Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit (Seite 2/7)

Alkoholmissbrauch und Alkoholsucht

Alkoholbedingte psychische Störungen

Bei den psychischen Störungen, die durch einen überhöhten Alkoholkonsum zustande kommen, unterscheidet man zwischen Alkoholmissbrauch (schädlichem Gebrauch von Alkohol) und Alkoholsucht  oder -abhängigkeit.

Was versteht man unter „Alkoholmissbrauch“?

Missbrauch und Abhängigkeit von Alkohol: Wenn der Alkoholkonsum zu ausgeprägtem Leiden oder Beeinträchtigungen führtUm von einem schädlichen Gebrauch von Alkohol zu sprechen, müssen nach dem „internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten“ (ICD-10) mindestens einen Monat lang (oder wiederholt in den letzten zwölf Monaten) körperliche oder psychische Schäden durch den Alkoholkonsum auftreten. Das können zum Beispiel eine gestörte Urteilsfähigkeit oder Störungen des normalen Verhaltens sein. Die Probleme können zu Einschränkungen der beruflichen Funktionsfähigkeit und zu Störungen der zwischenmenschlichen Beziehungen führen. 

Nach dem „Diagnostischen und Statistischen Manual für mentale Erkrankungen“ (DSM-IV-TR) spricht man von einem Alkoholmissbrauch, wenn der Alkoholkonsum zu ausgeprägtem Leiden oder Beeinträchtigungen führt. Dabei muss mindestens eine der folgenden Auswirkungen vorhanden sein:

  • Vernachlässigung von Verpflichtungen (zum Beispiel in der Schule oder bei der Arbeit)
  • körperlichen Gefährdungen (zum Beispiel eine riskante Fahrweise)
  • zwischenmenschliche Probleme
  • wiederholte Probleme mit dem Gesetz

Herr S.  ist 34 Jahre alt und steht eigentlich mitten im Leben. Er hat einen guten Job bei einer großen Automobil-Firma, ist verheiratet und hat drei Kinder. Nach der Arbeit trifft er sich ein bis zwei Mal in der Woche mit „alten Kumpels“ in einer Kneipe zum Kartenspielen. Am Wochenende fährt die Clique ab und zu ins Fußballstadium, um die Spiele „ihrer“ Mannschaft anzuschauen. Bei diesen Gelegenheiten wird von allen Beteiligten gern und ausgiebig Bier getrunken. Herr S. empfindet die Treffen als ausgelassen und als willkommene Abwechslung von den Verpflichtungen in Arbeit und Familie. Seit einiger Zeit hat Herr S. zunehmend Schwierigkeiten in seiner Ehe. Wenn er abends von der Arbeit nach Hause kommt, gibt es oft Streit. Auch die Kinder (zwei und fünf Jahre alt) sind in seinen Augen oft aufmüpfig und anstrengend. Immer öfter verabredet Herr S. sich nun mit Freunden in der Kneipe, um dem „Stress“ zuhause aus dem Weg zu gehen. Dabei fühlt er sich meist erst richtig wohl, wenn er zwei bis drei Bier getrunken hat. An den Wochenenden kommt es nun immer wieder vor, dass Herr S. „über die Stränge schlägt“ und bis drei oder vier Uhr nachts von einer Kneipe zur nächsten zieht. Am nächsten Tag ist er oft verkatert, „reißt“ sich aber bei den Aktivitäten der Familie „zusammen“. Seine Frau hat ihm schon öfters vorgeworfen, zu wenig Zeit mit der Familie zu verbringen und sich nicht genügend um die Kinder zu kümmern.

Herrn S. fällt mit der Zeit selbst auf, dass sein Alkoholkonsum „etwas aus den Fugen“ geraten ist. Er beobachtet immer öfter, dass er nach der Arbeit und an den Wochenenden den starken Wunsch verspürt, Alkohol zu trinken, und es ihm schwerfällt, darauf zu verzichten. Als seine Frau ihm nach einer weiteren durchzechten Nacht damit droht, auszuziehen, sucht er Rat bei einem guten Freund. Dieser rät ihm, eine Beratungsstelle zu besuchen.

Was versteht man unter „Alkoholabhängigkeit“?

Eine Alkoholabhängigkeit oder Alkoholsucht wird in den beiden Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM sehr ähnlich definiert. Demnach muss mindestens einen Monat lang (oder wiederholt in den letzten zwölf Monaten)  ein problematisches Trinkverhalten bestanden haben, das zu ausgeprägtem Leiden oder Beeinträchtigungen führt. Nach ICD-10 müssen mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sein:

  • starkes Verlangen, Alkohol zu trinken
  • verminderte Kontrolle darüber, wann man mit dem Trinken beginnt und wieder aufhört und verminderte Kontrolle über die Menge, die man trinkt
  • Toleranzentwicklung – das heißt, es muss immer mehr Alkohol getrunken werden, um die gleiche Wirkung zu erzielen
  • körperliche Entzugserscheinungen, wenn kein Alkohol oder weniger Alkohol als sonst getrunken wird
  • Einengung auf den Konsum von Alkohol – das heißt, der Betroffene vernachlässigt andere Beschäftigungen oder gibt diese ganz auf. Dies können angenehme Beschäftigungen (zum Beispiel Hobbies), aber auch Verpflichtungen sein.
  • Weitertrinken trotz schädlicher Folgen

Entzugserscheinungen, die beim Verzicht auf Alkohol auftreten, sind Übelkeit, Nervosität, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Zittern, starkes Schwitzen und das starke Verlangen, wieder Alkohol zu trinken. In seltenen, schweren Fällen können auch Halluzinationen, Krampfanfälle oder ein Delir auftreten. Charakteristisch für ein Delir sind Verwirrtheit und fehlende Orientierung, starke Erregung und Kreislaufstörungen.

Herr E. (56 Jahre) kommt bereits zum dritten Mal zum Entzug in die Suchtstation einer Psychiatrischen Klinik. Er berichtet, dass er es ein dreiviertel Jahr lang geschafft habe, abstinent zu bleiben. Weil er sich einsam gefühlt habe, habe er aber angefangen, hin und wieder am Abend „ein Gläschen“ zu trinken. Dies sei einige Monate lang gut gegangen, ohne dass es zu einem Rückfall mit unkontrolliertem Trinken gekommen sei. Als sein Vermieter ihm jedoch mit Kündigung drohte, weil er die letzten zwei Monatsmieten nicht bezahlt habe, habe Herr E. sich dabei „erwischt“, dass er eine Flasche Whiskey gekauft und sie allein zuhause getrunken habe. Ab da sei sein Trinkverhalten zunehmend außer Kontrolle geraten.

Symptome wie starkes Verlangen nach Alkohol, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, Einengung des Alltags auf Alkoholkonsum, Weitertrinken und Toleranzentwicklung und weisen auf Alkoholabhaengigkeit hinAus der Vorgeschichte des Patienten geht hervor, dass er über Jahre die Gewohnheit hatte, abends „zum Entspannen“ ein bis zwei Bier zu trinken. Im Alter von 47 Jahren wurde der Handwerksmeister überraschend in eine Position versetzt, in der er sich unterfordert und  herabgesetzt fühlte. Damals habe aus seiner Sicht das Alkoholproblem begonnen: Er habe abends und an den Wochenenden immer mehr getrunken und schließlich auch während der Arbeit immer wieder heimlich zum Bier gegriffen.

Seine Ehe habe darunter stark gelitten. Andererseits sei seine Frau auch immer wieder für ihn eingesprungen, habe ihn zum Beispiel spät in der Nacht abgeholt, wenn er betrunken gewesen sei, oder ihn beim Arbeitgeber entschuldigt. Schließlich sei der heimliche Alkoholkonsum auch seinen Kollegen und seinem Chef aufgefallen. Nach einem Gespräch beim Betriebspsychologen habe er eingesehen, dass es so nicht weitergehen könne. So sei es zu seiner ersten stationären Entzugsbehandlung gekommen.

Herr E. berichtet, dass er sehr motiviert gewesen sei, von nun an abstinent zu leben. Auslöser für Rückfälle seien aber immer Probleme gewesen, bei denen Herr E. sich „klein“ gefühlt habe und keine Lösung gesehen habe. Irgendwann habe es seiner Frau gereicht und sie sei aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Von da an sei alles bergab gegangen: Er habe immer exzessiver getrunken, sein Arbeitgeber habe ihm nach mehreren Abmahnungen schließlich gekündigt. Nun habe ihn sein Hausarzt überzeugt, es mit einem erneuten stationären Entzug zu versuchen.

Wie häufig sind Alkoholmissbrauch und Alkoholsucht?

Alkoholmissbrauch und -sucht sind häufige Probleme. In Europa und in den USA erfüllen etwa zehn bis zwanzig Prozent der Männer und fünf bis zehn Prozent der Frauen zumindest einmal in ihrem Leben die Kriterien für eine Alkoholabhängigkeit.

In Deutschland haben etwa 9,5 Millionen Menschen einen riskanten – also gesundheitsgefährdenden – Alkoholkonsum. 1,3 bis 2,5 Millionen sind alkoholabhängig. Dabei sind etwa 70 Prozent der Alkoholabhängigen Männer und etwa 30 Prozent Frauen. Genaue Zahlen sind schwierig zu erhalten. Das liegt daran, dass (auch ein relativ hoher) Alkoholkonsum gesellschaftlich akzeptiert ist. Zudem leugnen viele Betroffene das Problem, und nach außen hin fällt ein problematischer Alkoholkonsum oft nicht sofort auf.

Das Risiko, dass sich ein problematisches Trinkverhalten entwickelt, ist in der Jugend und im frühen Erwachsenenalter (bis zum 25. Lebensjahr) am höchsten. Im Alter von 12 bis 16 Jahren trinken die meisten Jugendlichen zum ersten Mal Alkohol. Ihren ersten Alkoholrausch erleben die meisten im Alter von 15 bis 16 Jahren. In diesem Alter sammeln also viele Jugendliche erste Erfahrungen mit dem Alkohol. Dagegen trinkt die Gruppe der jungen Erwachsenen bis zum 25. Lebensjahr am häufigsten regelmäßig Alkohol. Anschließend nimmt der Alkoholkonsum dann häufig wieder ab.

Bei Männern entwickeln sich die problematischen Trinkgewohnheiten oft schon in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter – bei Frauen dagegen oft erst im mittleren Lebensalter. Dabei kann der Verlauf sehr unterschiedlich sein: Nicht jeder, der eine Zeit lang große Mengen Alkohol trinkt, muss einen Alkoholmissbrauch oder eine Abhängigkeit entwickeln. Ob dies der Fall ist, hängt von vielen Faktoren ab, die im Abschnitt „Ursachen und Erklärungsmodelle“ (siehe unten) näher erläutert werden. 

Typisch für eine Alkoholproblematik ist, dass sie häufig zusammen mit anderen psychischen Störungen auftritt. Am häufigsten kommen dabei Depressionen, Angststörungen, Borderline-Persönlichkeitsstörungen und Medikamentenmissbrauch vor. Diese können eine Folge des Alkoholproblems sein – sie können aber auch schon vorher bestanden und dann möglicherweise das problematische Trinken ausgelöst haben.

Welche gesundheitlichen Folgen hat ein jahrelanger überhöhter Alkoholkonsum?

Wenn über lange Zeit und in großen Mengen Alkohol getrunken wird, kann es zu einer Reihe von Folgeerkrankungen kommen. Sehr häufig treten Erkrankungen der Leber auf, die sich zunächst vergrößert (Fettleber) und später chronisch geschädigt ist (Leberzirrhose). Außerdem kann es zu Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Schädigungen der Skelett- und Herzmuskulatur, Störungen im Herz-Kreislaufsystem und Schädigungen der Magen- und Darmschleimhaut kommen.

Weiterhin werden durch einen chronisch erhöhten Alkoholkonsum auch Nervenzellen im Gehirn und die Nerven des Körpers geschädigt. Dadurch kommt es mit der Zeit zu Problemen bei Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit und vor allem beim Lernen und Gedächtnis. Bei schweren Schädigungen kann es zum so genannten Wernicke-Korsakoff-Syndrom kommen, bei dem schwere Gedächtnisstörungen auftreten. Eine andere Folge der Nervenschädigungen ist die Polyneuropathie, bei der Empfindungsstörungen, Kribbeln und später Bewegungseinschränkungen der Beine auftreten.