Jugendliche (Seite 8/15)
Essstörungen
Gedanken kreisen nur noch ums Essen
Anna ist 20 Jahre alt. Sie ist vor kurzem für ihr Studium nach Aachen gezogen. Sie leidet darunter, dass sich ihr ganzer Alltag nur noch um Essen dreht. Daher sucht sie die offene Sprechstunde auf.
Anna hat seit zwei Jahren eine Essstörung mit stark kontrolliertem Essen, die sich in eine Magersucht entwickelt hat. In letzter Zeit hat Anna auch mehrfach erbrochen, weil sie mehr gegessen hat, als ihr strenges Kontrollsystem erlaubt. Anna vermeidet es, Kohlenhydrate und Fette zu essen.
Da sie Vegetarierin ist und am liebsten Veganerin werden möchte, isst sie viel zu wenig Eiweiß. Sie meint, dass sie sich mit überwiegend Gemüse und etwas Obst gesund ernährt, merkt aber zunehmend, dass sie immer kränker wird. Anna macht zwanghaft Sport und will unbedingt 20.000 Schritte am Tag gehen.
Die Mangelernährung macht sie zunehmend depressiv und unkonzentriert. Sie fühlt sich einsam, da sie sich mit der Magersucht immer mehr zurückzieht. Das Studium stresst sie sehr.
Anna ist sehr erleichtert, als sie sich in der Beratungsstelle zum ersten Mal jemandem anvertraut. Bisher weiß niemand von ihrer Essstörung, da sie sich schämt, und andere nicht mit ihrer Erkrankung belasten will.*
Essstörungen äußern sich durch ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper.
Bei einer Essstörung denken viele Menschen zunächst an eine Magersucht.
Bei Heranwachsenden können jedoch unterschiedliche Formen einer Essstörung auftreten, die zu gefährlichen körperlichen Komplikationen führen können.
Essstörungen gehören in der westlichen Gesellschaft zu den häufigsten psychosomatischen Erkrankungen, mit mehr oder weniger deutlichem Suchtcharakter.
Neben der klassischen Magersucht gehören auch die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) und die Essanfallsstörungen (Binge-Eating-Störung) dazu. Gemeinsam haben alle drei Formen, dass die Betroffenen aufs Essen fixiert sind und ihre Gedanken nur noch um dieses Thema kreisen.
Bei etwa einem Fünftel aller 11- bis 17-Jährigen in Deutschland liegt der Verdacht einer Essstörung vor. Während bei den jüngeren Teilnehmern der Studien der Anteil auffälliger Mädchen und Jungen etwa gleich verteilt ist, erhöht sich mit zunehmendem Alter der Anteil auffälliger Mädchen und der der Jungen reduziert sich. Bei mehr als 30 Prozent der Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren gibt es Hinweise auf eine Essstörung, bei den Jungen sind 13,5 Prozent auffällig.
Zudem zeichnet sich ab, dass die Betroffenen jünger werden, oft beginnt die Erkrankung schon im späten Kindesalter. Mehr und mehr werden bereits zwölf- und dreizehnjährige Kinder klinisch betreut.
Die Zahl der an Bulimie (Ess-Brech-Sucht) oder der an Binge-Eating-Störung (Essanfallsstörung) Erkrankten liegt dabei deutlich höher als bei Magersucht. Dennoch werden mehr Patienten mit einer Magersucht als mit anderen Essstörungen behandelt. Das liegt vor allem daran, dass sich eine Bulimie oder eine Binge-Eating-Störung leichter und über eine längere Zeit gut im Alltag verheimlichen lassen.
Ursachen
Wie bei den meisten psychischen Störungen spielen auch bei Essstörungen unterschiedliche genetische, biologische und psychosoziale und auch metabolische, also stoffwechselbedingte Faktoren eine Rolle. Außerdem sind verschiedene Hormone wie Leptin oder Insulin entscheidend, wenn es um die Entwicklung einer Essstörung geht.
Das Risiko erhöht sich deutlich, wenn bereits ein Elternteil oder ein Geschwisterkind bereits eine Essstörung entwickelt hat. Das vorherrschende Schlankheitsideal und die Vermittlung, wie ein jugendlicher Körper auszusehen hat auf sozialen Medien tragen ebenfalls zur Entstehung von Essstörungen bei.
Magersucht
Typisch für eine beginnende Magersucht ist auch, dass die Betroffenen sich mehr und mehr zurückziehen und in Widersprüchen verstricken. Sie müssen ständig Ausreden erfinden, warum sie gerade nichts essen wollen: kein Hunger, keine Zeit.
Die Waage ist der Gradmesser für die eigene Leistung und das Selbstwertgefühl: Zeigt sie mehr an als gestern, ist der Tag gelaufen, haben sie ein halbes Kilo weniger auf den Rippen, fühlen sich die Betroffenen in der Regel gut. Oft wiegen sie sich mehrmals täglich.
Viele treiben zudem exzessiv Sport, sind ständig in Bewegung, machen ihre Hausaufgaben sogar im Stehen, um immer mehr Gewicht zu verlieren. Trotzdem fühlen sich die Betroffenen zu dick und nehmen ihren eigenen Körper viel üppiger wahr als er ist. Dies ist die sogenannte Körperbildstörung, eine weitere Begleiterscheinung von starkem Untergewicht.
Ess-Brech-Sucht (Bulimie)
Bulimie ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die unbedingt behandelt werden muss. Die Betroffenen leiden bei dieser Essstörung an einem anfallsweise unkontrolliertem Verlangen nach Essen, dem sie meist nicht widerstehen können.
Direkt nach dem Essanfall führen sie häufig gewichtsreduzierende Maßnahmen durch. Dazu gehört auch selbst herbeigeführtes Erbrechen, weshalb die Bulimie auch als Ess-Brech-Sucht bezeichnet wird.
Die Symptome und Alarmsignale werden häufig von den Betroffenen nicht wahrgenommen oder vernachlässigt und abgewehrt, da die Essstörung den Betroffenen eine scheinbare Kontrolle über ihr Leben und Autonomie ermöglicht.
Eltern, Bezugspersonen und Lehrer sollten wachsam sein bei:
- einem auffälligen Gewichtsverlust
- ungewöhnlich häufigem Wiegeverhalten
- Reduzierung des Essens und der Esssituationen bis zur zunehmenden Einschränkung
- intensivem Bekochen der Familie oder Freunde und gleichzeitigem Vermeiden dieser Mahlzeiten
- Unzufriedenheit mit dem eigenen Gewicht, obwohl der Betroffene schon auffällig dünn ist
- Ausbleiben der Menstruation
- Bereitschaft zu hohem Sportpensum, ungewöhnlichen Trainingsbelastungen
- langem Verweilen nach Mahlzeiten im Bad oder WC und Würgegeräuschen
- exzessiver Beschäftigung mit Ernährung oder bestimmten Ernährungsformen
Anlaufstellen sind Kinderärzte, niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater, kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanzen oder Versorgungszentren. Spezialkliniken und –stationen bieten teilweise Beratungs- und Vorgespräche an oder Kontaktaufnahme zum betreuenden Kinder- und Jugendarzt oder Hausarzt, der dann gegebenenfalls an eine Klinik überweist.
Erste Hilfe und Psychotherapie
Wenn ein Jugendlicher gar nicht mehr isst, sollten sich Eltern oder Erzieher an eine kinder- und jugendärztliche Praxis oder spezialisierte Klinik zu begeben.
Viele, die in ihrer Jugend eine Essstörung entwickeln, leiden mehr oder weniger ihr ganzes Leben darunter. Deshalb ist es sehr wichtig, rasch professionelle Unterstützung zu suchen, wenn der oder die Jugendliche mit einem ungesunden Essverhalten aufhält. Die Magersucht ist die psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen mit der höchsten Sterblichkeitsrate.
Neben der psychischen Belastung können unbehandelte Essstörungen auch zu irreversiblen körperlichen Schäden wie Unfruchtbarkeit, Erkrankungen der Organen oder Zähne führen.
Abhängig vom Schweregrad kann der Betroffene in einer psychotherapeutischen Praxis vor Ort, in einer Tagesklinik oder stationär behandelt werden.
Ziel der Therapie ist abhängig von der konkreten Essstörung zunächst, den Körper durch ein gesundes Körpergewicht und ausreichende Ernährung zu stabilisieren.
Dann geht es darum, das Essverhalten so zu verändern, dass der Betroffene regelmäßige Mahlzeiten in entsprechenden Mengen zu sich nimmt, ohne sich anschließend zu erbrechen oder exzessiv Sport zu betreiben.
Schließlich werden psychische Ursachen und Auslöser bearbeitet, um ein stärkeres Selbstwertgefühl zu entwickeln oder auch einen funktionalen Umgang mit den eigenen Gefühlen zu erlernen. Meistens werden Familienmitglieder, besonders Eltern, einbezogen.
Der Betroffene lernt außerdem Strategien zu entwickeln, die ihm helfen, auch nach der Therapie stabil zu bleiben.
*Fallbeispiel: Suchthilfe Aachen, Caritasverband für die Regionen Aachen-Stadt und Aachen-Land e.V.
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