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Selbsttötung (Suizid)
Vierthäufigste Todesursache bei 15-19-Jährigen
Nach Angaben von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, nimmt sich weltweit alle elf Minuten ein junger Mensch das Leben. Das sind jedes Jahr rund 46.000 Jugendliche. In der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen ist Suizid, also Selbsttötung die vierthäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen, Tuberkulose und Gewalttaten.
Gedanken, sich das Leben zu nehmen, sind ein häufiges Symptom der Depression. Jugendliche mit der Diagnose Depression haben ein bis zu 20-fach höheres Risiko, einen Selbstmord zu versuchen oder ihn sogar zu begehen als psychisch gesunde Gleichaltrige.
Bei einer Suizidankündigung oder einem Suizidversuch von Kindern und Jugendlichen steht häufig nicht der Wunsch zu sterben im Vordergrund, sondern die Vorstellung, so wie bisher nicht weiterleben zu können.
Hilfeschrei und verzweifelte Suche nach Zuwendung
Die Zeit des Heranwachsens ist eine schwierige Phase, in der Kinder und Jugendliche ständig mit Veränderungen, neuen Anforderungen und Krisen zurechtkommen müssen. Gelingt ihnen dies nicht, sehen sie den Tod manchmal als Ausweg. Doch meist ist eine Suizidandrohung oder der Suizidversuch eher ein Hilfeschrei und die verzweifelte Suche nach Zuwendung.
Nicht selten verletzen sich Jugendliche selber oder leiden an wiederkehrenden Suizidgedanken. Suizidankündigungen von Kindern und Jugendlichen sollten immer ernst genommen werden.
Suchen Sie Fachpersonen auf, wenn ein Mädchen oder ein Junge, der unter ihrer Obhut steht, Selbstmord verüben möchte oder auch schon einen Versuch unternommen hat.
Depressionen sind die Hauptursache von Suiziden. Eine erfolgreiche Behandlung der Depression senkt das Risiko für suizidale Handlungen.
Die Hauptrisikogruppe für Suizidversuche sind jedoch Mädchen und junge Frauen. Neben psychischen Erkrankungen sind ein früherer Suizidversuch, Erfahrungen mit diesem Thema im Freundes- und Familienkreis und negative Lebensereignisse weitere Risikofaktoren für Suizidalität.
Wenn Sie den Eindruck haben, ein Kind oder Jugendlicher möchte Selbstmord verüben oder spricht darüber, sollten Sie das immer ernst nehmen und offen ansprechen.
Lesen Sie mehr über Hilfsangebote bei Suizid.
Welche Alarmzeichen sollte man ernst nehmen?
- Suiziddrohungen und -ankündigungen
Das Vorurteil, dass sich ein Mensch, der von Selbsttötung spricht, nichts antut ist falsch.
- Große Hoffnungslosigkeit und Äußerungen wie:
„Es hat ja doch alles gar keinen Sinn mehr...“, „Irgendwann muss auch mal Schluss sein...“, „Es muss jetzt was passieren...“ sind bei depressiven Menschen Hinweise auf eine ernste Gefährdung.
- Angelegenheiten ordnen, Abschied nehmen
Viele Menschen möchten vor einem Suizid ihre Angelegenheiten ordnen. Beispielsweise verschenken sie Gegenstände, die ihnen etwas bedeuten oder verabschieden sich von ihren Freunden und Verwandten. Wer fest zum Suizid entschlossen ist, wirkt oft ruhiger, gefestigter und weniger verzweifelt. Die Mitwelt kann zu dem trügerischen Schluss kommen, es gehe dem Betroffenen endlich wieder besser.
Was tun bei einem akut suizidgefährdeten Menschen?
- Sprechen Sie das Thema an!
Wenn Sie den Verdacht hegen, dass ein Kind oder Jugendlicher, der sich unter ihrer Obhut befindet, suizidgefährdet ist, sollten Sie ihn in ruhiger und sachlicher Weise darauf ansprechen. Die Befürchtung, man könne dadurch den Suizid erst provozieren, ist falsch. In aller Regel stellt es für einen suizidgefährdeten Menschen eine Entlastung dar, mit einer anderen Person über die quälenden Gedanken sprechen zu können.
- Ziehen Sie professionelle Hilfe hinzu!
Versuchen Sie sich nicht als Therapeut, sondern unterstützen Sie den Betroffenen, professionelle Hilfe zu suchen. Hilfe können Sie bei einem niedergelassenen Arzt oder Psychotherapeuten oder in einer Klinik suchen.
- Sorgen Sie für den Menschen!
Zeigen Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie für ihn da sind. Übernehmen Sie in der akuten Situation Verantwortung für den anderen. Begleiten Sie die gefährdete Person zum Arzt oder in die Klinik. Nachts kann das die psychiatrische Notfallambulanz sein, aber auch der ärztliche Notdienst.
Das Wichtigste bei akuter Suizidalität ist, dass der Betroffene nicht alleine in der aussichtslos erscheinenden Situation bleibt, sondern sich trotz oft vorhandener Scham- und Schuldgefühle einer anderen Person anvertrauen kann.
Wenn ein Mensch unmittelbar von Suizid bedroht ist, er aber in keiner Weise mehr über ein Gespräch erreichbar ist und nicht bereit ist, gemeinsam Hilfe aufzusuchen, so sollte zu seinem Schutz der Notarzt verständigt werden. Bitte berichten Sie dem Notarzt genau von der Situation und lassen Sie den betroffenen Menschen bis zum Eintreffen des Notarztes nicht allein.
Unbedingt Zeit gewinnen! Der Wunsch zu sterben, ist fast immer nur ein vorübergehender Zustand und auch bei schwierigen Lebenssituationen kehrt meist der Lebensmut wieder zurück!
Lesen Sie mehr über angemessene Reaktion bei Suizid.
Erste Hilfe
Rettung unter 112 anrufen!
Wenn sich ein Jugendlicher in einer akuten Krise befindet und die Gefahr der Selbsttötung besteht, wenden Sie sich bitte an den behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten, an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter 112.
Eine Notfallbehandlung kann auch dann wichtig sein, wenn jemand nur über Selbstmordgedanken spricht und noch keine konkreten Pläne hat, sie umzusetzen.
Stabilisierung und Psychotherapie
Bei einer Psychotherapie mit suizidalen Jugendlichen geht es vor allem darum, den Betroffenen zu stabilisieren und ihm Sicherheit zu bieten. Zuallererst muss eingeschätzt werden, wie hoch das Risiko ist, dass sich der Jugendliche tatsächlich etwas antut. In dieser akuten Phase steht an erster Stelle, Sicherheit und Stabilität herzustellen und den Zugang zu gefährlichen Mitteln zu verhindern. Bei einem hohen Risiko ist eine stationäre Aufnahme dringend geraten.
Wenn Sie nicht Mutter, Vater oder eine andere Erziehungsperson sind, ist es wichtig, so schnell wie möglich den Kontakt zu den Bezugspersonen oder einer Notaufnahme herzustellen.
Den Weg durch die Krise festlegen
- Notfall- oder Safety-Plan (Sicherheitsplan) mit Identifikation von Warnzeichen vor einer suizidalen Krise aufstellen
- Erstellung einer Liste personalisierter Copingstrategien, Implementierung dieser Strategien im Fall einer suizidalen Krise
- Wer kann professionell helfen? Wichtige Telefonnummern der Eltern, des Kinder- und Jugendarztes, einer Klinik, der Polizei griffbereit
- HäufigereTermine mit Kinder- und Jugendpsychotherapeut oder Kinder- und Jugendpsychiater Psychotherapeut sind notwendig, unter Umständen täglich
Der Sicherheitsplan, den Jugendliche im Rahmen einer Therapie wiederholt einüben, gilt als ein sehr wirksames Instrument. Er umfasst folgende Punkte:
-
Warnzeichen erkennen
-
Innere Bewältigungsstrategien (Ablenkung, Skills, Atemtechniken)
-
Orte/Personen zur Unterstützung
-
Professionelle Hilfe (Therapeut, Bereitschaftsdienste)
-
Maßnahmen zur Restriktion gefährlicher Mittel
Psychotherapie nach Stabilisierung
Sobald der Jugendliche dazu in der Verfassung ist - das heißt, er ist stabil genug -, kann mit einer Psychotherapie begonnen werden. Eine Grundvoraussetzung, dass der Jugendliche sich auf eine Therapie einlässt, ist die Beziehung zur Therapeutin oder zum Therapeuten. Er oder sie muss sich darauf verlassen können, ernst genommen zu werden, dass auf ihn eingegangen wird, dass er seine Meinung frei aussprechen kann. Denn Jugendlich in einer solchen Lebenskrise sind besonders misstrauisch.
Übrigens dürfen Jugendliche ab 15 Jahren selbst entscheiden, ob sie eine Psychotherapie machen. Das bedeutet für den Therapeuten, dass er die Eltern nicht über den Jugendlichen und den Verlauf der Psychotherapie informieren darf, wenn der Betroffene nicht damit einverstanden ist.
Der behandelnde Psychotherapeut arbeitet mit dem Betroffenen an
- Validierung („Ihre Gefühle sind ernst und nachvollziehbar“)
- Sicherheit („Wir gehen das gemeinsam an“)
- Transparenz (keine Überraschungen, klare Regeln)
Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) arbeitet an
- dysfunktionalen Gedanken („Ich bin eine Belastung“)
- Aufbau von Problemlösestrategien
- Training emotionaler Regulation
- Aufbau von Hoffnung und Zukunftsorientierung
Lesen Sie mehr über Verhaltenstherapie.
Dialektisch-Behaviorale Therapie für Jugendliche wird angewendet bei:
- starker Impulsivität
- Selbstverletzendem Verhalten
- emotionaler Instabilität
In diese Therapieform, die empfohlen wird bei Jugendlichen mit hoher Suizidgefahr ist die Therapeutin, der Therapeut auch außerhalb der Sitzungen telefonisch erreichbar, damit der Betroffene besonders in kritischen Momenten immer einen Ansprechpartner hat. Diese Therapie umfasst auch ein Fertigkeitentraining mit dem Ziel sich durch Emotionsregulation, Distress-Toleranz oder Achtsamkeit besser regulieren und steuern zu können.
Die Familienbasierte Therapie
bindet die ganze Familie ein und die Beteiligten lernen, Konflikte zu reduzieren und Unterstützungssysteme zu aktivieren. Die Eltern werden in Sicherheitsplänen geschult und die alle Familienmitglieder eignen sich bessere Formen der Kommunikation an.
Die Multidimensionale Familientherapie (MDFT) gilt als besonders wirksam. Sie ist ein familienorientiertes ambulantes Therapieprogramm für Jugendliche mit substanzbezogenen Problemen und damit einhergehenden psychischen Problemen oder sonstigen Verhaltensstörungen.
Behandlung zugrunde liegender Störungen
Viele suizidale Jugendliche leiden unter Depressionen, Traumafolgestörungen, Angststörungen, ADHS oder Essstörungen. Um Jugendlichen zu helfen, eine lebensbejahende Perspektive einzunehmen, ist es wichtig, diese zugrundeliegenden psychischen Störungen
zu behandeln.
Rückfallprophylaxe
Um den Betroffenen einen sicheren Boden bereiten zu können, ist eine Rückfallprophylaxe wesentlich. Sie beinhaltet, dass der Jugendliche den Sicherheitsplan immer wieder einübt und ein Warnsignal-Profil erstellt, zusammen soll ihm das ermöglichen, schnell zu erkennen, in welchen Gedankenmustern er sich gegebenenfalls begibt, um sich schnellstmöglich Unterstützung zu holen. Außerdem ist es entscheidend, dass der Betroffene lernt, mit auf ihn abgestimmten Strategien mit belastenden Situationen, zum Beispiel Druck in der Schule oder in der Ausbildung, umgehen zu können.
Eine Notfallkarte, die der Jugendliche immer bei sich trägt und auf der kurz und direkt die wichtigsten Schritte für eine akute Krise stehen, kann den Jugendlichen daran erinnern, was er in dem Moment einer Krise leicht vergessen kann.
Die Nachsorge sollte ausreichend lang stattfinden, damit gewährleistet ist, dass der Betroffene nicht zu schnell sich selbst überlassen wird.