Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit (Seite 2/7)

Missbrauch und Abhängigkeit

Psychische und physische Folgen

Seit einiger Zeit hat Andreas K. zunehmend Schwierigkeiten in seiner Ehe. Wenn er abends von der Arbeit nach Hause kommt, gibt es meist Streit. Auch die Kinder (zwei und fünf Jahre alt) sind in seinen Augen oft aufmüpfig und anstrengend. Immer öfter verabredet sich Andreas K. nun mit Freunden in der Kneipe, um dem Stress zuhause aus dem Weg zu gehen. Dabei fühlt er sich meist erst richtig wohl, wenn er zwei bis drei Bier getrunken hat. Andreas K. schlägt nun nicht mehr nur freitags über die Stränge, sondern im Grunde während des ganzen Wochenendes. Doch dem 42-Jährigen fällt mit der Zeit selbst auf, dass sein Alkoholkonsum „etwas aus den Fugen“ geraten ist. Er beobachtet immer öfter, dass er nach der Arbeit und an den Wochenenden den starken Wunsch verspürt, Alkohol zu trinken, und es ihm schwerfällt, darauf zu verzichten. Als seine Frau ihm nach einer weiteren durchzechten Nacht damit droht, auszuziehen, sucht er Rat bei einem guten Freund. Dieser drängt ihn dazu, eine Beratungsstelle zu besuchen.

Verzweifelte Frau alleine vor Weinglas Alkohol zu trinken, ist gesellschaftlich akzeptiert und Alkohol ist fast überall verfügbar. Viele Menschen pflegen viele Jahre lang einen alkoholnahen Lebensstil, bevor sie überhaupt nicht mehr ohne eine bestimmte Dosis an Bier, Wein oder Spirituosen funktionieren können. Auch wenn andere psychotrope Substanzen wie Heroin oder Opioide sehr viel schneller abhängig machen, ist regelmäßiger Alkoholkonsum gefährlich und kann in die Abhängigkeit führen, aus der viele nicht mehr herausfinden.

Eine Abhängigkeit erkennt man laut ICD-10, dem internationalen Klassifikationssystem von Krankheiten daran, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sind:

  • an dem starken Verlangen, Alkohol zu sich zu nehmen. Man spricht dabei auch von Suchtdruck.
  • Wann er mit dem Trinken beginnt und wieder aufhört, kann der Betroffene nur noch vermindert kontrollieren, genauso wenig die Menge, die er trinkt.
  • Es muss immer mehr Alkohol getrunken werden, um die gleiche Wirkung erleben zu können. Das nennt man Toleranzentwicklung, weil Körper und Psyche sich immer mehr an die Substanz gewöhnen und dementsprechend die Dosis erhöht werden muss.
  • Körperliche Entzugserscheinungen treten auf, wenn gar kein Alkohol oder weniger Alkohol als sonst getrunken wird.
  • Einengung auf den Konsum von Alkohol, das heißt, der Betroffene vernachlässigt zugunsten der Substanzaufnahme andere Beschäftigungen oder gibt diese ganz auf Das können angenehme Beschäftigungen, zum Beispiel Hobbys, aber auch Verpflichtungen sein.
  • Anhaltender Substanzkonsum trotz schädlicher Folgen: Obwohl der Betroffene bereits unter körperlichen oder psychischen Schäden wie Leberschädigung oder depressiven Verstimmungen leidet, trinkt er weiter.

Schädlichen Gebrauch und Abhängigkeit erkennen

An den heftigen Entzugserscheinungen wie Zittern oder starkem Schwitzen, die auftreten, wenn beispielsweise wegen eines Krankenhausaufenthalts nichts getrunken werden kann, erkennt die Umwelt des Betroffenen meist das erste Mal die Abhängigkeit. Denn wer betroffen ist, der macht sich selbst, aber auch der Familie, den Kollegen und Ärzten und Therapeuten sehr viel vor.

Entzugserscheinungen, die beim Verzicht auf Alkohol auftreten, sind außerdem Übelkeit, Nervosität, Schlafstörungen und vor allem das starke Verlangen, wieder Alkohol zu trinken.

In schweren Fällen können auch Halluzinationen, Krampfanfälle oder ein Delir auftreten. Charakteristisch für ein Delir sind Verwirrtheit und fehlende Orientierung, starke Erregung und Kreislaufstörungen. Ein Delir ist ein psychiatrischer Notfall und muss sofort behandelt werden.

Ein schädlicher Gebrauch, also Missbrauch geht der Abhängigkeit voraus. Nach dem ICD-10 müssen dafür mindestens einen Monat lang oder wiederholt in den vergangenen zwölf Monaten körperliche oder psychische Schäden durch den Alkoholkonsum auftreten. Das können zum Beispiel eine gestörte Urteilsfähigkeit oder Störungen des normalen Verhaltens sein. Die Probleme können zu Einschränkungen der beruflichen Funktionsfähigkeit und zu Störungen der zwischenmenschlichen Beziehungen führen.

Schwere Folgeerkrankungen

Wenn über lange Zeit und in großen Mengen Alkohol getrunken wird, kann es zu einer Reihe von Folgeerkrankungen kommen. Sehr häufig treten Erkrankungen der Leber auf, die sich zunächst vergrößert (Fettleber) und später chronisch geschädigt ist (Leberzirrhose). Außerdem kann es zu Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Schädigungen der Skelett- und Herzmuskulatur, Störungen im Herz-Kreislaufsystem und Schädigungen der Magen- und Darmschleimhaut kommen.

Durch einen chronisch erhöhten Alkoholkonsum werden auch Nervenzellen im Gehirn und die Nerven des Körpers geschädigt. Dadurch kommt es mit der Zeit zu Problemen der Aufmerksamkeit und der Konzentrationsfähigkeit, das Lernen fällt schwer und die Gedächtnisfähigkeit ist gestört. Eine andere Folge der Nervenschädigung ist die Polyneuropathie, bei der Empfindungsstörungen, Kribbeln und später Bewegungseinschränkungen der Beine auftreten.

Die schwerste, oft tödlich verlaufende Folgeerkrankung ist die Wernicke-Enzephalopathie, die Betroffenen leiden unter Augensymptomen, Gang- und Bewusstseinsstörungen. Außerdem können Herzrasen, Atembeschwerden und auch ein plötzlicher Blutdruckabfall auftreten. Weil die Ursache unter anderem in einem Vitamin-B1-Mangel besteht, wird den Betroffenen dieses Vitamin sofort und hochdosiert injiziert. Selbst wenn der Patient überlebt, leidet er als Folge davon meist dauerhaft an einem Korsakow-Syndrom. Die Betroffenen sind zwar bewusstseinsklar, sie sind aber desorientiert zu Zeit und Ort. Sie leiden unter schweren Gedächtnisstörungen und füllen ihre Gedächtnislücken mit Konfabulationen, ohne dass es ihnen bewusst wäre. In der Medizin spricht man von Konfubalution, wenn jemand Informationen oder Begebenheiten frei erfindet, ohne dass sie einen Bezug zur Realität haben. 

Psychische Störungen im Kontext von Alkohol

Typisch für eine Alkoholproblematik ist auch, dass sie häufig zusammen mit anderen psychischen Störungen auftritt. Am häufigsten kommen dabei depressive Störungen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, meist vom Borderline-Typ und Medikamentenmissbrauch vor.

Viele dieser Störungen können eine Folge des Alkoholproblems sein, sie können allerdings auch schon vorher bestanden und möglicherweise das problematische Trinken ausgelöst haben.

Teufelskreis aus Entzug und Wiedertrinken

Schafft es Andreas K. nicht, seinen Lebensstil zu ändern, dann wird Alkohol sein Leben so weit bestimmen, dass alles andere nachgeordnet ist. Dann wird es ihm wahrscheinlich so gehen wie Hubert E., der in einem Teufelskreis aus Trinken, Entzug und Wiederanfangen gefangen ist und eine große Motivation aufbringen muss, um wirklich frei von dieser Abhängigkeit werden zu können.

Hubert E. (56 Jahre) kommt bereits zum dritten Mal zum Entzug in die Suchtstation einer Psychiatrischen Klinik. Er berichtet, dass er es ein dreiviertel Jahr lang geschafft habe, abstinent zu bleiben. Weil er sich einsam gefühlt habe, fing er an, ab und zu abends „ein Gläschen“ zu trinken. Dies sei einige Monate lang gut gegangen, ohne dass es zu einem Rückfall mit unkontrolliertem Trinken gekommen sei.

Mann mit glasigen Augen und Weinflasche

Als sein Vermieter ihm jedoch mit Kündigung drohte, weil er die letzten zwei Monatsmieten nicht bezahlt hätte, habe Hubert E. sich dabei „erwischt“, dass er eine Flasche Whiskey gekauft und sie allein zuhause getrunken habe. Von diesem Zeitpunkt an sei sein Trinkverhalten zunehmend außer Kontrolle geraten.

Aus der Vorgeschichte des Patienten geht hervor, dass er über Jahre die Gewohnheit hatte, abends „zum Entspannen“ ein bis zwei Bier zu trinken. Im Alter von 47 Jahren wurde der Handwerksmeister überraschend in eine Position versetzt, in der er sich unterfordert und herabgesetzt fühlte.

Damals habe aus seiner Sicht das Alkoholproblem begonnen: Er habe abends und an den Wochenenden immer mehr getrunken und schließlich auch während der Arbeit immer wieder heimlich zum Bier gegriffen. Seine Ehe habe darunter stark gelitten. Seine Frau sei aber auch immer wieder für ihn eingesprungen, habe ihn zum Beispiel spät in der Nacht abgeholt, wenn er betrunken gewesen sei, oder ihn beim Arbeitgeber entschuldigt.

Schließlich sei der heimliche Alkoholkonsum auch seinen Kollegen und seinem Chef aufgefallen. Nach einem Gespräch beim Betriebspsychologen habe er eingesehen, dass es so nicht weitergehen könne. So sei es zu seiner ersten stationären Entzugsbehandlung gekommen.

Hubert E. berichtet, dass er sehr motiviert gewesen sei, von nun an abstinent zu leben. Auslöser für Rückfälle seien aber immer Probleme gewesen, bei denen Herr E. sich „klein“ gefühlt habe und keine Lösung gesehen habe.

Irgendwann habe es seiner Frau gereicht und sie sei aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Seitdem sei alles bergab gegangen: Er habe immer exzessiver getrunken, sein Arbeitgeber habe ihm nach mehreren Abmahnungen schließlich gekündigt. Nun habe ihn sein Hausarzt überzeugt, es mit einem erneuten stationären Entzug zu versuchen.