Jugendliche (Seite 3/15)
ADHS
Ursache sind vor allem biologische Faktoren
Lena ist 15 Jahre alt und geht in die 9. Klasse. Aber in der Schule klappt es nicht so gut für sie. Es fällt ihr schwer, sich im Unterricht zu konzentrieren und sie quatscht lieber mit ihrer Nachbarin. Auch das lange Stillsitzen fällt Lena richtig schwer. Nach wie vor bekommen seine Eltern immer wieder Rückmeldungen von ihren Lehrern, dass Lena im Unterricht nicht aufpasse, störe und den Lehrern gegenüber respektlos sei. In den Pausen gerät sie immer wieder in Konflikte mit ihren Mitschülern. Lena hat das Gefühl, dass die anderen sie immer total gerne provozieren und sie sich wehren muss.
In ihrer Freizeit war Lena früher eine begeisterte Handballspielerin. Aber vom Handballverein hat sie sich im letzten Jahr abgemeldet, weil sie „keinen Bock” mehr hatte, dahin zu gehen. Überhaupt hat Lena im Moment wenig Lust, etwas mit anderen zu machen, und sie hängt in ihrer Freizeit lieber zu Hause rum, beschäftigt sich immer wieder mit neuen Dingen. Ihre Eltern nerven sie immer total und fragen die ganze Zeit, ob sie nicht auch mal etwas unternehmen wolle. Dabei Manchmal gehen ihr die Eltern dabei so auf die Nerven, dass Lena nicht anders kann, als fest gegen die Möbel zu treten und die Türen zu knallen.*
Jugendlichen, die unter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) leiden, können gerade während der Pubertät eine große Herausforderung für ihre Umgebung darstellen. Sie lassen sich ungern von Erwachsenen etwas sagen und können sehr stur sein, wenn es darum geht, ihre eigene Meinung durchzusetzen.
Viele akzeptieren einen Lehrer oder eine Vorgesetzte nicht automatisch als Autorität, sondern sie begehren schnell auf.
Häufig kann die Pubertät in der Regel etwas länger dauern oder auch später einsetzen.
Ecken oft an
Weil sie häufig in der Schule aufgrund ihrer Konzentrations- und Aufmerksamkeitsproblemen nicht so gut abschneiden, entwickeln sie einen zu schwachen Selbstwert. Dazu kommt, dass sie bei Mitschüler:innen und Lehrer:innen oft anecken und sozial wenig eingebunden sind.
Die meisten sind sehr neugierig und offen für neue Erfahrungen, auch für solche, die ihnen schaden können wie Drogen- und Alkoholkonsum.
Diese Neugier kann ihnen andererseits auch nützlich sein, wenn es darum geht, sich für eine Sache, die ihnen am Herzen liegt zu begeistern. Dann sind sie bereit viele Stunden am Stück daran zu arbeiten. Ausgerechnet ihre ihre Sprunghaftigkeit und Reizoffenheit können ihnen dann dazu verhelfen, immer wieder neue kreative Lösungen zu finden.
Viele Betroffene haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie sind bereit, sich für ihre Mitschüler:innen oder Freunde einzusetzen.
Ursachen
Wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen geht man davon aus, dass biologische, psychische und soziale Faktoren bei der Entstehung einer ADHS zusammenwirken.
Die bisherigen Forschungsergebnisse legen jedoch nahe, dass vor allem biologische Faktoren zur Entstehung einer ADHS beitragen. Verschiedene Studien geben Hinweise darauf, dass genetische Faktoren für die Störung von Bedeutung sind und dass im Gehirn der Betroffenen eine Störung der Neurotransmitter, der Botenstoffe zwischen den Nervenzellen, vorliegt. Diese scheint vor allem das Dopamin-System, aber auch die Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin zu betreffen.
Studien lassen darauf schließen, dass bei ADHS eine fehlerhafte Informationsverarbeitung im Gehirn vorliegt. Dabei sind Gehirnregionen betroffen, die mit Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und der Kontrolle von Impulsen zu tun haben.
Können Impulse nicht ausreichend hemmen
Es wird vermutet, dass die Betroffenen neue Reize, aber auch neue Gedanken und Verhaltensimpulse nicht ausreichend hemmen oder filtern können und deshalb Schwierigkeiten haben, sich auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren.
Als Risikofaktoren für eine ADHS gelten außerdem Alkohol-, Drogen- oder Nikotinmissbrauch in der Schwangerschaft.
Psychische und soziale Faktoren tragen demnach weniger dazu bei, dass eine ADHS entsteht. Sie beeinflussen aber, wie früh die Störung beginnt, wie schwer sie ausgeprägt ist und welchen Verlauf sie nimmt.
Ungünstige Faktoren sind Konflikte in der Familie oder in der Partnerschaft der Eltern, psychische Erkrankungen der Eltern oder problematische Erziehungspraktiken. Dazu gehören ein inkonsequenter oder sehr autoritärer Erziehungsstil sowie häufige Kritik und Bestrafungen. Außerdem kann ein unstrukturierter Tagesablauf dazu beitragen, dass die Symptome einer ADHS verstärkt auftreten.
Symptome
Eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS abgekürzt) wird von Fachleuten diagnostiziert, wenn folgende Kriterien zutreffen: ausgeprägte Unaufmerksamkeit, körperliche Unruhe und Impulsivität. Je nach Lebensabschnitt ist die Ausprägung dieser Symptome aber unterschiedlich.
Jugendliche leiden meist unter innerer Unruhe, Sprunghaftigkeit der Gedanken, Impulsivität und einer hohen Reizoffenheit. In der Pubertät kann die ausgeprägte Hyperaktivität jedoch sogar in ihr Gegenteil, in starke Antriebslosigkeit umschlagen.
Die Symptome treten in mehreren unterschiedlichen Lebensbereichen, zum Beispiel zuhause, in der Schule oder in der Freizeit auf. Die Symptome sind vor dem 6. Lebensjahr aufgetreten und haben mindestens sechs Monate lang bestanden.
Häufigste Störung des Kindes- und Jugendalters
Während der Pubertät können sich die Symptome insgesamt verschlimmern. Das gilt aber nicht für jeden, bei rund einem Drittel aller Jugendlichen schwächen sich die Symptome sogar ab.
ADHS ist die häufigste psychische Störung des Kindes- und Jugendalters. Aktuellen Prävalenzschätzungen zufolge sind in Deutschland zirka 5 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren betroffen. Jungen sind etwa viermal häufiger betroffen als Mädchen. Etwa 60% der Betroffenen zeigen auch im Erwachsenenalter Symptome der ADHS.
Geschlechtsunterschiede
ADHS kann sich bei Mädchen ganz anders zeigen als man es von Jungen gewohnt ist: leise, versteckt – aber nicht weniger intensiv.
Aber ADHS kann auch deutlich anders aussehen: leise, verträumt, verunsichert und doch hilflos, wenn es um die Ordnung von wichtigen Aufgaben und ihre Erledigung geht. Solche Kinder fallen weniger auf als laute Störenfriede. Sie leiden aber genauso unter den Schwierigkeiten, die ihr Anderssein mit sich bringt.
Mädchen leiden unter Erschöpfung
In der Schule sind die betroffenen Mädchen wiederum fast unsichtbar, haben oft wenige Freundinnen, sind langsam im Arbeitstempo, befinden sich aber trotzdem permanent am Limit. Die Kinder sind mit Reizen überfordert und versuchen sie auszublenden, damit sie es allen recht machen können. Das heißt, sie strengen sich wahnsinnig an.
Und so kommen betroffene Mädchen nach einem Schultag häufig sehr erschöpft nach Hause. Auch die Hausaufgaben fallen ihnen oft schwer, weil sie die Aufgabenstellungen nicht verstanden oder mitbekommen haben, was sie eigentlich machen müssen. Alles, was in der Schule gemacht wurde, ging an dem Kind mehr oder weniger vorbei. Dieses permanente Erschöpftsein, begleitet von den Misserfolgen, kann dazu führen, dass die Mädchen soziale Außenseiterinnen werden.
Betroffene Mädchen können Angststörungen oder Depressionen entwickeln, was auch im späteren Leben häufige Nebendiagnosen einer ADHS sind.
Jugendliche Mädchen mit einer ADHS können Essstörungen oder ausgeprägte Ängste entwickeln, außerdem entwickeln manche ein riskantes Sexualverhalten und werden früh schwanger.
Jungs mit einer ADHS dagegen suchen in der Pubertät oft den besonderen Kick. Das führt manchmal zu Stress mit dem sozialen Umfeld oder sogar mit der Polizei. Viele zeigen in dieser Lebensphase ein aggressives Verhalten. Manche Betroffene favorisieren extreme Sportarten, entwickeln ein riskantes Sexualverhalten, zum Beispiel ungeschützter Geschlechtsverkehr, oder sie konsumieren Drogen und Alkohol.
Psychotherapie und Trainings
Bei wem als Kind ADHS diagnostiziert wurde, der wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsener noch darunter leiden. Deshalb ist es wichtig, ADHS rechtzeitig zu diagnostizieren und zu behandeln.
Eine erste Anlaufstelle können Kinder- und Jugendärzt:innen sein oder Kinder- und Jugendpsychiater:innen sein. Sie können mit einer ersten Diagnose dabei unterstützen, die richtige Therapie zu finden.
Verhaltenstherapie bewährt
Es gibt viele verschiedene Therapieansätze und -verfahren zur Behandlung von ADHS, die die Symptomatik von ADHS und die damit einhergehende Beeinträchtigung deutlich reduzieren können.
In der Behandlung von ADHS hat sich vor allem die Verhaltenstherapie bewährt. Ziel dieses Therapieverfahrens ist es, Strategien zu entwickeln und einzuüben, die den Alltag mit einer ADHS erleichtern und es ermöglichen, problematische Verhaltensmuster zu verändern. Durch eine kognitive Verhaltenstherapie erlernt man Problemlösungsstrategien und eine bessere Selbstkontrolle.
Sport kann Betroffene in dieser Lebensphase besonders gut unterstützen, wenn er nicht zu exzessiv betrieben mit einer ausgewogenen Ernährung unterstützt wird.
Elterntraining verbessert Kommunikation
Zusätzlich dazu kann ein Elterntraining oder auch Lehrertraining helfen, das Störungsbild besser zu verstehen und zu akzeptieren. Es vermittelt Erziehungshilfen im Alltag und in schwierigen Situationen. Dieses Training verbessert die Kommunikation und Interaktion zwischen Eltern und Jugendlichem.
Aber auch eine Systemische Familientherapie kann Betroffene und ihr Umfeld dabei unterstützen, bessere Lösungen im Zusammenleben zu entwickeln. Dabei können je nach Bedarf des Jugendlichen neben Eltern und Geschwister auch Lehrer in die Therapie einbezogen werden.
Medikamente unter Umständen sinnvoll
Besonders wenn die Symptome sehr stark ausgeprägt sind, können Medikamente, individuell auf den Jugendlichen abgestimmt, eine sinnvolle Ergänzung der Therapie darstellen.
Die Fähigkeit, mehr und mehr Selbsthilfe zu entwickeln, kann den Betroffenen den Alltag deutlich erleichtern.
Jugendliche ab 14 Jahren und junge Erwachsene haben die Möglichkeit, sich per Videochat in einer Online-Selbsthilfegruppe, die sich jeden 1. Mittwoch eines Monats immer um 19.00 Uhr trifft, auszutauschen. Mehr Informationen erhält, wer an diese E-Mail-Adresse schreibt: Junge-Selbsthilfe(at)adhs-deutschland.de.
Portale wie das Kinder- und Jugendtelefon Nummer gegen Kummer bieten Jugendlichen die Möglichkeit, mit kompetenten Menschen frei über ihre Sorgen und Nöte zu sprechen. Die Mitarbeiter nehmen weder Daten auf noch speichern sie sie. "Nummer gegen Kummer" ist rund um die Uhr erreichbar unter 116 111, ohne Telefonvorwahl.
Die Telefonseelsorge berät am Telefon, online und vor Ort, kostenlos
Telefonisch rund um die Uhr 0800-1110111, 0800-1110222 oder 116 123 (ohne Vorwahl),
per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de
* Fallbeispiel: nach https://www.adhs.info/fuer-jugendliche/infos-zu-adhs/.
Erfahren Sie mehr über ADHS bei Kindern.