Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit (Seite 6/7)

Verbreitete Rückfallgefahr bei Alkoholabhängigkeit

Gründe für das Fortbestehen oder die Verschlechterung von Alkoholmissbrauch und Alkoholsucht

Dauert der problematische Alkoholkonsum über längere Zeit an, verändert sich allmählich auch das Verhalten. So wird das Leben des Betroffenen immer mehr durch den Konsum von Alkohol beherrscht, während andere Aktivitäten (zum Beispiel Aufgaben im Beruf und in der Familie, Hobbies) mehr und mehr vernachlässigt werden. Entzugserscheinungen und die Toleranzentwicklung (das heißt, dass immer mehr Alkohol benötigt wird, um die gleiche Wirkung zu erzielen) tragen ebenfalls dazu bei, dass Alkohol allmählich immer mehr im Mittelpunkt steht. Dabei ist eine Verschlechterung des Alkoholproblems wahrscheinlicher, wenn jemand schon vor Beginn der Störung schwerwiegende Probleme hatte – und wenn jemand über geringe psychische Fähigkeiten verfügt, um sein Leben selbst zu bewältigen.

Bereitschaft zur Veränderung

Selbst wenn jemand bereits einen Alkoholmissbrauch oder eine -abhängigkeit hat, stehen für ihn oft lange Zeit die positiven Wirkungen des Alkohols im Vordergrund. Negative Auswirkungen (zum Beispiel Probleme im Beruf und in sozialen Beziehungen, körperliche Erkrankungen) werden dagegen lange Zeit ignoriert und oft erst wahrgenommen, wenn sie schon starke Ausmaße angenommen haben

Der häufigste Auslöser dafür, dass jemand seine Situation verändern möchte und bereit ist, eine Therapie zu beginnen, sind ausgeprägte negative Folgen des Alkoholkonsums. Dies können zum Beispiel die Trennung des Ehepartners, die Kündigung oder starke gesundheitliche Probleme sein. Dabei fällt auf, dass die Betroffenen immer wieder zwischen dem Wunsch, vom Alkohol loszukommen und dem Wunsch, wieder Alkohol zu trinken, hin- und herschwanken.

Exkurs: Theoretisches Modell zur Veränderungsbereitschaft

Das „transtheoretische Modell“ von Prochaska und DiClemente (1983) geht davon aus, dass die Bereitschaft zu einer dauerhaften Veränderung des Trinkverhaltens verschiedene Stadien durchläuft. Es bildet eine wichtige Grundlage für das Vorgehen in der Therapie.

  • Stadium der Absichtslosigkeit: Hier sieht der Betroffene in seinem Alkoholkonsum noch kein Problem. Er hat deshalb auch nicht die Absicht, etwas zu verändern.
  • Stadium der Absichtsbildung: Hier wird sich der Betroffene bewusst, dass sein Trinkverhalten problematisch ist. Er macht sich erste Gedanken über eine Veränderung.
  • Stadium der Vorbereitung: In diesem Stadium besteht ein deutlicher Wunsch nach Veränderung.
  • Stadium der Handlung: Hier haben die Betroffenen ihr Trinkverhalten bereits verändert und für einen gewissen Zeitraum (bis zu sechs Monaten) Abstinenz erreicht.
  • Stadium der Aufrechterhaltung: Von diesem Stadium gehen die  Autoren aus, wenn jemand länger als sechs Monate abstinent gelebt hat.

Außerdem beziehen Prochaska und DiClemente das Stadium des Rückfalls in ihr Modell mit ein. Sie gehen davon aus, dass die meisten Betroffenen dieses Stadium ein- oder mehrmals durchlaufen müssen, bevor sie langfristig Abstinenz erreichen.

Gründe für Rückfälle

Ein Rückfall in die alten Trinkgewohnheiten kommt häufig vor – selbst bei Patienten, die erfolgreich an einer Therapie teilgenommen haben. Dabei zeigen Untersuchungen mit Alkoholabhängigen jedoch auch, dass nicht jeder einmalige oder relativ geringe Alkoholkonsum (ein so genannter „Ausrutscher“, englisch lapse) automatisch zu einem Rückfall in die alten Verhaltensmuster (englisch relapse) führt. So erleben manche „trockenen“ Alkoholiker von Zeit zu Zeit kleinere Rückfälle, aus denen sie aber selbst (oder mit therapeutischer Begleitung) wieder zur Abstinenz zurückkehren können.

Exkurs: Theoretische Konzepte zum Rückfall

Nach dem Modell der klassischen Konditionierung wird ein Rückfall durch konditionierte  Reize ausgelöst, die der Betroffene mit dem Genuss von Alkohol verbindet. So wird das unwiderstehliche Verlangen nach Alkohol zum Beispiel durch bestimmte Stimmungen, Personen oder Orte ausgelöst, die der Betroffene in seinem früheren „Trinkerleben“ mit Alkohol assoziiert hat.

Kognitive Modelle gehen davon aus, dass ein Rückfall nicht plötzlich zustande kommt, sondern sich allmählich anbahnt. Dabei spielen eine Reihe von Faktoren – äußere Umstände, Gedanken und Verhaltensweisen – eine Rolle. So beeinflussen nach dem Modell von Marlatt und Gordon (1985) folgende Faktoren, ob es zu einem  Rückfall kommt oder nicht:

  • allgemein kritische Lebenssituationen
  • Konfrontation mit einer Risikosituationen (zum Beispiel negative Gefühle, soziale Konflikte, Verführung zum Trinken)
  • Erwartung des Betroffenen, dass der Alkoholkonsum positive Auswirkungen hat
  • Strategien zur Bewältigung der Risikosituation (zum Beispiel „Nein-Sagen“ zu Alkohol)
  • Stärke der Selbstwirksamkeitserwartung, das heißt: Wie stark ist jemand überzeugt, dass er die Fähigkeiten besitzt, mit Risikosituationen für Alkoholkonsum umgehen zu können?

Weiterhin beeinflusst nach Marlatt und Gordon auch der Abstinenz-Verletzungs-Effekt, wie jemand nach einem erneuten Alkoholkonsum („Ausrutscher“) reagiert. So kann der Ausrutscher zu Schuld- und Schamgefühlen und einem geringen Selbstwertgefühl führen. Der Betroffene denkt dann zum Beispiel: „Ich will ja wirklich mit dem Trinken aufhören, aber ich habe es nicht geschafft. Ich bin ein Versager und werde es nie schaffen, auf Alkohol zu verzichten.“ Diese negative Verarbeitung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem vollständigen Rückfall (relapse) kommt – der Patient trinkt dann quasi aus Frust und Verzweiflung weiter.

Umgekehrt kann jemand aber auch lernen, einen Fehltritt konstruktiv zu verarbeiten. So könnte er sich sagen: „Das war jetzt nur ein einmaliger Vorfall, es wird in Zukunft nicht mehr vorkommen. Ich kann daraus etwas lernen und es in Zukunft besser machen.“ Bei dieser Reaktion ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass es zu einem vollständigen Rückfall kommt.

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