Co-Abhängigkeit (Seite 6/7)

Co-Abhängigkeit bei Kindern suchtkranker Eltern

Besonders problematisch für eine normale und gesunde Entwicklung der Kinder

Etwa ein Sechstel bis ein Fünftel der Kinder in Deutschland hat einen oder sogar zwei suchtkranke Elternteile. Diese Kinder werden quasi automatisch in die Co-Abhängigkeit verstrickt und leiden oft besonders unter der Situation.

Dem betroffenen Elternteil sind Alkohol, Drogen oder Medikamente oft wichtiger als die eigenen Kinder. Dadurch bekommen sie in einer der ersten und wichtigsten Beziehungen im Leben nicht das, was sie eigentlich bräuchten: Liebe, Geborgenheit, Unterstützung und Verlässlichkeit.

Oft verhält sich der suchtkranke Vater bzw. die Mutter sehr emotional, wechselhaft und unberechenbar: Manchmal ist er oder sie übermäßig liebevoll und gut gelaunt, dann wieder gereizt und aggressiv oder kalt und abweisend.

Für die Kinder ist es deshalb sehr schwer, ihren Vater oder ihre Mutter richtig einzuschätzen. Gleichzeitig lernen sie nicht, welches Verhalten angemessen bzw. unangemessen ist.

Solange die Kinder bei ihren Eltern leben, sind sie dem Verhalten ihres suchtkranken Elternteils besonders ausgeliefert und ihr Leben ist von Ängsten und Sorgen geprägt.

Häufig möchten sie dem suchtkranken Vater oder der Mutter helfen, kümmern sich um diese und übernehmen Aufgaben, für die sie eigentlich noch zu jung sind: Zum Beispiel kümmern sie sich um den Haushalt oder um die jüngeren Geschwister. Dadurch können sie ihre Kindheit nicht richtig leben und übernehmen zu früh zu viel Verantwortung.

Oft schämen sich die Kinder für die Sucht ihres Vaters oder ihrer Mutter und versuchen, sie vor anderen – zum Beispiel vor Freunden und Schulkameraden – zu verheimlichen. Das führt jedoch oft dazu, dass sie einsam und isoliert sind: Sie können keine Freunde mit nach Hause bringen und mit niemandem über ihre Situation und ihre Sorgen sprechen. Viele Kinder glauben zudem, dass sie an den Problemen ihrer Eltern (mit-)schuld seien.

Häufig Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter

Die Erfahrungen in der Kindheit prägen viele Betroffene bis ins Erwachsenenalter und können auch zukünftige Beziehungen deutlich beeinträchtigen. So haben viele Kinder suchtkranker Eltern ein geringes Selbstwertgefühl, neigen zu komplizierten Beziehungen und kommen häufig mit einem Partner zusammen, der selbst eine Suchtproblematik hat.

Darüber hinaus haben sie ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Häufig treten Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität, emotionale Störungen oder Störungen des Sozialverhaltens (wie aggressives oder dissoziales Verhalten) auf.

Schließlich haben die Betroffenen ein deutlich erhöhtes Risiko, später selbst eine Sucht zu entwickeln. Ein solches Risiko ist bei Männern höher als bei Frauen. Schätzungen zufolge entwickelt etwa ein Drittel der Kinder, die einen suchtkranken Elternteil hatten, später selbst eine Sucht und ein weiteres Drittel eine andere psychische Störung.

Allerdings haben nicht alle Kinder mit einem suchtkranken Elternteil später Probleme. Einige entwickeln in der belastenden Situation Fähigkeiten und Stärken, die ihnen helfen, als Erwachsene ein psychisch gesundes Leben zu führen. Manchmal gehen diese Kinder sogar gestärkt aus der schwierigen Situation hervor. So haben Untersuchungen gezeigt, dass etwa ein Drittel der Kinder über eine gute psychische Widerstandsfähigkeit (Resilienz) verfügt.

Wie kann Kindern suchtkranker Eltern geholfen werden?

Je früher Kinder aus Familien mit einem suchtkranken Elternteil Hilfe bekommen, desto eher ist es möglich, dass sie ungünstige Verhaltensmuster verändern können, ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln und psychisch gesund aufwachsen. Deshalb ist es wichtig, dass die Suchtproblematik in der Familie frühzeitig erkannt wird.

So sollte der Partner, der nicht von einer Sucht betroffen ist, möglichst frühzeitig Unterstützung suchen, zum Beispiel bei einer Familien- oder Suchtberatungsstelle.

Damit den betroffenen Kindern wirklich geholfen werden kann, ist es oft notwendig, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihrem suchtkranken Vater oder Mutter haben. Das kann zum Beispiel geschehen, indem der andere Elternteil sich trennt und mit dem Kind in eine eigene Wohnung zieht.

Ältere Kinder, bei denen ein Elternteil von einer Sucht betroffen ist und die dadurch psychische Belastungen erleben, können sich selbst bei einer der genannten Einrichtungen Unterstützung suchen.