Jugendliche (Seite 2/15)
Heranwachsende besonders labil
Ungleichgewicht in der Entwicklung des Gehirns
Heranwachsende müssen zwischen dem 11. und 21. Lebensjahr viele große Herausforderungen und Aufgaben bewältigen.
Einerseits müssen sie mit den auf die Steuerung von Hormonen zurückzuführenden gravierenden Veränderungsprozessen ihres Körpers zurechtkommen und sich nach und nach in ihre Geschlechterrolle einfinden. Andererseits müssen sie sich allmählich von ihrem Elternhaus ablösen und einen eigenen Freundeskreis aufbauen, eine eigene Zukunftsperspektive und Weltanschauung entwickeln, ihre Grenzen ausloten und lernen, für sich und ihre Umwelt Verantwortung zu übernehmen.
Das Gehirn eines Heranwachsenden muss dafür verschiedene Entwicklungsschritte durchlaufen. Für eine längere Zeit besteht ein Ungleichgewicht in der Entwicklung des Gehirns, das unter anderem dafür verantwortlich ist, warum Jugendliche und junge Erwachsene während der Pubertät psychisch besonders labil sind.
Das zeigt sich unter anderem darin, dass viele Heranwachsende in dieser Zeit einerseits an einem herabgesetzten Selbstwertgefühl, andererseits an einer narzisstischen Selbstüberschätzung leiden. Aus diesem Spannungsverhältnis entstehen häufig Konflikte mit Eltern, Schule oder Ausbildung.
Wissenschaftler vermuten, dass das limbische System und das Belohnungssystem, die beide für Emotionen zuständig sind, eine Zeit lang die Areale im Gehirn, die wichtige Steuerungs- und Kontrollfunktionen übernehmen, dominieren.
Gefühle wirken schneller als Vernunft
Bei Jugendlichen führt dieses Ungleichgewicht in der Entwicklung der Hirnregionen dazu, dass Gefühle schneller und stärker auf Entscheidungen und Verhalten wirken als Vernunft und kluge Argumente.
In der Folge reagieren Jugendliche während dieser Umbauarbeiten im Gehirn stärker als Erwachsene spontan mit Erregungszuständen wie Wut, Angst, Aggressivität. Eltern oder Lehrer können die Heftigkeit der Reaktionen oft nicht nachvollziehen.
Jugendliche sind aber auch aus einem weiteren Grund besonders leichtsinnig: Der Bereich des Gehirns, der hinter der Stirn liegt, der Präfrontalcortex, reift als eine der letzten Hirnregionen aus. Dieser Bereich hinter der Stirn ist zuständig für die Impulskontrolle und die Fähigkeit, längerfristig zu planen.
Dank dieser Hirnregion kann ein Mensch sich die Konsequenzen seines Tuns vor Augen führen und sie erlaubt es ihm zu überdenken, was er vorhat und sich entsprechend vorsichtig zu verhalten. Das erklärt, warum Jugendliche mehr als Erwachsene große Risiken eingehen.
Jugendliche benötigen stärkere Auslöser
Dopamin ist ein Botenstoff im Gehirn, der Signale zwischen den Nervenzellen weiterleitet. Er spielt vor allem auch im Zusammenhang mit emotionalen Reaktionen eine Rolle. Bei Jugendlichen ist die Zahl der Dopaminrezeptoren noch relativ klein.
Das bedeutet, dass sie stärkere Auslöser benötigen als Erwachsene, um Situationen als aufregend zu erleben. So führt beispielsweise der Konsum von Alkohol und Drogen zu einer Ausschüttung von Dopamin.
Das kann erklären, warum Menschen in dieser Lebensphase gefährdet sind, mit diesen Substanzen zu experimentieren. Vor allem Jugendliche, die zu diesen Substanzen greifen, um Belastungen zuhause oder in der Schule besser ertragen zu können, sind sehr gefährdet, eine Sucht zu entwickeln.
Aufgrund all dieser Umbauprozesse im Gehirn erleben viele Jugendliche während der Pubertät starke Stimmungsschwankungen, sind aggressiver und haben häufiger das Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Ob tatsächlich eine psychische Störung entsteht, hängt jedoch von weiteren Faktoren ab: Zum einen spielen Vulnarabilität, also psychische Verletzlichkeit oder genetische Veranlagung eine Rolle. Belastende Kindheitserlebnisse wie die Trennung der Eltern oder Tod von Vater, Mutter oder anderen Bezugspersonen, sexueller Missbrauch, ungünstige familiäre Verhältnisse wie Gewalt oder Sucht, aber auch Mobbing in der Schule können gerade in dieser Lebensphase eine psychische Störung auslösen.
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