Schmerzen ohne Warn- und Schutzfunktion (Seite 3/8)

Merkmale und Häufigkeit von chronischen Schmerzstörungen

Von einer chronischen Schmerzstörung spricht man, wenn die Schmerzen seit mindestens drei bis sechs Monaten ständig oder fast ständig bestehen und den Betroffenen körperlich, psychisch und sozial beeinträchtigen. Sie können seine Beweglichkeit und normale Handlungsfähigkeit einschränken, die Stimmung, das Befinden und das Denken negativ beeinflussen und zu Einschränkungen im Alltag, im Beruf und im Privatleben führen. Häufig kommen zu den Schmerzen im Lauf der Zeit weitere Beschwerden hinzu, zum Beispiel Schlafstörungen, Reizbarkeit oder depressive Verstimmungen.

Um eine chronische Schmerzstörung genauer zu beschreiben, wird oft ein so genanntes Mehrebenen-Modell verwendet. Es soll deutlich machen, welche biologischen, kognitiven (gedanklichen), emotionalen und verhaltensbezogenen Aspekte bei chronischen Schmerzen von Bedeutung sind.

Biologische Ebene

Auf der biologischen Ebene ist charakteristisch, dass sich oft keine körperlichen Auffälligkeiten beobachten lassen, die die Schmerzen erklären könnten. Andererseits geht man davon aus, dass verschiedene Prozesse im Bereich des Gehirns und der Nervenzellen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung chronischen Schmerzen eine Rolle spielen.

Gedankliche und emotionale Ebene

Beim subjektiven Erleben des Schmerzes spielen aber auch emotionale und gedankliche Prozesse eine wichtige Rolle. Wie ein Schmerz erlebt wird, hängt zum einen von seinen sensorischen Eigenschaften ab – also davon, wie er unmittelbar gefühlt wird (zum Beispiel stechender oder brennender Schmerz). Zum anderen sind aber auch das gefühlsmäßige Erleben und die Bewertung des Schmerzes von Bedeutung (zum Beispiel Bewertung des Schmerzes als „unerträglich“, „quälend“). Wenn Schmerzen über längere Zeit bestehen, ist das Schmerzerleben der Betroffenen oft stärker emotional gefärbt.

Auf der kognitiven Ebene neigen Menschen mit chronischen Schmerzen dazu, sich in Gedanken ständig mit den Schmerzen zu beschäftigen. Außerdem bewerten sie die möglichen Ursachen und Folgen der Schmerzen als schwerwiegender als sie es tatsächlich sind („Katastrophisierung“). So denken sie zum Beispiel: „Meine Wirbelsäule ist einfach kaputt. Da kann man nichts mehr machen“ oder „Mit diesen Schmerzen bin ich zu überhaupt nichts mehr fähig.“ Gleichzeitig bestehen auf der emotionalen Ebene oft depressive Verstimmungen, Ängste, Verzweiflung und Resignation.

Verhaltensebene

Auf der Verhaltensebene ist typisch für die Betroffenen,  dass sie Schonverhalten zeigen und sich aus Kontakten und Aktivitäten zurückziehen. Viele suchen immer wieder verschiedene Ärzte auf, suchen intensiv nach einer Diagnose und nach einer Erklärung für ihre Schmerzen und nehmen eine Reihe verschiedener Behandlungen in Anspruch.

Häufigkeit von chronischen Schmerzstörungen

Man schätzt, dass in Deutschland etwa zehn Prozent der Menschen von chronischen Schmerzen betroffen sind. Am häufigsten kommen dabei Kopfschmerzen (vor allem Migräne und Spannungskopfschmerzen), Rückenschmerzen, Muskelschmerzen (zum Beispiel Fibromyalgie), Gelenkschmerzen (Arthrose, Arthritis) und Tumorschmerzen vor. Frauen sind mit 55 Prozent etwas häufiger betroffen als Männer.

Häufige gleichzeitige psychische Erkrankungen

Chronische Schmerzen treten oft zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf. Die psychischen Beschwerden können dabei eine Folge der ständigen Belastung durch die Schmerzen sein. Auf der anderen Seite können psychische Erkrankungen auch dazu führen, dass die Schmerzen als stärker und belastender empfunden werden.

Am häufigsten treten depressive Erkrankungen bei chronischen Schmerzen auf. Auch Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) und andere somatoforme Störungen (das heißt, stark ausgeprägte körperliche Symptome, die vermutlich eine psychische Ursache haben) kommen häufig gleichzeitig vor. Außerdem können chronische Schmerzen im Zusammenhang mit dem Missbrauch oder der Abhängigkeit von Substanzen (Alkohol, Drogen oder Medikamenten) auftreten.