Neurodiversität (Seite 5/8)

Herausfordernde Diagnostik

Komplexe Symptome führen zu vielen Verdachtsdiagnosen

Autismus tritt bei knapp einem Prozent der Bevölkerung auf. Eine Verdachtsdiagnose wird aber wesentlich häufiger gestellt, denn auch für viele Fachleute ist die richtige Diagnose aufgrund der komplexen Symptome und der unterschiedlichen Ausprägung der Erkrankung eine Herausforderung.

Bei 50 bis 80 Prozent der vorgestellten Fälle in auf Autismus spezialisierten Zentren bestätigt sich ein solcher Verdacht letztlich nicht, doch müssen Betroffene durch die hohe Zahl an Zuweisungen dort sehr lange, nicht selten bis zu einem Jahr, auf einen ersten Termin warten.

Je früher eine spezialisierte Diagnostik und gezielte Behandlung stattfinden, desto besser die Langzeitprognose für die Betroffenen und desto geringer sind die Kosten für das Gesundheitssystem.

Vor allem im früheren Kindesalter sind die Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion, der sprachlichen Kommunikation oder der repetitiv-stereotypen Verhaltensweisen leichter zu erkennen und eine diagnostische Differenzierung eindeutiger möglich als im Erwachsenenalter.

Der beobachtbare Phänomenbereich verändert sich im Entwicklungsverlauf und damit das Erscheinungsbild der Autismus-Spektrum-Störung. Das Typische des Autismus verschwimmt.

Die Mehrzahl der Betroffenen mit Autismus-Spektrum-Störungen wird heutzutage immer noch im Kindes- oder Jugendalter diagnostiziert, so dass die Frage der Diagnose bei Erwachsenen leider oft nicht ausreichend gestellt wird. Bei vor 1990 geborenen Personen besteht deshalb eine deutliche diagnostische Lücke, denn vor allem Betroffene mit Asperger wurden häufig nicht als solche erkannt.

Erschwerend hinsichtlich Diagnostik kommt in dieser Gruppe hinzu, dass Betroffenen große Kompensationsleistungen gelingen, so dass viele Symptome nicht mehr auf den ersten Blick wahrgenommen werden.

Warum eine Diagnose wichtig ist

Die Diagnosekriterien beziehen sich auf das Verhalten. Eine Asperger-Diagnose bei Erwachsenen kann deshalb schwierig sein, weil Betroffene viele Verhaltensweisen ihrer Umgebung schlichtweg übernommen haben. Dadurch sind bestimmte Symptome vielleicht nicht mehr erkennbar und die diagnostische Fachkraft kommt zu dem Schluss, dass der Betroffene die Diagnosekriterien nicht erfüllt.

Nicht alle Erwachsenen mit Asperger-Autismus erfüllen die Diagnosekriterien auf den ersten Blick: Vielen gelingt ein Augenkontakt zumindest in bestimmten Situationen. Viele können an Gesprächen teilnehmen, indem sie abwechselnd sprechen und zuhören. Einige hatten sogar intensive zwischenmenschliche Beziehungen. Manche haben gute grob- oder feinmotorische Fähigkeiten. Bestimmt nicht alle verfügen über außergewöhnliche Rechenkünste.

Es ist besonders schwierig, die Diagnose danach zu stellen, wie sich jemand in einer therapeutischen Praxis verhält, weil für viele Betroffene ein Einzelgespräch in reizarmer Umgebung mit einem klar definierten Gesprächsthema eine Situation ist, mit der sie gut zurechtkommen.

Fehldiagnosen

Viele Betroffene haben gelernt, sich dem neurotypischen, also dem sogenannten gesunden Verhalten anzunähern. Sie haben gelernt, wie sie ihre Schwächen zumindest so kompensieren können, dass sie nicht sofort als andersartig auffallen.

Häufig kommen Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung im Erwachsenenalter nicht wegen ihrer eigentlichen Störung in eine psychiatrische oder psychotherapeutische Praxis, sondern wegen vielfältiger anderer Probleme und Symptome.

Weil sie insgesamt scheinbar so normal wirken und die Symptome im Erwachsenenalter vielfältiger und diffuser sind, kann das dazu führen, dass bei ihnen keine Autismus-Diagnose gestellt wird. Stattdessen lauten die Diagnosen häufig: ADHS, bipolare Störung, Schizophrenie, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Zwangsstörung, Depression, Angststörungen, narzisstische Persönlichkeitsstörung oder Störung des Sozialverhaltens.

Diese Diagnosen allein sind aber oft wenig hilfreich, wenn Autismus nicht erkannt wird. Für die Behandlung einer sozialen Phobie macht es eben einen Unterschied, ob jemand nur Angst vor sozialen Situationen hat oder eine Person Angst davor hat, weil sie diese Situationen grundlegend nicht versteht. 

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