Jugendliche (Seite 12/15)

Traumatisierungen

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Youssuf ist 16 Jahre und kam als unbegleiteter Flüchtling aus Syrien nach Deutschland. Er lebt in einer Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung mit anderen Jugendlichen zusammen.

Er fällt durch besonders aggressives Verhalten auf, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Es kann sein, dass er es als ungerecht empfindet, wenn jemand beim Mittagessen etwas mehr auf seinen Teller nimmt. Es kann aber auch sein, dass sich Youssuf in sein Zimmer zurückzieht und kaum ansprechbar ist. Es ist dann, als seien seine Wahrnehmungsorgane abgeschaltet.

Für Youssuf ist es wichtig, durch seine Betreuer ein dauerhaft gleichbleibendes Beziehungsangebot zu erleben. Er hat während des Krieges in seiner Heimat und auf der Flucht extreme Erlebnisse von lebensbedrohlichem Ausmaß erlebt und das Vertrauen in Erwachsene verloren.*

Wenn ein Kind eine Flucht erlebt hat und im Gastgeberland in ungesicherten Verhältnissen lebt, wenn die Eltern eines Kindes psychisch krank sind oder in seiner Familie Gewalt vorkommt, dann ist das Risiko, eine Traumatisierung zu entwickeln, sehr hoch. 

Über die Hälfte der Kinder und Jugendlichen aus solchen Risikogruppen stehen unter einem großen Leidensdruck und zeigen Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Wenn Symptome einer Traumatisierung auftreten, ist dringend professionelle Hilfe angeraten.

Ursachen

Traumata können bei Jugendlichen entstehen, wenn ein Ereignis oder eine Situation als so überwältigend, bedrohlich oder unkontrollierbar erlebt wird, dass die üblichen Bewältigungsmechanismen nicht mehr ausreichen. Ursachen können einmalige Schockereignisse, aber auch langandauernde Belastungen sein.

 Jugendliche, die unter einem Schocktrauma leiden, haben einen Unfall, eine Naturkatastrophe, eine plötzliche Trennung oder Verluste, zum Beispiel der Tod einer Bezugsperson, medizinische Notfälle oder Operationen, körperliche, seelische oder sexualisierte Gewalterfahrungen erlebt.

Auch Belastungen, die über längere Zeit bestehen können traumatisieren, dann spricht man von einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung. Wenn Jugendliche chronische familiäre Konflikte oder emotionale Vernachlässigung, langandauernde Ausgrenzung, Mobbing oder Demütigungen erleiden oder langanhaltend in instabilen oder unsicheren Verhältnissen leben, wiedeholt Opfer von Gewalt oder Misshandlung wurden, können sie ebenfalls Traumata entwickeln.

Auch Belastungen durch das soziale Umfeld, zum Beispiel Trennungen der Eltern, Scheidungskonflikte, Suchterkrankungen eines Elternteils, psychische Erkrankungen in der Familie oder wenn ein Kind oder Jugendlicher schon früh zu viel Verantwortung übernehmen musste.

Erfahrungen von Migration, Flucht, Krieg oder politischer Gewalt können ebenfalls traumatisieren.

Nicht jeder Jugendliche entwickelt nach einem belastenden Erlebnis ein Trauma. Die Unterstützung durch Bezugspersonen oder persönliche Resilienz, also Widerstandskraft, können unter Umständen einen ausreichenden Schutz bieten.

Lesen Sie mehr über die Ursachen einer PTBS. 

Störung kann Persönlichkeit verändern

Wird ein traumatisierter Mensch nicht behandelt, besteht die Gefahr, dass die Störung chronisch wird und sich sogar seine Persönlichkeit dauerhaft verändert. 

Nehmen Sie Kontakt mit professionellen Ansprechpartnern auf, wenn Sie den Verdacht haben, Ihr Schützling könnte Opfer von Gewalt oder sexuellem Missbrauch sein. Verständigen Sie das Jugendamt und kontaktieren Sie professionelle Ansprechpartner wie Krisenanlaufstellen. 

Psychotherapie

Die Trauma-Fokussierte Kognitive Verhaltenstherapie (TF-CBT) wird bei betroffenen Kindern und Jugendlichen eingesetzt. Sie beinhaltet Stabilisierungsübungen wie Atmung oder Emotionsregulation, Psychoedukation und Arbeit an traumabezogenen Gedanken. Die Erinnerungen werden in Form von Nacherzählung in geschützter, therapeutisch begleiteter Form bearbeitet. Außerdem werden die Eltern einbezogen.

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) gilt als gut untersucht bei Jugendlichen. Dieses Verfahren hilft, traumatische Erinnerungen zu verarbeiten, indem die Verarbeitung im Gehirn stimuliert wird. Es wird allerdings nur eingesetzt, wenn der Betroffene ausreichend stabil ist.

Wenn ein Jugendlicher sehr belastet ist oder unter komplexen Traumata leidet, dann ist es besonders wichtig zuerst einen sicheren Rahmen herzustellen, die Emotionsregulation zu stärken, die Körperwahrnehmung beruhigen und innere Stabilität aufzubauen.

Psychodynamisch orientierte Traumatherapie ist sinnvoll, wenn das Trauma stark mit Beziehungserfahrungen, Bindung oder inneren Konflikten verknüpft ist.
Im Fokus stehen dann ein Verständnis zu entwickeln, wie wie das Trauma heute wirkt. Für betroffene Jugendliche ist es wesentlich, die Beziehungserfahrungen korrigieren zu können und ausreichend Selbstwert und Identität zu stärken.

Die Narrative Exposure Therapy for Youth (KIDNET/NET) ist besonders wirksam bei Jugendlichen mit Flucht- oder Kriegserfahrungen oder Mehrfachtraumatisierungen. In diesem Therapieverfahren geht es darum, die Lebensgeschichte strukturieren und belastende Erinnerungen in ein kohärentes Narrativ einbetten. Das bedeutet, eine stimmige, zusammenhängende und verständliche Erzählung über ein Erlebnis zu entwickeln.

Die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT-A) ist bei komplexen Traumafolgestörungen geeignet. Wenn Jugendliche Belastungen durch instabile Beziehungen erlitten haben, wenn es ihnen schwer fällt, Gefühle zu erkennen oder zu verstehen, hilft ihnen diese Therapie zu lernen, Gefühle zu differenzieren, zu verstehen und zu regulieren.

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Jugendliche (DBT-A) wird bei Traumatisierungen eingesetzt und wenn gleichzeitig eine starke emotionale Instabilität besteht und bei selbstverletzendem Verhalten.

Als Vorbereitung zur eigentlichen traumafokussierten Arbeiten lernen die Betroffenen zuerst, ihre Emotionen zu regulieren, mehr Stresstoleranz zu entwickeln und sichere Verhaltensstrategien aufzubauen.

Jugendliche sind auf ein stabiles Umfeld angewiesen. Deshalb kann eine Familientherapie, in der die ganze Familie lernen kann, ihre Kommunikation zu verbessern und Konflikte zu reduzieren, sehr unterstützend wirken. Außerdem können dadurch auch die Eltern einbezogen und entlastet werden.

Die meisten Trauma-Therapien sind auf drei Schritten aufgebaut:

  • Stabilisierung: Sicherheit, Alltag, Emotionen regulieren
  • Traumabearbeitung: kontrollierte, therapeutisch begleitete Verarbeitung der Erinnerungen
  • Integration und Zukunft: Rückfallprophylaxe, Selbstwert, soziale Beziehungen, schulische Reintegration

*Fallbeispiel: Aus DGSF: Die Relevanz Trauma-sensibler Beratung.

Therapeutenliste Kinder und Jugendliche