Bipolare Störungen (Seite 4/6)

Entstehung und Verlauf

Genetische Veranlagung und Störungen im Neurotransmitter-Gleichgewicht oft Auslöser für bipolare Störungen

Die meisten Forscher gehen heute davon aus, dass eine bipolare Störung durch die Wechselwirkung von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren entsteht.

Die Betroffenen haben genetisch bedingt eine höhere Wahrscheinlichkeit, an der Störung zu erkranken, das nennt man genetische Vulnerabilität. Außerdem lassen sich bei ihnen Störungen im Gleichgewicht der Neurotransmitter – der Überträgerstoffe für Informationen im Gehirn – beobachten. So besteht während einer Depression ein Mangel der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin, während bei einer Manie die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin im Gehirn erhöht sind. Man nimmt an, dass bei Menschen mit einer bipolaren Störung die Konzentration der verschiedenen Neurotransmitter leichter aus dem Gleichgewicht gerät. Außerdem sind sie anfälliger dafür, dass biologische Rhythmen, etwa der Schlafrhythmus, durcheinander geraten.

Gleichzeitig haben auch Umweltfaktoren, psychische und soziale Faktoren einen Einfluss darauf, ob die Erkrankung ausbricht und welchen Verlauf sie nimmt. Zu den Umweltfaktoren gehören zum Beispiel negative Lebensereignisse, Stress, aber auch größere Lebensveränderungen. Psychische Faktoren, die die Erkrankung negativ beeinflussen können, sind negative Einstellungen, eine schlechte Verarbeitung von Ereignissen oder der Missbrauch von Alkohol. Als soziale Faktoren können sich zum Beispiel häufige Kritik oder Ablehnung ungünstig auf den Krankheitsverlauf auswirken.

Auch eine ungeordnete Lebensführung, zum Beispiel ein unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus oder Phasen mit intensiver und weniger intensiver Arbeit, kann erneute Krankheitsphasen auslösen. Dabei können nicht nur besonders positive Ereignisse wie  Erfolgserlebnisse und Veränderungen der Lebensumstände, zum Beispiel eine längere Urlaubsreise, sondern auch negative Ereignisse, etwa der Tod eines Angehörigen, eine manische oder hypomanische Episode auslösen.

Auf der anderen Seite gibt es auch Schutzfaktoren, die die Wahrscheinlichkeit für weitere Krankheitsphasen verringern können. Dazu gehören psychische Faktoren wie die Fähigkeit zur Stressbewältigung oder ein selbstverantwortlicher Umgang mit Medikamenten, aber auch soziale Faktoren, zum Beispiel eine stabile Partnerschaft oder die Unterstützung von Angehörigen.

Das Modell von Meyer (2008) nimmt an, dass es am Anfang einer manischen oder hypomanischen Phase zuerst zu Veränderungen beim Aktivitätsniveau und bei der Schlafdauer kommt. Diese führen dann zu einem Anstieg der Stimmung in Richtung Euphorie oder Reizbarkeit. Dadurch wird laut Meyer ein Teufelskreis in Gang gesetzt: Das Selbstwertgefühl steigt immer weiter an und die Betroffenen setzen oft eigenmächtig ihre Medikamente ab, was die manischen Symptome weiter verstärkt. Durch die Kritik von Angehörigen kann es wiederum zu einer immer stärkeren Reizbarkeit kommen.

Verlauf

Die ersten Symptome treten meist schon im frühen Erwachsenenalter, etwa ab dem 20. Lebensjahr, auf. Dabei erlebt etwa die Hälfte der Betroffenen zunächst eine depressive Episode. Die bipolare Störung wird zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkannt und kann deshalb noch nicht entsprechend behandelt werden. Die Diagnose „bipolar“ wird meist erst im Alter von 30 Jahren gestellt. In diesem Alter kommt es auch oft zu einem ersten Klinikaufenthalt.

Auf den ersten Blick erscheint eine Bipolar-II-Störung wegen der leichter ausgeprägten Symptome als weniger schwere Störung. Doch sind die Phasen mit stabiler Stimmung oft kürzer als bei einer Bipolar-I-Störung, was für die Betroffenen ebenfalls sehr belastend ist.

Ohne eine Behandlung mit Medikamenten erlebt die Hälfte der Betroffenen im ersten Jahr nach der ersten Krankheitsphase einen Rückfall. In manchen Fällen folgen die Phasen gehobener und depressiver Stimmung direkt aufeinander, zum Beispiel beim Umschlagen einer Manie in eine Depression, manchmal können aber auch Monate oder Jahre zwischen den Krankheitsphasen liegen.

Oft treten im Zusammenhang mit einer bipolaren Störung noch andere psychische Probleme auf. Am häufigsten kommt ein Missbrauch oder eine Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen vor. Auch Angststörungen, der Missbrauch von Medikamenten und Persönlichkeitsstörungen sind im Kontext einer bipolaren Störungen nicht selten.

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