Jugendliche (Seite 9/15)

Selbstverletzendes Verhalten

Schwierigkeiten mit Gefühlen

Betroffene Jugendliche fügen ihrem Körper Schnitt- oder Ritz-Wunden zu, manche schlagen oder beißen sich oder verbrennen sich absichtlich.

Etwa jeder fünfte Jugendliche hat sich schon einmal selbst verletzt. Das kritische Alter ist meist zwischen zwölf und 13 Jahren, Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen.

Die Art der Selbstverletzung ist nicht immer das klassische Ritzen, also das Schneiden mit scharfen Gegenständen, auch absichtliche Verbrennungen gehören dazu.

In Deutschland etwa 800.000 Betroffene

In Deutschland wird derzeit mit etwa 800.000 Betroffenen gerechnet, die Tendenz ist steigend. Sie versuchen mehrheitlich durch Schnitte in die Arme, nicht mehr auszuhaltenden Stress, seelischen Kummer, Schuldgefühle oder innere Leere abzubauen.

Die Gründe für selbstverletzendes Verhalten liegen oft in traumatischen Erlebnissen, vor allem in traumatischen Kindheitserlebnissen, Depressionen oder Mobbing. 

Jugendliche mit psychischen Störungen oder Problemen haben ein besonders hohes Risiko, selbstverletzendes Verhalten zu entwickeln. Neben Erkrankungen wie Depressionen, Ess-, Zwangs- oder Angststörungen können auch ein mangelndes Selbstwertgefühl, die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken oder schwach ausgeprägte Selbstregulierungskräfte der Grund sein. Besonders häufig kommt es im Rahmen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu Selbstverletzungen. 

Ursachen

Jugendliche, die sich selbst verletzen, scheinen zum großen Teil Schwierigkeiten zu haben, mit ihren Gefühlen umgehen beziehungsweise diese kontrollieren oder regulieren zu können.

Das Motiv für selbstverletzendes Verhalten ist meist der Wunsch, innere Spannungen abzubauen, manche Betroffene nennen auch Selbstbestrafung als Grund, warum sie sich so verhalten. Viele berichten, negative Gefühle wie Einsamkeit, Angst oder Aggression durch Selbstverletzungen abschwächen zu können. Es scheint für manche die subjektiv einzige Möglichkeit, mit Problemen oder schmerzlichen Erlebnissen umgehen zu können.

Während einer Verletzung schüttet der Körper sogenannte Glückshormone aus, das sind Endorphine, die zunächst zu einer Schmerzunterdrückung führen. Diese Ausschüttung körpereigener Endorphine kann möglicherweise bei bestimmten Jugendlichen das Bedürfnis nach Wiederholung auslösen, wenn das Gleichgewicht dieser körpereigenen Opioide gestört ist.

Erste Warnsignale für schwere Probleme können sein, dass sich der Jugendliche immer mehr zurückzieht, seine Stimmung stärker schwankt als sonst, dass er stark angespannt ist oder sich seine schulischen Leistungen extrem verschlechtern. Aufmerksam werden sollte man auch, wenn sich ein Mädchen oder Junge von seinen Freunden zurückzieht. Auch dann, wenn es aus Sicht der Eltern die falschen Freunde wären.

Betroffene leiden häufig auch unter Suizidgedanken, Ängsten und Depressionen. Außerdem berichten sie vermehrt über Vernachlässigung durch die Eltern und Ablehnung oder Mobbing seitens Gleichaltriger.

Motive für Selbstverletzung können sein

  • emotionalen Schmerz oder andere unangenehme Gefühle lindern, unangenehme Erinnerungen verdrängen,
  • Aufmerksamkeit bekommen, um Hilfe rufen,
  • sich selbst bestrafen,
  • unangenehme Gefühle betäuben,
  • Kontrolle über den Körper oder über Gefühle erlangen,
  • sich stark fühlen, sich dem Schmerz gewachsen zeigen,
  • ein befriedigendes, angenehmes, warmes Gefühl erzeugen,
  • für den Adrenalinkick, sich lebendig fühlen,
  • sich von Suizidversuch abhalten, Suizidgedanken stoppen,
  • sich vor anderen schützen, sie körperlich abstoßen,
  • sich zugehörig fühlen,
  • inneren Schmerz ausdrücken,
  • experimentieren,
  • den eigenen Körper und seine Grenzen spüren,
  • sexuelle Anspannung abbauen oder auch
  • eine Erinnerung an ein bedeutsames Ereignis schaffen.

Menschen, die sich selbst verletzen, wenden häufig bestimmte Strategien an, um ihre Wunden oder sonstige Anzeichen von Autoaggressionen an ihrem Körper zu verstecken.

Anzeichen dafür, dass sich jemand selbst verletzt, können zum Beispiel das Tragen von langärmeliger Kleidung, auch im Sommer, oder häufiges Tragen von Schweißbändern oder Pulswärmern sein. Außerdem vermeiden Betroffene in der Regel, sich vor anderen Menschen umzuziehen, sie gehen nicht in Schwimmbäder oder an den Strand. 

Jugendliche, die sich selbst verletzen, neigen außerdem dazu, sich für längere Zeit ins Badezimmer einzuschließen, besitzen Gegenstände wie Scherben und horten Desinfektionsmittel oder Verbandsmaterialien. Sie tragen Verbände, ohne dass eine Verletzung bekannt ist oder sie einen Arzt besucht hätten. 

Wenn bei einer ärztlichen Untersuchung beispielsweise auffällige Wunden und andere körperliche Auffälligkeiten entdeckt werden, handelt es sich meist um selbst zugefügte Verletzungen, wenn

  • Verletzungen überwiegend an leicht zugänglichen Stellen vorliegen,
  • Wunden schlecht heilen,
  • unterschiedliche Abheilungsgrade vorliegen,
  • der nicht dominante Arm die meisten Narben aufweist oder
  • Bereiche wie Bauch, Brust, Beine, Arme, Genitalien oder Gesicht verletzt sind.
  • Wenn es nicht bei einem Mal bleibt und das Kind oder der Jugendliche sich wiederholt verletzt, sollten Erziehungsberechtigte unbedingt therapeutische Hilfe suchen. 

Psychotherapie

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Jugendliche (DBT-A) – das A DBT-A steht fü Adolescents, also Jugendliche – ist das am besten erforschte Verfahren bei Selbstverletzendem Verhalten.

Dieses Therapieverfahren, das die amerikanische Psychotherapeutin Marsha Lineham entwickelte, nachdem sie selbst als Jugendliche davon betroffen war, hilft besonders bei:

  • starker emotionaler Instabilität
  • Impulsivität
  • schnellen Spannungsanstiegen
  • Problemen im Umgang mit Gefühlen

Bestandteile sind:

  • Einzeltherapie
  • Fertigkeitentraining (Emotionsregulation, Stresstoleranz, Achtsamkeit)
  • Telefoncoaching in Krisen
  • Einbezug der Eltern

Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist besonders wirksam, wenn das Selbstverletzende Verhalten mit Depressionen, Angst oder negativen Gedankenmustern zusammenhängt.

Ihr Fokus liegt auf:

  • Umgang mit belastenden Gefühlen
  • Erkennen von Auslösern
  • Aufbau gesünderer Bewältigungsstrategien
  • Arbeit an Selbstwert und Problemlösefähigkeiten
  • Reduktion dysfunktionaler Gedanken („Ich halte das nicht aus“)

Lesen Sie mehr über Verhaltenstherapie.

Im Falle von Suizidalität wird die CBT-SP eingesetzt. CBT-SP steht für Cognitive Behavioral Therapy for Suicide Prevention, also kognitive Verhaltenstherapie zur Suizidprävention. Es handelt sich um eine speziell entwickelte Therapie für Jugendliche und junge Erwachsene, die suizidale Gedanken haben oder ein suizidales Verhalten zeigen.

Bei CBT-SP steht nicht die Depression oder Angst im Vordergrund, sondern die Suizidproblematik selbst. Ziel ist es, suizidale Gedanken, Absichten und Handlungen direkt zu reduzieren.

Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT-A)

Hilft Jugendlichen, eigene und fremde Gefühle besser zu verstehen („mentalisieren“).

Wichtig bei:

  • intensiven Beziehungskonflikten
  • Identitätsunsicherheit
  • starker emotionaler Belastung

Die MBT-A reduziert häufig das selbstverletzende Verhalten, weil Betroffene lernen, ihre Gefühle zu erkennen, sie zu benennen und angemessen darauf zu reagieren.

Psychodynamische Therapie oder Tiefenpsychologisch fundierte Therapie ist dann hilfreich, wenn das selbstverletzende Verhalten mit belastenden Beziehungserfahrungen, inneren Konflikten, Traumaerfahrungen und Identitäts- oder Selbstwertproblemen in Zusammenhang steht. Dabei geht es immer darum, die emotionale Bedeutung des selbstverletzenden Verhaltens zu verstehen und das Selbstverständnis und Beziehungsmuster zu verbessern.

Traumatherapeutische Verfahren wie TRAUMA-FOCUSED CBT (TF-CBT), EMDR oder stabilisierende Traumatherapie können relevant sein, wenn Traumatisierungen bekannt sind.

Therapieverfahren wie die Systemische Therapie oder die Multidimensionale Familientherapie (MDFT), die auch Eltern, Geschwister und andere Familienmitglieder einbeziehen, sind meist sehr wirksam, da familiäre Faktoren oft eine Rolle spielen.

Ziele:

  • Verbesserung der Kommunikation
  • Reduktion von Konflikten
  • Aufbau eines unterstützenden, sicheren Umfelds
  • Einbindung der Eltern in Notfallstrategien

Das Emotion Regulation Therapy/ Skills-Training wird sowohl als Einzel- oder Gruppentraining eingesetzt. Die Betroffenen erlernen unter anderem einen Umgang mit ihren starken Gefühlen, Spannungsabbau ohne Selbstverletzung, Achtsamkeit, soziale Kompetenzen und einen Aufbau alternativer Strategien.

Außerdem können Schulsozialarbeit, eine sozialpädagogische Begleitung, die Behandlung von Begleiterkrankungen wie Depression, Angst oder ADHS oder die Unterstützung im Alltag durch eine entsprechende Struktur, Freizeit oder Peers sinnvoll sein.

Therapeutenliste Kinder und Jugendliche