Die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (Seite 4/9)

Wie wird eine ADHS diagnostiziert?

Eine umfassende und sorgfältige Diagnostik ist besonders wichtig, um feststellen zu können, ob tatsächlich eine Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung besteht oder die problematischen Verhaltensweisen doch andere Ursachen haben könnten. Je genauer die so gewonnen Erkenntnisse sind, desto besser lassen sich daraus geeignete Behandlungsmaßnahmen ableiten. Folgende Diagnosemethoden können angewendet werden:

Gespräch mit dem Kinder- und Jugend-Psychiater oder -Psychotherapeuten

Im Gespräch mit den Eltern bzw. der ganzen Familie fragt der Behandler, welche Probleme und Symptome vorliegen, wann sie begonnen haben, wie stark sie sind, wie häufig und in welchen Situationen sie auftreten. Außerdem macht er sich ein Bild davon, welche Faktoren zur Entstehung der Symptome beigetragen haben (störungsspezifische Diagnostik).

Außerdem erfasst der Behandler die psychischen und sozialen Probleme, aber auch die Ressourcen in der Familie und Schule und überprüft, ob beim Kind weitere psychische Erkrankungen vorliegen. Darüber hinaus fragt er, was sich die Eltern bzw. das Kind oder der Jugendliche selbst von einer Therapie erwarten.

Verhaltensbeobachtung, Fragebögen und psychologische Tests

Um die Symptomatik genauer einschätzen zu können, beobachtet der Therapeut das Verhalten des Kindes in der Untersuchungssituation. Es können auch Verhaltensbeobachtungen in der Schule oder im Elternhaus stattfinden. Außerdem kann der Therapeut die Eltern oder Lehrer bitten, die Symptomatik des Kindes mit Fragebögen zu beurteilen. Ältere Kinder und Jugendliche können ihre Probleme auch selbst mithilfe eines Fragebogens einschätzen.

Schließlich werden oft verschiedene Tests – zum Beispiel zur Messung der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses oder der Intelligenz – durchgeführt, um den Entwicklungsstand des Kindes und seine geistige Leistungsfähigkeit zu beurteilen.

Einbeziehung der Lehrer oder Erzieher

Ergänzend spricht der Therapeut mit Einverständnis der Eltern oft mit den Lehrern oder Erziehern des Kindes und informiert sich darüber, wie häufig, wie stark und in welchen Situationen die Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität auftreten. So kann er sich ein umfassendes Bild der Symptomatik machen.

Körperliche und entwicklungsneurologische Untersuchung

Diese Untersuchungen werden durchgeführt, wenn der Verdacht besteht, dass die Symptomatik auf eine andere psychische, körperliche oder neurologische Störung zurückzuführen sein könnte. Dies könnten zum Beispiel einer spezifische Lernstörung oder eine frühkindliche Hirnfunktionsstörung sein. Bei der körperlichen Untersuchung wird geprüft, ob eine körperliche Störung die Symptome der ADHS erklären könnte. Die entwicklungsneurologische Untersuchung überprüft, ob typische Fähigkeiten wie Sprache, Bewegungsfähigkeit (Motorik) oder Lernfähigkeit altersgemäß entwickelt sind.

Wie sieht der typische Verlauf einer ADHS aus?

Typisch für eine ADHS ist, dass sich die Symptome im Lauf der Kindheit und Jugend verändern. Kinder, bei denen später eine ADHS diagnostiziert wird, haben oft schon im Säuglings- und Kleinkindalter ein hohes Aktivitätsniveau und sind leicht irritierbar. Im Vorschulalter zeigen die Kinder oft eine ausgeprägte und ziellose Aktivität und wechseln häufig zwischen verschiedenen Aktivitäten.

Junge mit Kopfhörern am Schreibtisch, der die Arme zur Musik bewegt

Zum Teil fallen sie auch durch aufsässiges oder störendes Verhalten auf. Im Schulalter werden dann vor allem Unruhe und leichte Ablenkbarkeit im Unterricht, aber auch Lernschwächen, aggressives Verhalten und ein geringes Selbstwertgefühl beobachtet. Im Jugendalter nimmt die körperliche Unruhe häufig ab, während die Probleme bei der Aufmerksamkeit und die Impulsivität weiter bestehen bleiben.

Bei Erwachsenen stehen dann oft die Aufmerksamkeitsprobleme im Vordergrund. Etwa zwei Drittel der Betroffenen haben als Erwachsene keine ausgeprägten psychischen Probleme mehr. Viele haben normale soziale Beziehungen, können eine Ausbildung machen und in einem Beruf tätig sein. Sie haben jedoch weiterhin leichte, zum Teil auch deutlicher ausgeprägte Symptome einer ADHS wie Konzentrationsprobleme oder Schwierigkeiten, Arbeiten fertig zu stellen. Dadurch leiden einige unter mehr emotionalen und sozialen Problemen als andere Erwachsene. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen sind die Symptome auch als Erwachsene noch ausgeprägt vorhanden. In einigen Fällen geht die Symptomatik im Lauf der Zeit auch in andere psychische Störungen über – etwa in einen Missbrauch von Alkohol, Drogen oder Medikamenten.

Aus den Symptomen in der Kindheit lässt sich jedoch kaum vorhersagen, wie sich die ADHS im Jugend- und Erwachsenenalter entwickeln wird.

Welche anderen Störungen können gleichzeitig mit einer ADHS auftreten?

Bis zu 80 Prozent der Kinder mit einer ADHS haben weitere psychische Probleme. Am häufigsten kommt eine Störung des Sozialverhaltens vor – das heißt, die Kinder verhalten sich über längere Zeit und in unterschiedlichen Situationen aggressiv und aufsässig und missachten häufig soziale Regeln. Gleichzeitig mit einer ADHS können auch Angststörungen, depressive Störungen, Somatisierungsstörungen (körperliche Symptome, die psychischen Ursachen haben), umschriebene Entwicklungsstörungen (etwa Probleme bei der Entwicklung der Sprache oder der motorischen Geschicklichkeit) und Tic-Störungen auftreten.

Welche Störungen ähneln einer ADHS und müssen diagnostisch abgegrenzt werden (Differentialdiagnostik)?

Bei manchen Kindern mit einer geminderten Intelligenz treten Symptome auf, die einer ADHS ähneln. Um hier die Diagnose ADHS zu stellen, müssen die Symptome deutlich stärker ausgeprägt sein als das sonst bei Kindern mit verminderter Intelligenz der Fall ist. Weiterhin können bei bestimmten körperlichen Störungen oder bei Einnahme bestimmter Drogen oder Medikamente Symptome auftreten, die einer ADHS ähneln können – zum Beispiel Unruhe und Konzentrationsstörungen.