiner Problematik nicht allein ist. Innerhalb der Gruppe können sich die Jugendlichen gegenseitig unterstützen.
Unter Umständen kann eine medikamentöse Ergänzung wichtig sein. So können selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) verschrieben werden, wenn der Zwang sehr stark ist oder Therapie alleine nicht ausreicht.
Therapeutenliste Kinder und Jugendliche
*Fallbeispiel: Aus Wewetzer, Gunilla und Wewetzer, C.: Psychiatrie & Neurologie 4/2015, Verlag Rosenfluh: Rheinfelden, Kognitive Verhaltenstherapie bei Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter