Bindung (Seite 7/9)

Trennungsangst und Verlustangst bei Erwachsenen

Trennungs- und Verlustangst bei Erwachsenen sind bisher nur wenig erforscht. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass etwa fünf Prozent der Erwachsenen mindestens einmal im Leben von einer Störung mit Trennungsangst betroffen sind – Frauen häufiger als Männer. Die Angst kann schon in der Kindheit da gewesen sein oder sich erst im Erwachsenenalter entwickeln. Untersuchungen legen nahe, dass die Angst bei etwa einem Drittel der Erwachsenen seit der Kindheit besteht und sich bei etwa zwei Dritteln erst im Erwachsenenalter entwickelt hat.

Emma G., 41 Jahre, leidet unter Trennungs- und Verlustängsten

Wenn ihr Mann und ihre Kinder, 11 und 14 Jahre, morgens zur Arbeit und zur Schule gehen, will Emma G., 41 Jahre, sie am liebsten nicht gehen lassen. Sind sie aus dem Haus, macht Emma sich den ganzen Tag Sorgen, dass ihnen etwas Schlimmes passieren könnte. Ihre Gedanken kreisen ständig darum und sie fühlt sich nervös und angespannt. Besonders schlimm ist es, wenn ihre Kinder länger von zuhause weg sind, etwa, wenn sie bei Freunden übernachten oder bei einer Schulfahrt sind. Ihr Mann und ihre Kinder müssen sich mehrmals am Tag melden, um zu bestätigen, dass alles in Ordnung ist. Zugleich fühlt Emma G. sich verletzlich, wenn sie alleine ist und macht sich Sorgen, dass ihr selbst etwas zustoßen könnte. Wegen der ständigen Ängste geht Emma G. seit einiger Zeit nicht mehr zur Arbeit. Sie hat häufig Migräne und Verdauungsstörungen und schläft nachts schlecht.

Trennungsangststörung bei Erwachsenen

In den neuen Fassungen der Diagnose-Systeme ICD und DSM, der ICD-11 und dem DSM-5, gibt es erstmals eine Diagnose Trennungsangststörung bei Erwachsenen. Charakteristisch für die Störung ist eine starke, übermäßige Angst vor der Trennung von nahen Bezugspersonen. Meist bezieht sich die Angst auf den Liebespartner oder die eigenen Kinder. Sie kann aber auch andere nahestehende Menschen, etwa andere Familienmitglieder oder Freunde betreffen. Um die Diagnose zu stellen, muss die Angst mehrere Monate lang andauern und mit erheblichem Leiden und erheblichen Beeinträchtigungen in den sozialen Beziehungen, im beruflichen Bereich oder in anderen wichtigen Funktionsbereichen verbunden sein.

Ähnlich wie bei einer emotionalen Störung mit Trennungsangst im Kindesalter treten folgende Symptome auf:

  • Die Betroffenen sorgen sich darum, dass einer nahestehenden Bezugsperson während ihrer Abwesenheit etwas zustoßen könnte oder sie sterben könnte.
  • Sie gehen aus Angst vor einer Trennung nicht mehr oder nur ungern zur Arbeit.
  • Sie reagieren während und nach der Trennung oder wenn eine Trennung befürchtet wird, mit starken psychischen Symptomen wie Angst, Sorgen oder Kummer.
  • Sie weigern sich, getrennt von der nahen Bezugsperson zu schlafen oder schlafen nur ungern getrennt.

Auslöser für die Störung kann der Verlust von nahen Bezugspersonen, etwa durch Tod oder eine Trennung in der Vergangenheit oder in der Gegenwart sein. Es kann auch sein, dass die Betroffenen sich unselbständig fühlen und das Gefühl haben, ohne die nahen Bezugspersonen nicht leben zu können. Häufig haben die Betroffenen ein geringes Selbstwertgefühl. Außerdem versuchen sie, Kontrolle über ihre Bezugspersonen auszuüben.

Kommt es zu einer Trennung oder einem Todesfall, wenn die Störung schon besteht, verstärken sich die Symptome häufig. Oft treten weitere psychische Symptome auf und es kann zu Suizidgedanken und Suizidversuchen kommen.

Trennungs- / Verlustangst in der Partnerschaft

Bei einer Trennungs- oder Verlustangst, die sich auf die Partnerin oder den Partner bezieht, klammern die Betroffenen häufig stark am anderen, überwachen sie oder ihn ständig und sind sehr eifersüchtig und misstrauisch. Es kann vorkommen, dass sie ihre Partnerin oder ihren Partner manipulieren, um sie oder ihn von sich abhängig zu machen. Manche Betroffenen wollen in der Partnerschaft alles gemeinsam machen, was oft dazu führt, dass die Partnerin oder der Partner sich durch zu viel Nähe erdrückt fühlt. Daran scheitert letzten Endes häufig die Beziehung.

Es kann auch vorkommen, dass die Betroffenen sich bei Konflikten oder bei großer Angst vor einem Verlust zurückziehen oder selbst drohen, die Beziehung zu beenden. Manche halten an einer Beziehung fest, obwohl sie ihnen schadet – etwa, wenn der Partner oder die Partnerin sie misshandelt oder ein Suchtproblem hat. Andere gehen erst gar keine Beziehung ein, weil sie fürchten, den anderen wieder zu verlieren.

Trennungs- / Verlustangst bei Eltern

Manche Eltern entwickeln eine Trennungs- oder Verlustangst in Bezug auf ihre Kinder. Sie versuchen oft, die Kinder in ihrer Nähe zu halten und um jeden Preis zu verhindern, dass ihnen etwas zustößt. Zudem versuchen sie, möglichst lange zu verhindern, dass ihre Kinder selbständig werden und eigene Wege gehen. Häufig lassen sie ihren Kindern wenig Freiheiten, erziehen sie streng und versuchen, sie unselbständig zu halten.

Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen

Häufig treten bei einer Trennungs- oder Verlustangst weitere psychische Erkrankungen auf. Das sind insbesondere Angststörungen, eine Panikstörung, eine Depression, Zwangsstörungen, Suchterkrankungen und Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Außerdem können Essstörungen und psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Verdauungsstörungen auftreten. Haben die Betroffenen traumatische Erfahrungen gemacht, kann auch eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) vorliegen.