Jugendliche (Seite 5/15)

Angststörungen

Furcht und Angst größer als Bedrohung

Florian, ein 15jähriger Junge, beteiligt sich kaum am Unterricht. Er fürchtet, dass er etwas Dummes oder Peinliches sagen könnte und die anderen Schüler ihn auslachen werden. Wenn er aufgerufen wird, errötet er und beginnt zu stottern.

Am schlimmsten ist es für ihn, wenn er vor der ganzen Klasse etwas vortragen muss. In den Pausen steht er häufig alleine herum und hat wenig Kontakt mit seinen Schulkameraden. Seine Freizeit verbringt er am liebsten zu Hause mit Computerspielen.*

Angst zu empfinden, ist etwas ganz Natürliches. Angst ist sogar notwendig, um uns vor gefährlichen Situationen zu bewahren. Wenn Ängste jedoch auftreten, ohne dass eine Gefahr besteht und wenn sie unverhältnismäßig lang andauern, dann kann das bedeuten, dass eine Angststörung entsteht oder bereits besteht.

Verschiedene Formen von Ängsten gehören zu den häufigsten Störungsbildern bei Minderjährigen und treten bei etwa 10 Prozent aller Jugendlichen auf:

  • soziale Phobien
  • Trennungs- und Versagensängsten
  • generalisierte Ängste
  • spezielle Phobien

Wer unter einer Phobie leidet, der fürchtet sich vor bestimmten Situationen oder Gegenständen und meidet diese in der Regel. Furcht und Angst stehen in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung. Bis zu einem gewissen Grad ist es normal, Unbehagen in sozialen Situationen zu empfinden.

Ursachen

Meist entstehen Angststörungen, wenn verschiedene Faktoren zusammen kommen: Wenn jemand ohnehin eine genetische Veranlagung dafür mitbringt, dann kann anhaltender Stress oder ein traumatische Erlebnis der Auslöser für diese Störung sein. In Familien, in denen Eltern unter Angst oder Phobien leiden, können Kinder von ihren Eltern ängstliches Verhalten erlernen.

Spezifische Phobien entstehen manchmal auch als Reaktion auf konkrete Erlebnisse. Das ist vorstellbar, wenn jemand beispielsweise als kleines Kind von einem Hund gebissen wird und als Folge vor jedem Hund Angst hat.

Erfahren Sie mehr über Ursachen von Anststörungen.

Soziale Phobie

Bei einer sozialen Phobie sind die Ängste jedoch so stark ausgeprägt, dass die Betroffenen solche Situationen entweder ganz meiden oder sie nur unter großem Druck und Unbehagen durchhalten.

Menschen mit einer sozialen Phobie haben Angst vor Situationen, in denen sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen oder in denen sie die Befürchtung haben, sie könnten sich peinlich verhalten. Die Angst kann sich zum Beispiel darauf beziehen, einen Vortrag zu halten oder an einer größeren geselligen Runde teilzunehmen. Andere Betroffene haben Angst, in Gegenwart anderer Menschen zu essen oder zu schreiben.

Soziale Phobien sind weitverbreitet. Kinder, die unter einer sozialen Phobie leiden, entwickeln in späteren Lebensjahren häufiger eine Angststörung als andere Menschen. Deshalb ist es wichtig, soziale Ängste bei Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen und frühzeitig das Gespräch mit dem Betroffenen zu suchen und auch professionelle Hilfe einzubinden. Früherkennung und Therapiemethoden wie soziales Kompetenztraining in Gruppen können verhindern helfen, dass die Störung wiederauftritt oder sich chronifiziert, also dauerhaft gesundheitlich beeinträchtigt.

Neben der sozialen Phobie leiden Jugendliche häufig auch unter Krankheitsphobien, Sexualphobien, Schulphobien, Klaustrophobien und Flugphobien.

Wie äußern sich Angstzustände?

Angstzustände äußern sich körperlich, im Verhalten und in den Gedanken. Wenn ein Jugendlicher Symptome wie Herzklopfen, Schwitzen, Zittern, Bauchschmerzen, Übelkeit oder Kopfschmerzen zeigt, kann er unter einer Angststörung leiden. Im Verhalten kann sich die Störung zeigen, indem der Betroffene etwas vermeidet, mehr weint oder aggressiver ist als sonst, sich zurückzieht, schweigt oder auch wegläuft. Häufig wollen Kinder dann beispielsweise nicht mehr in die Schule gehen. Sie können nicht mehr allein einschlafen oder es fällt ihnen schwer, allein zu bleiben. 

Betroffene denken häufig, dass sie nicht gut genug sind, dass etwas Schlimmes passieren könnte, wenn sie oder er eine Handlung unterlässt. Sie haben Angst, dass den Eltern etwas passieren könnte, dass sie beispielsweise abstürzen, wenn sie in ein Flugzeug steigen. 

Erste Hilfe im Umgang mit von Angst betroffenen Jugendlichen

  • Liebevolles Verständnis: Der Jugendliche hat ein Recht auf seine Angst und auf das Verständnis seiner Eltern oder Bezugspersonen.
  • Empathie: Sich in die Lage und Gefühlswelt des Betroffenen zu versetzen, hilft ihm.
  • Aufmerksames Zuhören: Das ermöglicht, auch zwischen den Zeilen zu lesen und angstauslösende Details zu entdecken, die dem Jugendlichen nicht bewusst sind.
  • Fragen stellen: Je nach Alter kann es einem Menschen schwerfallen, seine Ängste einzuordnen und zu benennen. Interessierte und offene Fragen können helfen herauszufinden, was ihn Kind belastet.
  • Lösungen dürfen reifen: Die Bewältigung von Ängsten ist auch eine Frage der Reife.
  • Wertschätzung: Eltern und Bezugspersonen sollten dem Jugendlichen gerade in schwierigen Situationen zeigen, dass sie ihn lieben oder wertschätzen.
  • Ernst nehmen: Die Ängste zu dramatisieren oder herunterzuspielen, verletzt den Jugendlichen. Ihn wegen seiner Ängste lächerlich zu machen oder zu bestrafen, steigert seine Angst.
  • Vertrauen und Sicherheit ausstrahlen: Jeder Mensch braucht emotionale Sicherheit und die Gewissheit, dass ihm geholfen wird.
  • Arzt zu Rate ziehen: Wenn sich die Ängste hartnäckig halten und die Angst im Leben des Jugendlichen überhandnimmt, sprechen Sie mit einem Arzt darüber.
  • Psychotherapie kann betroffenen Jugendlichen helfen, sich weniger von ihren Ängsten beherrschen oder einschränken zu lassen.

Psychotherapie

Die Psychotherapie von Angststörungen besteht meistens aus verschiedenen Bausteinen. Die kognitive Verhaltenstherapie ist ein bewährtes Verfahren, wenn es darum geht, die Gedanken und bedrohlichen Einschätzungen des Betroffenen zu erkennen und umzuformen. In der Expositionstherapie wird der Patient behutsam mehr und mehr mit dem Gegenstand, der ihn ängstigt konfrontiert. Entspannungs- oder Biofeedbackverfahren werden eingesetzt, damit der Betroffene lernt, sich und seine ängstlichen Gefühle zu regulieren.

Es ist wichtig, dass Jugendliche, die unter Ängsten oder Phobien leiden, bald behandelt werden, damit die Störung nicht chronisch wird. Wer als junger Mensch unter Ängsten leidet, ist gefährdet, als Erwachsener schneller eine Angststörung zu entwickeln.

*Fallbeispiel: Kinderängste – kein Kinderkram, Veröffentlichung der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel

Erfahren Sie mehr über die verschiedenen Therapieformen bei Angststörungen und Phobien.

Therapeutenliste Kinder und Jugendliche