Schmerzen ohne Warn- und Schutzfunktion (Seite 7/8)

Behandlung chronischer Schmerzen mit Medikamenten

Bei der Behandlung chronischer Schmerzen werden oft auch Schmerzmittel und andere Medikamente eingesetzt. Auf der einen Seite sind Schmerzmittel bei starken Schmerzen oft kaum zu vermeiden. Außerdem können sie die Betroffenen überhaupt erst in die Lage versetzen, Aktivitäten wieder aufzunehmen oder an einer multimodalen Schmerztherapie teilzunehmen. Andererseits sind viele Schmerzmittel für einen längerfristigen Einsatz nicht gut geeignet, weil sie schädliche Nebenwirkungen haben können: Sie können zum Beispiel zu Schädigungen von Magen, Leber oder Niere oder zu Kopfschmerzen führen. Darüber hinaus lässt ihre Wirksamkeit oft im Lauf der Zeit nach, und sie können zu psychischer Abhängigkeit führen. Deshalb sollten Schmerzmittel immer nur so lange und in so hoher Dosierung eingenommen werden wie unbedingt notwendig.

Man unterscheidet verschiedene Schmerzmittel, die sich in ihrer Stärke und Wirkweise unterscheiden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO unterteilt die Schmerzmittel nach ihrer Stärke in drei Stufen, die jeweils bei leichten, mittelschweren und schweren Schmerzen eingesetzt werden sollen. Zur ersten Stufe gehören vor allem entzündungshemmende Medikamente, zur zweiten Stufe die schwachen (niedrigpotenten) und zur dritten die starken (hochpotenten) Opioide. Schwache und starke Opioide können auch mit Medikamenten aus der ersten Gruppe kombiniert werden – dies kann ihre Wirksamkeit gegen die Schmerzen erhöhen, weil Opioide auf andere Weise wirken als Entzündungshemmer.

Werden die Schmerzen auch durch psychische Faktoren beeinflusst, können auch Antidepressiva hilfreich sein. Sie werden entweder allein oder in Kombination mit einem Schmerzmittel verordnet. Bei Schmerzen, die durch Schädigungen des Nervensystems entstanden sind (so genannte neuropathische Schmerzen), werden auch Antiepileptika (Medikamente, die gegen epileptische Anfälle eingesetzt werden) oder lang wirksame Opioide verschrieben.

Schmerz- und Entzündungshemmer

Paracetamol und verwandte Substanzen

Paracetamol und verwandte Substanzen können als leichte Schmerzmittel eingesetzt werden, die schmerzlindernd und zugleich fiebersenkend wirken.

Nichtsteroidale Entzündungshemmer (NSAR)

Medikamente aus der Gruppe der nichtsteroidalen Entzündungshemmer oder Antirheumatika (NSAR) haben eine schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung. Hierzu gehören Acetylsalicylsäure und ihre Abkömmlinge wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen. Nebenwirkungen können Probleme mit der Magen- und Darmschleimhaut, Veränderungen des Blutdrucks und der Nierenfunktion sein. Deshalb sollten diese Medikamente von Patienten mit Nieren- und Herzerkrankungen oder Durchblutungsstörungen nicht genommen werden.

COX-2-Hemmer

COX-2-Hemmer sind entzündungshemmende Medikamente, die ähnlich wirken wie die NSAR. Sie haben aber etwas geringere Nebenwirkungen an der Magen- und Darmschleimhaut. Auch bei COX-2-Hemmern kann es zu Veränderungen des Blutdrucks und der Nierenfunktion kommen, so dass sie von Patienten mit Nieren- und Herzerkrankungen und Durchblutungsstörungen nicht eingenommen werden sollten.

Sowohl NSAR als auch COX-2-Hemmer sollten nur über einen kurzen Zeitraum und in möglichst niedriger Dosierung genommen werden.

Opioide

Opioide sind die am stärksten wirksamen Schmerzmittel. Sie docken an den Rezeptoren der schmerzverarbeitenden Nervenzellen (Opiatrezeptoren) an und können so die Weiterleitung von Schmerzreizen wirksam verhindern.

Man unterscheidet zwischen schwächer wirksamen Opioiden, die man mit einem normalen Rezept bekommt, und stärker wirksamen Opioiden, die dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Sie sind nur mit einer speziellen Verordnung erhältlich und werden nur bei stärksten Schmerzen eingesetzt. Zu den schwächer wirksamen Opioiden gehören zum Beispiel Tramadol oder Tilidin in Kombination mit Naloxon, zu den stärker wirksamen Morphin, Oxycodon oder Hydromorphon.

Heute werden Opioide oft in so genannter retardierter Form verschrieben, bei der der Wirkstoff gleichmäßig über einen längeren Zeitraum freigesetzt wird. Durch regelmäßige Einnahme wird dann sichergestellt, dass der Schmerz auf Dauer unter Kontrolle gehalten wird.

Opioide sind jedoch nicht bei allen Arten von Schmerzen gleich gut wirksam. Bei Tumorschmerzen helfen sie häufig gut – bei anderen Arten von Schmerzen führen sie aber nur bei etwa der Hälfte der Patienten zu einer Besserung. Studien haben gezeigt, dass sie bei vielen Schmerzarten nicht wirksamer sind als die Schmerz- und Entzündungshemmer der Stufe Eins.

Opioide können zu starken Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung, Juckreiz und Schwierigkeiten beim Wasserlassen führen. Diese können je nach Präparat unterschiedlich sein und gehen teilweise im Lauf der Zeit wieder zurück. Darüber hinaus können Opioide abhängig machen. Werden sie im Rahmen einer Schmerztherapie regelmäßig und in genau abgestimmter Dosierung verwendet, ist die Gefahr einer Abhängigkeit relativ gering. Dagegen kann es bei unsachgemäßer Anwendung schnell zu einer Abhängigkeit kommen – etwas, wenn ein Patient die Medikamente unregelmäßig einnimmt oder die Dosis selbständig steigert. In jedem Fall ist es wichtig, die Opiatdosis am Ende der Behandlung allmählich zu reduzieren (so genanntes ausschleichendes Absetzen).

Antidepressiva

Antidepressiva beeinflussen zwar nicht die Schmerzen selbst, aber die Verarbeitung und das subjektive Empfinden der Schmerzen. Deshalb werden sie oft in niedriger Dosierung im Rahmen einer Schmerztherapie verordnet. Am häufigsten kommen Antidepressiva aus der Gruppe der trizyklischen Antidepressiva (zum Beispiel Amitriptylin, Imipramin, Clomipramin) zum Einsatz, aber auch bestimmte Medikamente aus den Gruppen der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI). Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden oder Müdigkeit treten am häufigsten zu Beginn der Therapie auf und gehen meist im Lauf der Einnahme wieder zurück.

Antiepileptika

Diese krampflösenden Medikamente werden vor allem bei Nervenschmerzen (neuropathischen Schmerzen) verordnet. Sie können Prozesse bei der Entstehung von Schmerzen beeinflussen.

Pflanzliche Arzneimittel

Auch pflanzliche Substanzen können in manchen Fällen bei Schmerzen hilfreich sein. Zum Beispiel können Schmerzen, die durch Entzündungen verursacht werden (etwa bei Gelenkentzündungen) durch pflanzliche Extrakte aus der Weidenrinde, Brennesselblättern oder der Wurzel der Teufelskralle gelindert werden. Pflanzliche Arzneimittel können auch mit entzündungshemmenden Medikamenten kombiniert werden.