Psychische Probleme bei Jugendlichen
Frühe Warnhinweise erkennen und ernst nehmen
Jugendliche sind besonders anfällig für psychische Erkrankungen. Verlaufsstudien zufolge steigen psychische Störungen ab dem 11. Lebensjahr proportional an. Laut Studien zeigen rund ein Fünftel aller Jugendlichen psychische Auffälligkeiten. Etwa fünf Prozent der Heranwachsenden in Deutschland und in anderen Industrienationen erkranken im weiteren Verlauf an gravierenden psychischen Störungen.
Bei 15- bis 18-Jährigen nehmen Angststörungen, Depressionen und psychosomatische Erkrankungen, aber auch Suchterkrankungen, zum Beispiel Alkoholmissbrauch, Konsum von illegalen Drogen oder Computerspielsucht, stark zu. Dazu kommen Störungen des Ess- und Sozialverhaltens, unterschiedliche Persönlichkeitsstörungen und die bipolare Störung, also ein Schwanken zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt.
Je früher eine psychische Störung erkannt wird, desto besser kann der Betroffene behandelt werden.
Erste Warnzeichen können unter anderem sein
Der Jugendliche
- zieht sich zurück,
- wirkt traurig,
- hat kein Interesse mehr an Dingen, die sonst Spaß gemacht haben,
- wirkt insgesamt passiv und desinteressiert,
- vernachlässigt Schule und Hobbies,
- wird schnell aggressiv,
- ist im Gespräch nicht mehr so zugänglich,
- schläft schlecht, hat Albträume oder
- kann sich schlechter konzentrieren, die Aufmerksamkeit ist nicht mehr so hoch.
Wenn also ein Jugendlicher nicht mehr richtig schläft, nicht mehr gern zum Sport geht oder seine Freunde nicht mehr treffen möchte, dann kann das durchaus als Warnsignal verstanden werden. Vor allem, wenn das veränderte Verhalten länger als ein bis zwei Wochen anhält, sollte man Rat bei Fachleuten suchen.
Francy ist 17 Jahre alt und leidet seit zwei Jahren an Bulimie.
Angefangen hat alles schon mit 11 Jahren. Damals war Francy ein pummeliges Mädchen, das wegen seines Gewichts von ihren Mitschülern gemobbt wurde. Sie fing an abzunehmen, in der Hoffnung, dass das ständige Ärgern dann aufhören würde. Die Diäten waren ihr Einstieg in die Essstörung: Da das Hungergefühl unerträglich war, kamen die Essanfälle hinzu, dann kam das Erbrechen – der Teufelskreis begann.
Mit Mitte 15 wurde ihr bewusst, dass sie an einer Essstörung litt. Sie machte Kampfsport und irgendwann merkte sie, dass sie überhaupt keine Kraft mehr hatte und nicht mehr kämpfen konnte. Da wurde ihr klar, dass sie etwas machen müsse.
Mit ihrer besten Freundin sprach sie das erste Mal über ihre Störung. Die war zunächst ziemlich erschrocken, unterstützte sie dann aber gut und hat sie schließlich fast gezwungen, zu einer Beratungsstelle zu gehen und sie auch dorthin begleitet.*
Nicht jede Verhaltensänderung weist auf psychische Störung hin
Nicht jede Verhaltensänderung bedeutet, dass der Betroffene eine psychische Störung entwickelt. Wichtig ist, wie lange die Veränderung anhält, ob sie früher schon einmal aufgetreten ist oder ob sie immer wieder auftritt.
Stimmungstiefs oder gewisse Ängste können Teil einer normalen Entwicklung sein. Viele Verhaltensänderungen sind auch nur vorübergehend und der Betroffene kehrt ganz von allein zu seinem früheren Verhalten zurück. Erst wenn eine Veränderung über Tage oder Wochen anhält, kann das auf eine psychische Störung hinweisen.
Wachsames Umfeld hilfreich
Um zu erkennen, ob ein Jugendlicher gefährdet ist, eine psychische Störung zu entwickeln, ist auch ein waches Umfeld wichtig.
Denn oft genug bemerken auch andere Bezugspersonen des Jugendlichen, zum Beispiel Großeltern, Lehrer oder Betreuer die Veränderungen. Ein Austausch unter den Bezugspersonen kann dann besonders wichtig sein, um das Ausmaß der Veränderung besser einschätzen zu können.
Man sollte nicht zu lange warten, auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein erster Ansprechpartner kann der Kinder- und Jugendarzt sein. Er kann den Jugendlichen gegebenenfalls zu einem Kinder- und Jugendpsychiater oder einem Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten überweisen.
Je früher eine psychische Störung erkannt wird, desto besser kann der Betroffene behandelt werden. Es ist sehr wichtig, auf veränderte Verhaltensweisen von Jugendlichen zu achten und nicht darauf zu vertrauen, dass sich alles von allein wieder einrenkt. Denn wer in jungen Jahren unter Ängsten, Depressionen oder anderen psychischen Störungen leidet, ist gefährdet, auch als Erwachsener psychische Störungen zu entwickeln.
Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen
Jungen sind häufiger psychisch krank als Mädchen. Ab dem 15. Lebensjahr kehrt sich der Geschlechtsunterschied jedoch um. Jungen erkranken viereinhalbmal so oft an ADHS, sie neigen stärker zu aggressivem und oppositionellem Verhalten, sie schwänzen häufiger die Schule oder laufen von zuhause weg. Sie sind auch häufiger suchtkrank.
Bei Mädchen überwiegen Essstörungen und psychosomatische Leiden. In ihrer Jugend leiden sie doppelt so häufig wie Jungen unter Depressionen, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit.
Mögliche Ursachen
Frühkindliche Erfahrungen haben einen großen Einfluss
Frühkindliche Erfahrungen haben einen großen Einfluss auf die spätere psychische Entwicklung. Wer als Kind sexuellen Missbrauch, den Tod eines Familienmitglieds, Krankheiten oder Naturkatastrophen erlebt, leidet häufiger an psychischen Erkrankungen.
Insgesamt stellen eine erhöhte seelische Verletzlichkeit (Vulnerabilität), genetische Faktoren, physische Erkrankungen, gestörte Hirnfunktionen, Temperament und Persönlichkeit, sexueller Missbrauch, Gewalterfahrungen, Vernachlässigung, Verlust wichtiger Bezugspersonen, psychische Erkrankungen der Eltern, ein von Streit und Gewalt geprägtes familiäres Umfeld, Trennung oder Scheidung der Eltern, geringer Bildungsgrad der Eltern oder prekäre finanzielle Verhältnisse der Familie Risikofaktoren dar.
*Fallbeispiel
ANAD® Versorgungszentrum Essstörungen des AWO Bezirksverbands Oberbayern e.V.