Volkskrankheit Depression (Seite 4/7)

Ursachen und Auslöser

Inzwischen ist sich die Forschung einig, dass eine Depression durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren ausgelöst und aufrechterhalten wird. Dabei spielen auf der einen Seite biologische, auf der anderen Seite psychische und psychosoziale Aspekte eine wichtige Rolle. Zum Beispiel wird durch belastende Lebensereignisse eher eine Depression ausgelöst, wenn bereits genetisch bedingt eine erhöhte Empfindlichkeit (eine so genannte Vulnerabilität) für die Erkrankung besteht. Das Zusammenspiel der verschiedenen Ursachen hat wiederum Auswirkungen auf die Therapie der Erkrankung, bei der häufig Medikamente mit einer Psychotherapie kombiniert werden.

Biologische Faktoren

Sowohl Zwillingsstudien als auch Untersuchungen mit Familien belegen, dass genetische Faktoren bei der Depression von Bedeutung sind. So erkranken Kinder, deren Vater oder Mutter depressiv ist, mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 bis 15 Prozent selbst an einer Depression. Allerdings bedeutet eine erbliche Veranlagung noch lange nicht, dass eine Person zwangsläufig an einer Depression erkrankt – denn dabei wirken immer Gene und Umweltbedingungen zusammen.

Genetische Faktoren, veränderte
Aktivität der Botenstoffe im Gehirn,
Stresshormone können Depressio-
nen u.a. auslösen.

So kann die Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt auch beeinflussen, wie gut jemand mit Belastungen umgehen kann oder wie häufig er sich in schwierige oder riskante Lebenssituationen begibt. Sicher ist in jedem Fall, dass eine ganze Reihe von Genen an der Depression beteiligt ist – einen einfachen Zusammenhang zwischen einem Gen und der Erkrankung gibt es nicht. Auch die Aktivität der Botenstoffe im Gehirn – der so genannten Neurotransmitter – wird durch genetische Faktoren beeinflusst. Diese übermitteln an den Synapsen – den Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenfasern im Gehirn – Informationen und haben somit Einfluss auf unser Erleben, unsere Gefühle und Gedanken.

Forschungsarbeiten haben ergeben, dass während einer Depression die Systeme für einige Botenstoffe im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten sind. Dies betrifft insbesondere die Transmitter-Systeme für die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin: Entweder liegen die Neurotransmitter in zu geringer Konzentration vor, oder die Empfindlichkeit der Rezeptoren, an denen diese Botenstoffe wirken, ist dauerhaft verändert. Genau an dieser Stelle setzt eine Behandlung mit antidepressiven Medikamenten an, die darauf abzielen, den Serotonin- und Noradrenalin-Stoffwechsel wieder zu normalisieren.

Auch eine andere Form von Botenstoffen wird mit der Entstehung einer Depression in Zusammenhang gebracht: Die Stresshormone des Körpers. Diese werden in Schreck- und Gefahrensituationen ausgeschüttet und erhöhen kurzfristig die Anspannung und die Aufmerksamkeit – auf diese Weise wird der Körper darauf vorbereitet, schnell und effektiv zu reagieren. Bei Menschen mit Depressionen scheint jedoch das Kontrollsystem für diese Stresshormone langfristig gestört zu sein. So ließen sich bei depressiven Patienten erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol im Blut und im Urin nachweisen. Tierversuche legen nahe, dass ein erhöhter Cortisolspiegel die Ängstlichkeit erhöht und Auswirkungen auf Schlaf, Appetit und Konzentrationsfähigkeit hat.

Psychologische Faktoren

Auslöser einer Depression sind sehr häufig psychosoziale Belastungen: Chronische Belastungen wie eine dauerhafte Überforderung am Arbeitsplatz oder eine konfliktreiche Partnerschaft, aber auch belastende Lebensereignisse wie der Verlust des Partners oder ein schweres Trauma erhöhen die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken. Umgekehrt kann aber auch ein Mangel an positiven Gefühlen wie Freude oder Zufriedenheit langfristig in eine Depression münden. Dieser kann durch die  Lebensumstände, aber auch durch das eigene Verhalten entstehen. So bekommt jemand, der leicht mit anderen Menschen Kontakte knüpfen kann, auch mehr positive Resonanz als eine Person, die sich eher zurückhaltend und passiv verhält.

Chronische Belastungen,
belastende Lebensereignisse
oder ein schweres Trauma
erhöhen die Wahrscheinlichkeit,
an einer Depression zu erkranken.

Allerdings muss es nicht immer einen eindeutigen Auslöser für eine Depression geben – die Erkrankung kann auch ohne jede ersichtliche Belastung ausbrechen. Umgekehrt kommen viele Menschen auch mit schweren Belastungen zurecht, ohne zwangsläufig an einer Depression zu erkranken.

Theoretische Überlegungen zur Entstehung von Depressionen

Mehrere psychologische Theorien beschäftigen sich damit, wie eine depressive Erkrankung entsteht und aufrechterhalten wird.

So kommt es nach der Depressionstheorie von Lewinsohn  dann zu einer Depression, wenn jemand in seinem Leben nur wenige Verstärker besitzt oder bisherige Verstärker verliert. Als Verstärker werden dabei positive, belohnende Konsequenzen des eigenen Verhaltens bezeichnet. Ein Verstärkerverlust liegt zum Beispiel dann vor, wenn jemand einen geliebten Menschen verliert, plötzlich aus seinem Job entlassen wird oder für seine Bemühungen von anderen nur wenig Anerkennung bekommt.

Martin Seligman stellt in seinem Modell der Depression das Gefühl der Hilflosigkeit in den Mittelpunkt. So hat jemand, dem ein negatives Ereignis widerfahren ist, möglicherweise die Erfahrung gemacht, dass er tatsächlich nichts tun kann. Wenn der Betroffene nun glaubt, dies liege an ihm selbst und sei auch auf Dauer nicht zu ändern, führt dies allmählich zur so genannten gelernten Hilflosigkeit: Anstatt zu versuchen, eine Lösung für ein Problem zu finden oder seine Lebenssituation zu verbessern, verharrt die Person nun passiv – und  macht dadurch die Erfahrung, dass sich die ungünstige Situation tatsächlich nicht ändert.

Nach dem Kognitionsmodell von Aaron Beck sind vor allem gedankliche Verzerrungen charakteristisch für Patienten mit Depression. Demnach entwickelt jemand durch belastende Lebenserfahrungen negative Überzeugungen – zum Beispiel: „Die anderen wollen mir nur schaden“ oder „Mir passiert ständig etwas Schlechtes“. Diese Überzeugungen steuern wiederum, wie jemand sich selbst und seine Umwelt bewertet. Nach Beck sieht ein Mensch mit einer Depression sowohl sich selbst, die Umwelt als auch die Zukunft negativ. Diese negative Sichtweise führt zu einer verzerrten Sicht der Realität, so dass zum Beispiel selbst kleine Probleme als unlösbar angesehen werden.

Theorien, die aus der psychoanalytischen Tradition stammen, sehen die Ursachen für eine Depression vor allem in negativen Erfahrungen während der Kindheit. Demnach führen vor allem problematische Beziehungen mit nahestehenden Bezugspersonen wie Eltern oder Geschwistern zur Entwicklung einer pessimistischen Sichtweise der Welt und eines negativen Selbstbilds. Einige Ansätze wie die Theorie von Heinz Kohut nehmen an, dass vor allem Kinder, die sich stark an den Erwartungen ihrer Eltern orientieren und dabei eigene Bedürfnisse vernachlässigen, später besonders für eine Depression gefährdet sind.