Schmerzen ohne Warn- und Schutzfunktion (Seite 5/8)

Diagnose der chronischen Schmerzstörung

Gespräch mit dem Arzt oder Psychotherapeuten

Der Arzt oder Psychotherapeut wird in einem ausführlichen Gespräch zunächst Fragen zur Schmerzsymptomatik selbst und zur Krankengeschichte stellen. Zum Beispiel wird er fragen, seit wann, wie häufig und wo die Schmerzen auftreten, wie stark sie sind und wie sie sich anfühlen (zum Beispiel stechend, dumpf). Außerdem ist von Interesse, ob die Schmerzen durch bestimmte Faktoren ausgelöst, verstärkt oder gelindert werden (zum Beispiel durch Bewegung, Stress, Kälte oder Wärme).

Im Gespräch wird auch nach anderen Beschwerden (zum Beispiel Schlafstörungen), körperlichen Erkrankungen und möglichen psychischen Beeinträchtigungen (zum Beispiel Depressionen oder Ängsten) gefragt, ebenso wie nach bisherigen Behandlungen gegen die Schmerzen – zum Beispiel, wie zufrieden der Patient damit war, was ihm dabei geholfen hat und was nicht.

Um sich einen Eindruck über psychische und soziale Faktoren zu machen, die den Schmerz beeinflussen, wird der Arzt oder Psychotherapeut auch nach Beeinträchtigungen im Alltag, nach Stimmung und Wohlbefinden und nach eventuellen Konflikten und Belastungen in der Familie oder im Beruf fragen. Weiterhin ist von Interesse, welche Vorstellungen der Patient selbst zu den Ursachen der Schmerzen hat (Krankheitskonzept), wie er bisher mit den Schmerzen umgegangen ist und ob er Möglichkeiten sieht, die Schmerzen in Zukunft selbst zu beeinflussen.

In einem psychologischen Interview wird oft auch gefragt, wie der Betroffene seine nahen Bezugspersonen sieht: Fühlt er sich von ihnen unterstützt, nicht ernst genommen oder abgelehnt? Und wie äußert er die Schmerzen gegenüber anderen: Spricht er sie direkt an, zeigt er sie nur in Mimik und Gestik, oder aber versucht er, seine Schmerzen vor anderen zu verbergen?

All diese Informationen können wichtige Hinweise darauf geben, wo die Schwerpunkte in einer Psychotherapie liegen werden.

Körperliche Untersuchungen

Um mögliche körperliche Ursachen der Schmerzen abzuklären, findet auch eine ausführliche körperliche Untersuchung statt. Diese richtet sich nach der Art der Schmerzen. Es können neurologische, orthopädische und internistische Verfahren zum Einsatz kommen – zum Beispiel eine Überprüfung der Beweglichkeit der betroffenen Körperteile, bildgebende Verfahren wie Ultraschall oder Computertomographie, Blutuntersuchungen oder Messungen der Nervenleitgeschwindigkeit.

Diagnostische Interviews, Fragebogen und Skalen

Alle oben genannten Aspekte können auch mit standardisierten diagnostischen Interviews erfasst werden. Dabei wird insbesondere das für die Schmerzstörung angepasste problemanalytische Interview (SICS, Kröner-Herwig, 2000) verwendet.

Die Stärke der Schmerzen kann auch mit Skalen wie der Schmerzempfindungsskala (SES, Geissner, 1996) gemessen werden. Hier wird sowohl die sensorische Qualität der Schmerzen (zum Beispiel stechend, brennend) als auch der emotionale Aspekt des Schmerzempfindens (zum Beispiel mörderisch, quälend) erfasst.

Gedankliche Aspekte des Schmerzempfindens, zum Beispiel eine Katastrophisierung der Schmerzen, aber auch Versuche zur Bewältigung des Schmerzes (Copingstrategien) können mit dem Kieler Schmerzverarbeitungsinventar (KSI, Hasenbring, 1994) oder dem Fragebogen zur Erfassung des Schmerzverhaltens (FESV, Geissner, 2001) registriert werden.

Um andere psychische Beeinträchtigungen zu erfassen, werden auch Skalen zur Depressivität (zum Beispiel Allgemeine Depressionsskala, Hautzinger & Bailer, 1993) oder Fragebögen zu verschiedenen psychischen Symptomen (zum Beispiel Symptomcheckliste SCL-90-R, Franke, 1994) eingesetzt.