Schmerzen ohne Warn- und Schutzfunktion (Seite 6/8)

Multimodale Schmerztherapie oft effektivste Behandlungsmethode

Mehrere Untersuchungen haben gezeigt, dass eine rein körperliche Behandlung chronischer Schmerzen, zum Beispiel bei Rücken- oder Kopfschmerzen, oft keine zufriedenstellenden Ergebnisse bringt. Dagegen haben Studien gezeigt, dass eine multimodale Schmerztherapie bei mehreren Formen chronischer Schmerzen die effektivste Behandlungsmethode ist. Diese Art der Therapie wird vor allem eingesetzt, wenn andere Therapien gegen die Schmerzen erfolglos waren, wenn die Schmerzen oder die Einnahme schmerzlindernder Medikamente zugenommen haben oder wenn besondere psychische und soziale Belastungen vorliegen.

Bei der multimodalen Schmerztherapie werden verschiedene Behandlungselemente miteinander kombiniert. Dazu gehören eine medizinische Behandlung, Informationen über die Hintergründe des Schmerzes (Psychoedukation), Entspannungsverfahren, Psychotherapie, körperliche Aktivierung, Ergotherapie und eventuell weitere Ansätze wie Musik- oder Kunsttherapie.

Therapeutenliste mit Behandlungsschwerpunkt Schmerzen

Hierbei kommen erprobte, standardisierte Verfahren zum Einsatz, die nach einem ärztlichen Behandlungsplan zusammengestellt werden. Sie werden in regelmäßigen Abständen in ihrer Wirksamkeit überprüft und gegebenenfalls neu angepasst. Die multimodale Therapie kann ambulant (als Einzel- oder als Gruppentherapie) oder stationär in einer psychosomatischen Klinik oder einer spezialisierten Schmerzklinik durchgeführt werden. Eine stationäre Therapie kann zwischen einer und fünf Wochen dauern, die ambulante Therapie wird oft über einen längeren Zeitraum durchgeführt.

Viele der Behandlungsmaßnahmen dienen letztlich auch dazu, die Selbstwirksamkeit der Patienten zu erhöhen: Sie sollen in der Lage sein, selbst auf die Schmerzen und ihr psychisches Befinden Einfluss zu nehmen und so mehr und mehr das Gefühl bekommen, die Situation selbst im Griff zu haben.

Effektivität der multimodalen Schmerztherapie

Die Erfolge einer multimodalen Schmerztherapie liegen im mittleren Bereich. Das bedeutet, dass oft auch nach dieser Art von Therapie weiterhin Schmerzen vorhanden sind. Die Patienten sollen keine zu hohen Erwartungen und viel Geduld in die Therapie mitbringen. Dennoch lassen sich durch die multimodale Therapie oft deutliche Verbesserungen erreichen: Das Schmerzerleben nimmt oft ab, so dass der Schmerz seine lebensbeherrschende Stellung verliert. Außerdem können oft die Lebensqualität und die psychische und soziale Funktionsfähigkeit deutlich verbessert werden.

Bestandteile der multimodalen Schmerztherapie

Medizinische Behandlung

Die medizinische Behandlung kann die Einnahme von Schmerzmitteln, physikalische Therapie (zum Beispiel Massagen, Wärme- und Kältebehandlungen, Wasserbehandlungen, Elektrotherapie, Ultraschallbehandlungen), Akupunktur und Nervenstimulation umfassen.

Weitere Informationen zur medikamentösen Behandlung finden sich im Abschnitt „Behandlung chronischer Schmerzen mit Medikamenten“.

Die verschiedenen Arten der physikalischen Therapie haben das Ziel, Muskeln und Bindegewebe zu lockern und die Durchblutung zu fördern. Bei Akupunktur und Nervenstimulation werden Reize verabreicht, die die Schmerzimpulse überlagern und die so zur Abnahme der Schmerzen beitragen können. So werden bei der transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS) durch Elektroden auf der Haut niedrig frequente Wechselströme an den Körper weitergegeben, was ein leichtes Kribbeln auf der Haut erzeugt.

Psychoedukation

Ein wichtiger Bestandteil der Behandlung ist eine ausführliche Information und Schulung der Patienten (Psychoedukation), die über die biologischen, psychologischen und sozialen Hintergründe des Schmerzes informiert. Auf diese Weise sollen die Betroffenen allmählich erkennen, dass nicht nur körperliche Faktoren, sondern auch psychische und soziale Aspekte die Schmerzsymptomatik beeinflussen – und dass sie solche Faktoren durch gezielte  Veränderungen selbst beeinflussen können.

Psychotherapie

Psychotherapie hat sich als eine effektive Behandlungsmethode bei chronischen Schmerzen erwiesen. Sie kann sowohl das Erleben der Schmerzen verringern als auch die Lebensqualität verbessern. Die Wirksamkeit liegt dabei im mittleren Bereich – die Effekte sind hier also im Durchschnitt etwas geringer als beispielsweise bei der Therapie von Angststörungen oder Depressionen. Im Rahmen einer stationären multimodalen Schmerztherapie kommt in der Regel die kognitive Verhaltenstherapie zum Einsatz. Zu Beginn der Therapie werden (nach einer entsprechenden Psychoedukation) zunächst gemeinsam mit dem Patienten die Ziele der Therapie definiert. Dabei steht häufig die Verbesserung der Lebensqualität im Vordergrund. Ziel ist es, die Schmerzen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Therapeutenliste Verhaltenstherapie

Um die Stärke, Dauer und Häufigkeit des Schmerzerlebens zu erfassen, werden häufig Schmerztagebücher eingesetzt. Darin kann auch festgehalten werden, wie oft der Patient welche Medikamente einnimmt und welche Tätigkeiten er im Lauf des Tages ausübt. So lassen sich mit der Zeit die Faktoren, die die Schmerzen auslösen oder aufrechterhalten (zum Beispiel bestimmte Aktivitäten oder soziale Situationen) gut erkennen.

Ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist es, ungünstige (dysfunktionale) Gedanken und Überzeugungen des Patienten zu erkennen und allmählich zu verändern. Dies können Gedanken sein wie: „Wegen der Schmerzen kann ich kaum noch etwas machen“ oder „Mit den Schmerzen kann ich nichts mehr genießen“. Solche Einstellungen sollen allmählich durch realistischere Gedanken und eine gelassenere Haltung gegenüber den Schmerzen ersetzt werden – zum Beispiel durch die Einstellung: „Manches fällt mir mit den Schmerzen zwar schwer, aber ein paar Dinge kann ich doch genießen“ oder „An manchen Tagen ist es schlimm, aber an anderen ist es deutlich besser.“) So können allmählich auch die Hilflosigkeit, die Ängste und die depressive Stimmung der Patienten verringert werden.

Strategien zur Lenkung der Aufmerksamkeit können dazu beitragen, die Schmerzen weniger stark zu beachten und weniger negativ zu bewerten. Zum Beispiel lernen die Patienten bei einem Achtsamkeitstraining, das momentane körperliche Geschehen einfach zu beobachten, ohne es zu bewerten. Das kann zu einer gelasseneren Haltung gegenüber den Schmerzen beitragen. Auch ein Genusstraining hilft dabei, andere sensorische Reize als den Schmerz (zum Beispiel sanfte Berührungen oder schmackhafte Speisen) wieder stärker wahrzunehmen und zu genießen.

Wichtig ist aber auch, die möglichen Funktionen des Schmerzes zu erkennen und zu verändern. So kann es sein, dass ein Patient mithilfe der Schmerzen Problemen aus dem Weg geht, die er anders nicht lösen kann – zum Beispiel vermeidet er so Konflikte. In der Therapie werden diese Zusammenhänge zunächst behutsam deutlich gemacht. Anschließend können die Patienten Problemlösestrategien einüben, mit denen sie die Probleme und Konflikte auf andere Weise lösen können. Bekommt ein Patient durch sein Schmerzverhalten bestimmte Vorteile (zum Beispiel besondere Zuwendung von Familienangehörigen oder Freunden), sollte auch dieses Verhalten verändert werden. Dabei ist es oft sinnvoll, die Bezugspersonen mit in die Therapie einzubeziehen.

Schließlich sollen die Patienten auch ihr Verhalten, wegen ihrer Beschwerden immer wieder ärztliche Leistungen in Anspruch zu nehmen, hinterfragen und verändern. Denn auch durch dieses Verhalten konzentrieren die Betroffenen ihre Aufmerksamkeit auf die Schmerzen. Außerdem kommt es dadurch oft zu unnötigen Untersuchungen und Behandlungen, die die Schmerzsymptomatik aufrechterhalten können. Stattdessen sollen die Patienten lernen, selbstsicherer mit Arztbesuchen umzugehen und bewusst zu entscheiden, ob ein weiterer Arztbesuch oder eine weitere Untersuchung notwendig sind oder nicht. Auch eine unkontrollierte Einnahme von Schmerzmitteln soll in der Therapie hinterfragt und verändert werden.

Entspannungsverfahren

Ein weiteres Element der Therapie sind Entspannungsverfahren wie progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training, Meditation oder Biofeedback. Durch die Schmerzen und die damit verbundene Anspannung haben viele Betroffene eine erhöhte Muskelspannung, die durch die Entspannungsverfahren verringert werden kann. Dies kann wiederum zu einer Abnahme der Schmerzen führen.

Therapeutenliste mit Behandlungsschwerpunkt Entspannungsverfahren

Beim Biofeedback lernen die Patienten gleichzeitig, ihre Muskelanspannung gezielt zu steuern und so mehr Kontrolle über die Schmerzen zu bekommen. Biofeedback wird zum Beispiel häufig bei chronischen Kopfschmerzen eingesetzt und erzielt dabei gute Erfolge.

Aktivitätsaufbau und Sport

In der Therapie wird angestrebt, dass die Patienten wieder körperlich aktiver werden und bisher vermiedene Aktivitäten allmählich wieder aufnehmen. Dazu sollte auch eine regelmäßige sportliche Aktivität gehören. Sie kann die durch Schonung geschwächte Muskulatur wieder kräftigen, verkürzte Muskeln dehnen und die Körperhaltung und Koordinationsfähigkeit verbessern. Gleichzeitig führt sie auch zur Ausschüttung von Endorphinen, welche die Schmerzen hemmen.

Außerdem können die Betroffenen so wieder vielfältigere und positive Erfahrungen machen, anstatt sich nur noch mit ihren Schmerzen zu beschäftigen. Sie sollten dabei Sportarten wählen, die ihnen Spaß machen und die sie trotz der Schmerzen als angenehm empfinden. Geeignete  Sportarten sind häufig Radfahren, Schwimmen oder Walking.

Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass die Patienten ein Gleichgewicht zwischen Aktivitäten und Ruhephasen erreichen und so Überlastungen vermeiden. Dies ist vor allem bei Migränepatienten wichtig.