Jugendliche (Seite 4/15)

Einstieg in Alkohol oder Drogen

Rechtzeitig Beratung aufsuchen

Als Max zum ersten Mal so richtig betrunken ist, merkt er, dass er auch mal nicht an seinen Vater denken kann. Er ist 13 und mit ein paar Freunden im Keller eines Kumpels, sie spielen Karten und trinken „direkt hartes Zeug“, nicht diese süßen Alkopops.

Max’ Vater ist da gerade ein paar Wochen tot. Er wachte morgens einfach nicht mehr auf, Herzinfarkt. Für Max beginnt eine Zeit, in der er sich „recht zerrissen“ fühlt, Stabilität geben ihm die Wochenenden mit seinen Freunden, die mit Bollerwagen auf der Landstraße anfangen und bei irgendwem im Keller enden. Alkohol bedeutet für ihn frei sein und wohlig, „irgendwie Geborgenheit“. Max ist heute 19 und macht einen Entzug.*

Viele Kinder und Jugendlichen sammeln Erfahrungen mit Alkohol und anderen Drogen. Doch meistens probieren sie diese Substanzen nur aus und hören wieder von selbst damit auf.

Einige konsumieren jedoch regelmäßig Alkohol oder Drogen mit unterschiedlich starken körperlichen, emotionalen oder sozialen Folgen, manche entwickeln sogar eine Abhängigkeit. Der Anteil der beispielsweise 15-Jährigen, die schon mehrfach betrunken waren oder mehrmals im Monat Cannabis rauchen, ist mit rund 20 Prozent sehr hoch.

Der Einstieg in die Sucht beginnt meist mit den legalen Drogen Alkohol und Nikotin. In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich die Alkoholproblematik bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren deutlich verschärft.

Lesen Sie mehr über Alkoholabhängigkeit.

Ursachen

In diesem Alter werden die Beziehungen zu Gleichaltrigen wichtiger. Das bedeutet, dass das Verhältnis, das die Gruppe zu Alkohol oder anderen psychotropen Substanzen hat, einen großen Einfluss auf den Einzelnen hat. Viele Jugendliche wollen einfach zu einer Gruppe gehören und ähnlich wie Erwachsenen fällt es etlichen leichter, unter Alkoholkonsum mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Außerdem empfinden es manche als befreiend, sich damit der Kontrolle durch ihre Eltern zu entziehen. Betroffene reflektieren ihren Konsum meist nicht, sondern empfinden ihn als selbstvertständlich.

Die Pubertät ist für nicht wenige Menschen eine instabile Zeit, viele schwanken zwischen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühlen, für Erwachsene eher kleinere Probleme erscheinen dann plötzlich riesengroß und schalten den Krisenmodus an. Alkohol erscheint dann als ein Mittel, das schnell Beruhigung verschafft.

Alkohol kann psychische Störungen verursachen

Für Jugendliche, die unter psychischen Störungen leiden, wird Alkohol häufig zum Mittel der Selbstberuhigung. Das passiert oft, wenn es um Depressionen, Angsstörungen, , Störungen des Sozialverhaltens, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS), Traumatisierungen, Gedanken an den Tod, Selbstverletzungen oder Essstörungen geht. Andererseits entstehen psychische Störungen auch durch Alkoholmissbrauch.

Ob Alkohol als Problemlöser getrunken wird, hängt auch stark von der familiären Umgebung ab. Ist es für die Eltern selbstverständlich bei Frustrationen oder Konflikten zu Alkohol zu greifen, dann prägt dieses Verhalten auch die Kinder. Selbst Gewohnheiten wie ein Feierabendbier oder das regelmäßige Anstoßen mit Freunden, kann Alkoholkonsum als etwas zu Selbstverständliches erscheinen lassen.

Lesen Sie mehr über die Ursachen von Alkoholabhängigkeit. ​​​​​​​

Lebensbedrohliche Alkoholvergiftungen

Deutlich zugenommen hat allerdings vor allem der Anteil derjenigen, die sich bis zum Vollrausch betrinken. Was in Jugendkreisen als Koma-Saufen oder Kampf-Trinken bezeichnet wird, führt immer häufiger zu lebensbedrohlichen Alkoholvergiftungen.

Cannabis-Produkte wie Haschisch und Marihuana sind für viele Jugendliche die ersten illegalen Drogen. Die meisten Heranwachsenden konsumieren ihre früheren Drogen weiter, wenn sie neue ausprobieren. Einige hören von allein wieder damit auf.

Da man aber nicht vorhersagen kann, auf wen das zutrifft, sollte jeder Konsum als gefährlich betrachtet werden.

Kinder und Jugendliche gewöhnen sich schneller an den Umgang mit Suchtstoffen. Nikotin, Alkohol und andere Drogen lösen eine Veränderung der Vernetzung von Gehirnzellen aus, die eine dauerhafte Suchtgefährdung bewirken kann.

Konsumiert ein Kind oder Jugendlicher regelmäßig Alkohol, Cannabis oder andere Drogen, sollte frühzeitig eine Drogenberatungsstelle oder ein Kinder- und Jugendpsychiater aufgesucht werden.

Substanzmissbrauch ist häufig mit anderen psychischen Problemen, zum Beispiel Depressivität, verändertem Sozialverhalten oder auch selbstverletzendem Verhalten verbunden. Auch deshalb ist es wichtig, rechtzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Lesen Sie mehr über Alkoholsucht und die Folgen.

Woran können Sie erkennen, dass ein Kind oder Jugendlicher Alkohol oder Drogen konsumiert?

  • Abweichen von bisherigen Gewohnheiten
  • Isolieren vom Freundes- und Bekanntenkreis
  • Neigung zu Selbstentschuldigungen
  • Interessenverlust
  • Initiativeverlust
  • Antriebsarmut
  • Gleichgültigkeit
  • Persönlichkeits- und Wesensänderung mit Abnahme des Pflichtgefühls
  • Nachlässigkeit
  • Verwahrlosungstendenz
  • häufiger Wechsel von euphorischer und depressiver Stimmungslage
  • Entwicklung von Schizophrenie-ähnlichen Psychosen

Was können Eltern und Erziehungsberechtigte tun? 

  • Grenzen setzen
  • Wagen Sie Kritik und setzen Sie Ihren Kindern Grenzen! Teenager brauchen klare Ansagen. Zum Beispiel: "Um 22 Uhr bist du zu Hause, egal, wie lange deine Freunde wegbleiben dürfen!"
  • Vorbild sein: Suchtprävention beginnt nicht erst, wenn Ihr Kind in die Pubertät kommt. Eine gute und frühe Eltern-Kind-Bindung fördert eine stabile emotionale Persönlichkeit. Das sogenannte emotionale Band zwischen Eltern und Kindern wirkt schützend, prägend und steigert die eigene Verantwortung. Wichtig ist auch, dass Sie Ihren Kindern von Anfang an selbst ein gutes Vorbild sind.
  • Soziale Kontakte fördern: Viele Jugendliche beginnen aus Langeweile und Desorganisation zu trinken. Daher ist es wichtig, Kinder von früh auf in eine Gemeinschaft zu integrieren und zu beschäftigen. Sei es im Sportverein, bei den Pfadfindern oder in einer Musikgruppe. Außerdem sollten Schulkinder nie, auch nachmittags nicht, unbeaufsichtigt sein.
  • Kein Stress: Vielen Jugendlichen fehlen Verhaltensmuster, wie sie mit Stress umgehen sollen. Sie sind überfordert mit dem, was sie leisten sollen, aber auch mit dem, was sie entscheiden können beziehungsweise müssen. Auch die Jugendlichen brauchen emotionale Sicherheit und die Eltern sollten bei ihren Kindern die Motivation stärken anstatt sie mit unerfüllbaren Leistungsanforderungen unter Druck zu setzen.

Wenn ihr Kind angetrunken nach Hause kommt

  • Bleiben sie ruhig, wenn Ihr Kind angetrunken nach Hause kommt. Machen sie deutlich, dass Sie sich ärgern und dass Sie sich Sorgen machen, kurz und knapp wirkt dabei besser als langes Geschrei.
  • Schlafen lassen: Lassen Sie Ihr Kind zunächst schlafen. Bleiben Sie bei ihm, wenn Sie den Eindruck haben, es geht ihm schlecht. Sie wissen nie, wie viel und was es getrunken hat. Jugendliche, die sich im Schlaf erbrechen, können am Erbrochenen ersticken. Falls Sie unsicher sind, müssen Sie den Notarzt rufen.
  • Die Aussprache: Solche Gespräche sind nicht angenehm und erfordern den Mut, sich unbeliebt zu machen. Sie sind aber nötig. Erklären Sie in ruhigen Worten Ihre Haltung, fragen Sie energisch, wie es zum Rausch kam. Verweisen Sie gegebenenfalls auf das Jugendschutzgesetz. Erklären Sie Ihrem Kind, welche Schäden Alkohol am jugendlichen Körper, besonders im Gehirn anrichtet und reden Sie offen über Gefahren wie Unfälle, aggressives Verhalten und sexuelle Übergriffe.

Wie kann ich verhindern, dass mein Kind wieder trinkt?

Treffen Sie klare Vereinbarungen: kein Alkohol unter 16! Pflegen Sie den guten Draht zu Ihrem Kind. Als Eltern werden Sie nie alles erfahren. Das gehört zum Ablösungsprozess. Aber in Kontakt bleiben, regelmäßig reden, Empathie zeigen, Verantwortung fordern, Motivation fördern, aber auch den Mut zum klaren Ja und zum klaren Nein zeigen, ist wichtig!

Fünf Tipps für ein Gespräch auf Augenhöhe

  1. Wählen Sie eine möglichst entspannte Ausgangssituation für das Gespräch, zum Beispiel beim gemeinsamen Abendessen.
  2. Setzen Sie Ihr Kind nicht auf die Anklagebank, das fordert meistens nur eine Abwehrreaktion heraus. Statt Vorwürfe zu machen, ist es besser, Ihre Sorgen zum Ausdruck zu bringen. Sagen Sie offen, was Sie beschäftigt und wovor Sie Angst haben.
  3. Versuchen Sie zu erfahren, welche Motive hinter dem Alkoholkonsum stehen, und gehen Sie konkret darauf ein.
  4. Erklären Sie Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn die Gründe, warum Alkohol für Heranwachsende gefährlich sein kann.
  5. Sie können auch das Jugendschutzgesetz erwähnen. Indem Sie mit Ihrem Kind über die Gesetzeslage sprechen, stärken Sie Ihren Standpunkt. So wird klar, dass Ihre Ge- oder Verbote nicht nur Ihre persönliche Meinung sind.

Unterstützung und Psychotherapie

Initiativen und Projekte wie das Blaue Kreuz, Kenn dein Limit, HaLT oder Drogenhilfe, stehen Jugendlichen und deren Familien zur Seite, wenn es um ein Leben ohne Drogen und Alkohol geht. Dort bekommen Betroffene erste Unterstützung und erfahren, welche weiteren Schritte sie gehen können. Niederschwellige Angebote können anfangs besonders hilfreich sein, weil Jugendliche mit Beratern ins Gespräch kommen können, ohne vorher Anträge ausfüllen oder sich preisgeben zu müssen.

Diese Beratungen können auch einen guten Boden bereiten, um Jugendliche zu einer Psychotherapie zu motivieren. Die kann dringend angeraten sein, wenn Alkohol- oder Drogenkonsum bereits zum Alltag gehört. Es kann Jahre dauern, bevor eine Alkoholabhängigkeit offensichtlich wird. Doch dann wird es für den Betroffenen meist immer schwerer, sich zu einer Psychotherapie zu entscheiden. Wer erst einmal psychisch und körperlich abhängig ist, dem fällt es sehr viel schwerer, die Sucht zu überwinden.

Meist setzt sich eine Psychotherapie bei Alkohol- oder Drogenabhängigkeit aus mehreren Bausteinen zusammen. Einerseits geht es darum, sich von der Substanz zu entwöhnen, andererseits darum, Strategien zu entwickeln, ein stabileres Selbstwertgefühl aufzubauen. Dafür stehen verschiedene psychotherapeutische Verfahren wie die Kognitive Verhaltenstherapie, die Tiefenpsychologische Verfahren oder die Systemische Therapie zur Verfügung. Darüber hinaus spielt aber auch die Einbindung des familiären Umfelds eine Rolle.

Sozial- und Kompetenztrainings können ergänzend eingesetzt werden, auch Entspannungs- und Achtsamkeitsverfahren können den Jugendlichen unterstützen, mehr in Kontakt zu sich selbst zu kommen und mehr Selbstfürsorge einzuüben.

* Fallbeispiel: "Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen: Und dann kam der Alkohol", von Leonie Gubela, auf taz.de, vom 6.4.2021

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