Jugendliche (Seite 10/15)
Störungen des Sozialverhaltens
Aggressiv gegenüber Menschen und Tieren
Tina ist 14 Jahre alt und fällt insbesondere in der Schule, aber auch zu Hause durch impulsiv-aggressive Wutausbrüche auf, die lautes Schreien, aber auch Angriffe auf Mitschüler mit einschließen. Oft musste Tina deswegen schon von der Mutter aus der Schule abgeholt werden.
Aus Sicht der Eltern ist dieses Verhalten nicht zu erklären und sie werden seit einiger Zeit zunehmend ungehaltener ihrer Tochter gegenüber, da diese sich nicht zugänglich zeige und keine Besserung in Sicht sei.
Zwangsmaßnahmen wie Handy- und Ausgehverbote führten eher zu noch bockigerem und aggressiveren Verhalten (den Hund und den kleinen Bruder schlagen), als dass sich etwas ändern würde. Das »angegriffene Nervenkostüm« der Eltern führe nun schon so weit, dass sich die Eltern zunehmend selbst untereinander streiten und die familiäre Atmosphäre sehr beeinträchtigt sei.
Tina selbst fühlt sich unverstanden, allein gelassen und schuldig. Wenn sie sich gerade nicht mit ihren Eltern und auch mit dem jüngeren Bruder streitet, zieht sie sich in ihr Zimmer zurück und weint viel.*
Oppositionelles Verhalten, Lügen, kleinere Diebstähle und gelegentliche körperliche und sogar auch kriminelle Verhaltensweisen gehören in gewisser Weise zu den normalen Entwicklungsphasen von Heranwachsenden. Junge Menschen möchten damit ihre Grenzen austesten und auch herausfinden, welchen Einfluss sie nehmen können.
Im Laufe der Pubertät lernen die meisten Menschen jedoch, diese Impulse zu kontrollieren.
Bis zu neun Prozent der Heranwachsenden gelingt dies leider nicht und sie entwickeln eine Störung des Sozialverhaltens.
Kinder und Jugendliche, die unter dieser Störung leiden, verhalten sich aggressiv und auch grausam gegenüber Menschen und Tieren. Sie gehen häufig scheinbar grundlos zerstörerisch mit fremdem Eigentum um, sie lügen, betrügen und stehlen, sie schwänzen die Schule und laufen von zuhause weg. Auch bei schweren Regelverstößen scheint sie kein schlechtes Gewissen zu plagen.
Etwa vier bis fünf Prozent der Betroffenen leiden außerdem oft auch unter einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und sie sind sehr gefährdet, Suchtleiden oder ein straffälliges Verhalten zu entwickeln.
Ursachen
Die Ursachen für die Störung des Sozialverhaltens sind neben biologischen Faktoren, Umweltfaktoren und persönlichen Eigenschaften des Heranwachsenden, zum Beispiel das Temperament oder die Fähigkeit zur Impulskontrolle, hauptsächlich in der Erziehung zu suchen.
Eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung einer Verhaltensstörung spielen die Art und Weise, wie Eltern oder sonstige Erziehungspersonen auf die besonderen Eigenschaften des Kindes eingehen. Leiden die Eltern etwa unter einer psychischen Störung, zum Beispiel einer Depression oder Alkoholsucht, bekommt das Kind nicht ausreichend Zuwendung, Stabilität und Sicherheit.
Stress und mangelnde Erziehungskompetenz können sich bereits für Kinder im Vorschulalter negativ auswirken. Auch Gewalterfahrungen im Elternhaus gelten als Ursache für Fehlentwicklungen. Denn Eltern, die selbst ein gewalttätiges Verhalten zeigen, übertragen dieses Verhalten meist auf das Kind. Laut Studien geben 25 bis 40 Prozent der misshandelten Kinder die Gewalt weiter und üben sie an Dritten aus.
Fester Lebensrhythmus und konsequente Regeln fehlen
Daneben fehlt es in solchen Familien auch häufig an einem festen Lebensrhythmus und einem konsequenten von Regeln und Strukturen geprägten Erziehungsverhalten. Kinder, die sehr unruhig oder impulsiv sind oder an einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung leiden, sind darauf aber besonders angewiesen.
Einfluss Gleichaltriger spielt große Rolle
Besonders bei Jungen spielt die Peer-Gruppe, also der Einfluss Gleichaltriger, eine große Rolle, wenn es um Missbrauch von Alkohol und Drogen oder auch aggressivem Verhalten geht.
Es ist wichtig, dass gefährdete Kinder und Jugendliche rasch professionelle Hilfe bekommen. Denn wenn sich die Störung chronifiziert, können als Begleit- oder Folgeerkrankung eine Depression, eine Angststörung oder eine Suchterkrankung hinzukommen. Außerdem haben Betroffene meist große Schwierigkeiten, die Schule abzuschließen oder eine Ausbildung zu absolvieren. Was bedeutet, dass sie große Schwierigkeiten haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Auch privat können sich Betroffene schwer in ein soziales Gefüge einordnen und werden von Jugendlichen außerhalb der Peer-Gruppe häufig abgelehnt.
Psychotherapie
Eine Störung des Sozialverhaltens geht häufig mit Aggression, Regelverletzungen, Impulskontrollproblemen und Konflikten in der Schule, zuhause oder im sozialen Umfeld einher. Deshalb ist es wichtig, am gesamten sozialen Umfeld, also Familie und Schule gleichzeitig anzusetzen.
Für Jugendliche mit einer Störung des Sozialverhaltens gibt es mehrere wissenschaftlich anerkannte Therapieformen. Die wirksamsten Ansätze setzen oft multimodal an – also beim Jugendlichen, der Familie, der Schule und dem sozialen Umfeld.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Das am häufigsten eingesetzte Therapieverfahren ist die Kognitive Verhaltenstherapie. Die Betroffenen trainieren ihre Impulse zu kontrollieren, sie üben Problemlöse- und Konfliktlösestrategien und eignen sich Alternativen zu aggressivem und regelverletzendem Verhalten an.
Familientherapien wie Multisystemische Therapie (MST) , die Multidimensionale Familientherapie (MDFT) oder die Systemische Familientherapie sind sehr wichtig, denn familiäre Muster sind meist Ursache der Entwicklung der dysfunktionalen Verhaltensmusters.
Die ganze Familie lernt:
- Verbesserung der Kommunikation
- Klärung von Rollen, Grenzen, Regeln
- Stärkung der Eltern in klarer, konsistenter Erziehung
- Reduktion familiärer Konflikte
Die Multisystemische Therapie (MST) ist ein intensives, aufsuchendes Programm, das bei Jugendlichen mit hoher Delinquenz, also Kriminalität eingesetzt wird und eine sehr hohe Wirksamkeit bei schweren Verhaltensproblemen zeigt.
Ihre Wirkfaktoren sind:
- Arbeit mit Familie, Schule, Peers und Freizeit
- Verbesserung von elterlicher Führung und Struktur
- Reduktion von Risikokontakten (z. B. gewaltbereite Peers)
- Förderung schulischer und sozialer Integration
Die Multidimensionale Familientherapie (MDFT) wird speziell für Jugendliche mit Verhaltensproblemen oder Substanzkonsum eingesetzt und legt ihre Schwerpunkte auf die:
- Arbeit mit Jugendlichem, Eltern und Umfeld
- Veränderung dysfunktionaler Muster und Konflikte
- Verbesserung von Motivation, Selbstregulation und Zukunftsorientierung
Das Soziale Kompetenztraining wird häufig als Gruppentherapie durchgeführt und es trainiert:
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Impulskontrolle
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Umgang mit Wut
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Kommunikation
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Empathie
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Konfliktlösestrategien
Beispiele dafür sind das Aggressionsersatztraining (AET), das Coolness-Training, das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT).
Das Verhaltenstraining für Eltern (Elterntraining) unterstützt Erziehungsberechtigte dabei, zu Hause konsequente, klare Strukturen zu schaffen.
Ihr Ziele sind:
- Positive Verstärkung erlernen
- Umgang mit Regelverstößen klären
- Stressbewältigung für Eltern
- Verbesserung des Erziehungsverhaltens
Beispiele sind Triple P, Parent Management Training Oregon (PMTO).
Schul- und Sozialraumbezogene Interventionen stärken soziale Bindungen und reduzieren Risikofaktoren durch:
- Schulsozialarbeit
- Anti-Gewalt-Programme
- Freizeit- und Sportangebote
- Mentoren- und Patenschaftsprogramme
Die Behandlung von Begleiterkrankungen wie ADHS, Depressionen oder Substanzkonsum verbessert meist auch das Sozialverhalten.
*Fallbeispiel: Lauth/Linderkamp (Hrsg.), Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen, Beltz Verlag, Weinheim Basel
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