Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit (Seite 3/7)

Ursachen und Diagnose

Diese Faktoren begünstigen die Entwicklung von Alkoholmissbrauch und Alkoholismus

Es gibt verschiedene Faktoren, die das Entstehen eines Alkoholmissbrauchs bzw. einer Alkoholabhängigkeit begünstigen. Dazu gehören genetische und biologische Faktoren, Persönlichkeitsmerkmale und äußere bzw. soziale Faktoren. Diese stehen häufig miteinander in Wechselwirkung.

Biologische, psychische und soziale Faktoren

Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass genetische Faktoren eine Rolle dabei spielen, ob jemand eine Alkoholproblematik entwickelt oder nicht. So ist die Wahrscheinlichkeit, alkoholabhängig zu werden, drei bis vier Mal so hoch, wenn bereits ein Angehöriger ersten Grades alkoholabhängig ist. Biologische Faktoren  beeinflussen dabei vor allem, wie schnell Alkohol in der Leber abgebaut wird und wie Alkohol bei jemandem wirkt – ob er zum Beispiel die positive Wirkung oder die negativen Nachwirkungen stärker empfindet. Ob jemand große Mengen Alkohol trinkt, ist dagegen vermutlich nicht genetisch beeinflusst.

Die biologische Sichtweise beschäftigt sich auch damit, wie Alkohol auf den Stoffwechsel des Gehirns wirkt. Dabei hat sich gezeigt, dass Alkohol eine Reihe von Botenstoffen (Neurotransmittern) im Gehirn beeinflusst. Er führt zu einer erhöhten Produktion von Endorphinen und des „Belohnungshormons“ Dopamin, was seine positive, euphorisierende Wirkung erklärt. Weiterhin hat Alkohol eine Wirkung auf die Rezeptoren (Empfangsstellen der Nervenzellen) für die Botenstoffe GABA und NMDA. Die Wirkung auf die GABA-Rezeptoren erklärt, warum Alkohol entspannend und angstlösend wirkt. Das Problematische bei all diesen Zusammenhängen ist, dass Alkoholkonsum mit der Zeit zu einer Toleranzentwicklung an den Rezeptoren führt. Das bedeutet, dass immer mehr Alkohol getrunken werden muss, um die gleichen Wirkungen zu erzielen.

Zu den Persönlichkeitsmerkmalen, die einen hohen Alkoholkonsum begünstigen können, gehören eine niedrige Impulskontrolle – also eine geringe Fähigkeit, psychische Bedürfnisse zu kontrollieren – sowie Neugier und Extraversion. Auf der anderen Seite gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die die Wahrscheinlichkeit für problematisches Trinken verringern. Dazu gehören zum Beispiel ein hohes Selbstwertgefühl, Fähigkeiten zur Stressbewältigung und eine gute Kommunikationsfähigkeit.

Mit äußeren bzw. sozialen Faktoren ist gemeint, wie leicht Alkohol verfügbar ist, wie der Freundeskreis und andere Bezugspersonen mit Alkohol umgehen und welche Einstellung zu Alkohol in einer Gesellschaft besteht. Aus psychologischer Sicht spielt hier auch das so genannte Modelllernen eine Rolle. Das bedeutet, dass Freunde oder Eltern oft „Modelle“ für den Umgang mit Alkohol sind: Ein Jugendlicher beobachtet zum Beispiel, wie sie mit Alkohol umgehen und wie Alkohol bei ihnen wirkt, und entwickelt dann selbst ein ähnliches Trinkverhalten. Sozialer Druck ist ebenfalls ein wichtiger Faktor: Er führt vor allem dann zu hohem Alkoholkonsum, wenn jemand sich leicht durch andere beeinflussen lässt und wenn er sich stark an eine bestimmte Gruppe gebunden fühlt.

Exkurs: Lernpsychologische Faktoren

Lernpsychologische Modelle gehen davon aus, dass Konditionierungsprozesse, nämlich die  so genannte klassische und operante Konditionierung, an der Entstehung des problematischen Trinkens beteiligt sind.

Nach dem Prinzip der operanten Konditionierung tritt ein Verhalten häufiger auf, wenn man dadurch positive Konsequenzen erlebt. So führt Alkohol bei vielen Menschen zu positiven Wirkungen wie Entspannung oder Glücksgefühlen (so genannte positive Verstärkung). Gleichzeitig kann er dazu beitragen, negative emotionale Zustände zu beenden (Wegfall eines negativen Reizes, so genannte negative Verstärkung). Diese positiven Wirkungen treten in den meisten Fällen schneller ein als negative Wirkungen (wie zum Beispiel Übelkeit oder ein Kater) – und das erhöht wiederum ihre Wirksamkeit. Sowohl positive als auch negative Verstärkung erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand weiterhin und möglicherweise in immer höheren Mengen Alkohol trinkt.

Vor allem die negative Verstärkung kann dazu beitragen, dass eine Alkoholproblematik entsteht. Wenn jemand über längere Zeit negative Gefühle erlebt (zum Beispiel wegen Problemen im Beruf oder in der Partnerschaft) und Alkohol dann als Erleichterung oder als scheinbare „Lösung“ erlebt, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass er weiter zur Flasche greift.

Auch Prozesse der klassischen Konditionierung spielen bei Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit eine Rolle. So werden neutrale Reize, die immer wieder gleichzeitig mit dem Konsum von Alkohol auftreten (zum Beispiel eine bestimmte Umgebung, bestimmte Gerüche, bestimmte Personen) im Lauf der Zeit zu konditionierten Reizen, die den erneuten Alkoholkonsum umgehend auslösen können. So kann dann schon das Vorbeigehen an einer Kneipe oder das Geräusch beim Öffnen einer Bierflasche das starke oder unwiderstehliche Verlangen nach Alkohol auslösen.

Auch die unangenehmen Entzugserscheinungen bei einer Abhängigkeit sind konditionierte Auslöser für den erneuten Alkoholkonsum: Der Betroffene hat mit der Zeit gelernt, dass Alkohol den unangenehmen Zustand schnell wieder beenden kann – und so lösen Entzugssymptome wie Zittern oder Kopfschmerzen ebenfalls automatisch das Verlangen nach Alkohol aus.

Diagnose von Alkoholmissbrauch und Alkoholsucht

Eine genaue Diagnostik des Alkoholproblems findet meist in zwei Fällen statt: Wenn jemand selbst Hilfe sucht – oder wenn er durch überhöhten Alkoholkonsum auffällig geworden ist (zum Beispiel im Straßenverkehr) und daraufhin eine Untersuchung angeordnet wird. In beiden Fällen wird der Untersucher (meist ein Arzt oder Psychologe) in der Regel verschiedene Untersuchungsmethoden miteinander kombinieren. Dies ist sinnvoll, weil viele Betroffene dazu neigen, das Alkoholproblem zu verleugnen oder (selbst wenn sie freiwillig zur Untersuchung kommen) den tatsächlichen Alkoholkonsum herunterzuspielen.

Diagnose von Alkoholmissbrauch und Alkoholabhaengigkeit kombiniert verschiedene Untersuchungsmethoden wie Fragebogen und koerperliche Laborwerte Zunächst werden meist allgemeine Fragen zum Alkoholkonsum gestellt, etwa wie häufig und wie viel in den letzten Wochen getrunken wurde und wann das problematische Trinken begonnen hat. Dabei wird der Untersucher auch das Verhalten des Betroffenen beobachten – zum Beispiel, ob er alkoholisiert zur Untersuchung kommt. Anschließend wird meist ein strukturiertes Interview durchgeführt. Hier wird nach der Entwicklung des Trinkverhaltens, der aktuellen Symptomatik (zum Beispiel nach ICD-10), nach Abstinenzphasen und deren Auslösern sowie nach möglichen anderen psychischen Problemen gefragt.
Auf unseren Seiten können Sie selbst testen, ob bei Ihnen eine Alkoholsucht vorliegt: Online-Test: AUDIT ( "Alcohol Use Disorder Identification Test").

Ergänzend kann der Untersucher Fragebogen und Tests verwenden, mit denen die Symptomatik im Detail erfasst wird, zum Beispiel der Addiction Severity Index (ASI; Weiler et al., 2000) oder das Trierer Alkoholismus-Inventar (TAI, Funke et al, 1987). Der ASI erfasst verschiedene Probleme, die mit dem Alkoholkonsum zusammenhängen, mit dem TAI lassen sich die Entstehung des Alkoholproblems und die Motive für das Trinken erfassen. Diese Angaben geben oft bereits wichtige Anhaltspunkte für das Vorgehen in der Therapie.

Oft ist es auch sinnvoll, Angehörige und andere nahestehende Personen zu befragen, um ein genaueres Bild des Alkoholproblems zu bekommen. In manchen Fällen werden auch Informationen von Behörden herangezogen, um das Ausmaß des Alkoholproblems möglichst objektiv zu erfassen – zum Beispiel, ob es Führerscheinverluste oder gerichtliche Verurteilungen wegen Alkohols gab.

Bekannt ist auch die „Blutprobe“, die oft bei Verdacht auf ein Alkoholproblem genommen wird. Hierbei werden verschiedene Laborwerte bestimmt, um so die Menge des momentanen und vergangenen Alkoholkonsums abzuschätzen. So erlaubt der Wert CDT Rückschlüsse auf den Alkoholkonsum in den letzten drei Wochen. Die Werte Gamma-GT, AST und ALT geben Hinweise auf Schädigungen der Leber – erhöhte Werte weisen auf einen langfristig gesteigerten Alkoholkonsum hin.

Schließlich wird bei einer langjährigen, schwer ausgeprägten Alkoholproblematik auch untersucht, ob als Folge des Trinkens körperliche oder hirnorganische Erkrankungen vorliegen.