Burnout (Seite 2/5)

Selbsterfahrungsbericht

eines Betroffenen: "Wichtig ist Selbsterkenntnis"

"Daheim schien mir alles in Ordnung, aber bei der Arbeit hat mich plötzlich alles zu sehr aufgeregt, ich war nicht mehr in der Lage, adäquat auf die Anforderungen zu reagieren, sondern fühlte mich frustriert und begann zu resignieren. Auf den Fahrten nach Hause und zur Arbeit habe ich auf einmal geheult wie ein Schlosshund", berichtet der 38jährige Christoph E. ehrlich.

Er nahm die Zeichen seines Körpers als Warnsignale und handelte schnell: "Ich habe es nicht auf die lange Bank geschoben, sondern bin sofort zum Arzt gegangen, und der hat mich ohne Zögern krank geschrieben - sofort war dieser unglaubliche Druck weg." Aber dann begann die Arbeit - an den Gewohnheiten und mit sich selbst. "Es kann sein, dass einige meine Situation belächeln - der sieht ja gar nicht krank aus, der benimmt sich auch nicht so - aber nur man selbst muss es erkennen und sich eingestehen, dass etwas nicht stimmt!"

"Mein Anliegen ist es, andere sensibel für das Thema »Burnout« zu machen. Niemand, der nicht selbst darunter gelitten hat, kann nachvollziehen, was in Menschen vorgeht, die vollkommen ausgebrannt sind."

(Christoph E.)

Christoph E. warnt dabei vor falschen Eitelkeiten: "Ich bin doch ein Mann, das wird doch zu schaffen sein!" Allzu oft will man sich und vor allem seinem Umfeld zu viel beweisen, möchte ein anderes Bild vermitteln als man eventuell sollte. "Ich wollte weiterhin ein Bild abgeben von einem Mann, der beruflich seinen Mann stehen kann! Jeder hat doch Angst davor, dass einem andere sagen: »Was bist Du für eine Pfeife«."

Ein derartiges Verhalten wird durch beruflichen Leistungsdruck, finanzielle Verpflichtungen oder vermeintlichen Erwartungen des Partners noch gefördert. Aber letztendlich ist trotzdem jeder für sein Verhalten und Arbeitspensum selbst verantwortlich.

Und so gesteht auch Christoph E. sich ein: "Ich musste selbst erkennen, dass es so nicht mehr weiter ging. Von meinem Charakter her bin ich so veranlagt, dass ich wahrscheinlich auf einen Hinweis von außen gar nichts gegeben hätte. Wenn jemand zu mir gesagt hätte, Du bist krank, dann hätte ich das nicht geglaubt oder glatt dementiert und erst recht mit noch mehr Volldampf so weiter gemacht."

Inzwischen holt sich Christoph E. Unterstützung von anderen: Einmal pro Woche ist er in Therapie bei einem Verhaltenstherapeuten und plant eventuell noch einen Kuraufenthalt. Zudem hat sich der zweifache Familienvater inzwischen beruflich neu orientiert und seine Arbeitsstelle gewechselt. Er hatte Glück, dass alles so rasch geklappt hat. Bei der neuen Tätigkeit als Arbeitstrainer wird der Stressfaktor nicht mehr so hoch sein. Die neue Stelle schafft ganz andere Rahmenbedingungen - geregelte Arbeitszeiten und freie Wochenenden.

Doch er warnt: "Ohne medizinisch-therapeutische Hilfe wäre eine neue Tätigkeit keine Lösung. Ich musste und muss weiterhin hart an mir selber arbeiten und meine Persönlichkeit verändern." Es helfe alles nicht, wenn man so weiter mache wie zuvor, denn es müsse sich grundlegend etwas ändern: Zum einen an der eigenen Persönlichkeit - aber auch die anderen müssen sich bewegen.

"Ich bin ein offener Mensch, das hat mir geholfen." (Christoph E.)

Seine pädagogisch-erzieherische Tätigkeit hat insgesamt viel mit Offenheit und mit Menschenkenntnis zu tun. Das hat ihm sicherlich in seinem eigenen Fall weitergeholfen: "Offenheit ermöglicht es einem, schnell zu reagieren", so Christoph E. Aber für alles Weitere sei dann auch Offenheit von allen Seiten notwendig.

Gut sei, dass Burnout inzwischen als Krankheit anerkannt wird. Doch wie bei jedem Krankheitsfall enden nach sechs Wochen die Lohnfortzahlungen. Eine Genesung dauert aber viel länger. "Es muss sich in unserer Gesellschaft noch viel tun", betont Christoph E. "Die sozial-moralischen Grundsätze in vielen Betrieben sind leider noch verschwindend gering. Es wäre toll, wenn den Mitarbeitern mehr Chancen gegeben würden, dennoch im Unternehmen zu bleiben und eine andere Tätigkeit zu übernehmen. In der Einrichtung, in der ich war, gab es keine Lösung." Dass sein neuer Arbeitgeber ihn trotz des abklingenden Burnout-Syndroms eingestellt hat, betrachtet Christoph E. als reinen Glücksfall.

Was nach Meinung von Christoph E. am besten hilft:

  • ein guter Verhaltenstherapeut
  • ein psychosomatischer Kuraufenthalt, der zudem Abstand zur Familie ermöglicht, sei ebenfalls sinnvoll
  • Verständnis in der Familie
  • verständnisvolle Freunde (ein bis zwei seien ausreichend)
  • Selbsterkenntnis ist der wichtigste Schritt
  • alles andere sei zwar auch wichtig, jedoch eher Beiwerk

Christoph E. betont dazu: "Eine an Burnout erkrankte Person lebt in einer außergewöhnlichen Situation, quasi in einer Parallelwelt. Während derjenige durch eine Krankschreibung von allen bisherigen Pflichten entbunden wird, ist und bleibt der übliche Tagesablauf der Familie fix. Man hat ja nicht gemeinsamen Urlaub. Daher lebt man quasi neben der Familie her und muss sich erst finden, wieder finden."

Er machte sich auf die Suche nach dem, was er gerne machen wollte und stellte fest, wie gut ihn körperliche Arbeit an der frischen Luft und in der Natur entspannte und ihm einen Ausgleich bot: "Glücklicherweise kann ich nach Lust und Laune ins Holz gehen" berichtet der 38jährige. "Nur zu Hause - da würde mir die Decke auf den Kopf fallen." Diese Tätigkeit wie auch das Wissen um seine Zukunftsperspektiven fördern eine stetige Genesung.

"Inzwischen fühle ich mich wieder besser. Ich denke, die Talsohle ist durchschritten". Doch dem Ehemann und Vater ist bewusst, dass Rückschläge kommen können. "Ich hoffe, dass es nur noch kleine Täler sein werden. Eine solche Lebenskrise möchte ich nie wieder meistern müssen und ich werde alles tun, damit es nie wieder so weit kommt."

Auf sich selbst achten und auch mal "nein" sagen lernen

Er habe gelernt, in sich hineinzuhören, auf seine Belange zu schauen, sich selbst einzugestehen, dass nicht immer alles geht. Und er arbeitet weiter daran, nicht mehr in alte Verhaltensmuster zurückzukehren. "Ich habe kleine Antennen entwickelt, zu erkennen, hoppla, Moment, so nicht mehr. Ich möchte es mir erhalten, die Lerneffekte aus der Krise des Burnout für mich zu nutzen." Er ist überzeugt, so zügig voran zu kommen und Genesung zu spüren, weil er sich eingestehen konnte, was er hatte. "Es war hart, meine Persönlichkeit zu hinterfragen, zuzugeben, dass ich es selbst verbockt hatte, weil ich mich falsch gesehen habe", gesteht er.

Und hat der 38jährige gelernt, auch mal "nein" zu sagen? "Das konnte ich tatsächlich nicht. Aber ich glaube, ich kann es immer besser. Jeder sollte das lernen", gibt er zu verstehen. Es sei ein stetiger Lernprozess, den man durchmachen müsse. "Wer in unserer Gesellschaft nicht unter die Räder kommen will, der muss für sich selber kämpfen, für die eigenen Belange - gegen den Wind." Das bedeute, sich auch mal gegen Kollegen zu stellen und sogar mal gegen den Chef. "Ich bin überzeugt, dass der Chef Sie so sogar mehr zu schätzen lernt wie andersherum", gibt er zu bedenken. "Selbst klare Grenzen setzen, zeigen, wie es für mich gut ist - so lernen Mitmenschen einen besser kennen und können einen auch mehr schätzen lernen!"

"Ein Freund von mir, sagt ganz klar: Ein Drittel meines Lebens gehört mir und da mache ich, was ich will", so Christoph E. "Über die Dosis kann man streiten bzw. das muss jeder für sich entscheiden." Dennoch sei das grundsätzlich richtig: "Man muss zu sich schauen. Niemand kommt zu Dir und sagt Dir: mach doch mal was Entspannendes. Diese Entscheidung, was man für sich selbst tut, muss von einem selber kommen. Ich hatte das verlernt und muss inzwischen wieder lernen, mich um mich selbst zu kümmern."

Christoph E. will damit nicht sagen, dass man ausschließlich egoistisch handeln sollte, aber es gibt im Leben eben einen Ich-Bereich, der einem selbst gehört, und man muss sich um sich selbst auch kümmern. "Wenn man verlernt, auf sich und seine Belange zu schauen, dann geht die Spirale los", warnt er.

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