Die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (Seite 6/9)

Wie sieht die ADHS-Therapie aus?

Mithilfe der Therapie gelingt es den betroffenen Kindern und Jugendlichen oft, in der Schule besser mitzuarbeiten und ihre Schulleistungen verbessern. Gleichzeitig können sie häufig auch ihre sozialen Fähigkeiten verbessern und bessere Kontakte zu ihren Mitschülern, ihren Eltern und anderen Menschen entwickeln. Für die Familienangehörigen, insbesondere die Eltern, ist die Therapie oft entlastend. Gleichzeitig fühlen sich viele Eltern durch die Psychoedukation und die Einbeziehung in die Therapie deutlich kompetenter im Umgang mit ihrem Kind.

Trotz Therapie kann es sein, dass die Betroffenen und ihre Familien längere Zeit Unterstützung brauchen – insbesondere in belastenden Situationen oder in „Umbruchsphasen“, zum Beispiel beim Schulwechsel oder zu Beginn einer Berufsausbildung. Deshalb wird die Behandlung immer wieder an die aktuelle Situation der Betroffenen angepasst.

Die meisten Kinder und Jugendlichen mit ADHS benötigen im Lauf der Zeit immer weniger professionelle Unterstützung.

Bei der Therapie einer ADHS werden in der Regel verschiedene Maßnahmen miteinander kombiniert (multimodale Therapie), damit sich die Symptomatik möglichst umfassend und dauerhaft bessert. Meist kommen dabei zum Einsatz:

  • Psychotherapie
  • psychosoziale und pädagogische Maßnahmen
  • wenn notwendig auch eine medikamentöse Behandlung.

Kinder mit ADHS sollten zunächst eine Psychotherapie und andere psychosoziale Maßnahmen erhalten und nicht mehr als erstes mit einem Medikament behandelt werden dürfen. Dies sieht eine Richtlinie des gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte, Psychotherapeuten und Krankenkassen aus dem Jahr 2010 vor.

Erst wenn Psychotherapie und andere psychosoziale Maßnahmen – nach etwa einem halben Jahr – zu keiner ausreichenden Besserung führen, wird eine zusätzliche Behandlung mit Medikamenten als sinnvoll angesehen. Eine alleinige Behandlung der ADHS mit Medikamenten gilt in keinem Fall als sinnvoll.

Weiterhin sollte das Ziel der Therapie sein, die Medikamente mit der Zeit immer niedriger zu dosieren und schließlich wenn möglich ganz weglassen zu können.

Psychoedukation und Elternberatung

Bei der Psychoedukation erhalten die Eltern ausführliche Informationen über das Störungsbild der ADHS und werden über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten und einen günstigen Umgang mit ihrem Kind beraten.

So wird ihnen vermittelt, wie sie eine positive Beziehung zu ihrem Kind aufbauen können. Zudem lernen die Eltern, wie wichtig es ist, ihr Kind oft und auch für kleine Fortschritte zu loben, aber auch, auf problematisches Verhalten konsequent zu reagieren, ohne dabei wütend zu werden oder starken Druck auszuüben. Weiterhin erfahren sie, wie wichtig feste Regeln und Abläufe (zum Beispiel feste Zeiten für Essen oder Hausaufgaben) für ihr Kind sind, weil sie den Alltag überschaubarer machen und eine Überforderung durch zu viele Reize verhindern.

Der Umgang mit einem Kind mit ADHS ist oft schwierig, so dass viele Eltern Ärger, Irritation oder Unsicherheit erleben. Deshalb wird ihnen oft eine langfristige Möglichkeit zur Beratung angeboten. Hier können sie Entlastung erfahren und bekommen gleichzeitig konkrete Hilfestellungen bei Erziehungsfragen oder aktuell schwierigen Situationen.

Psychotherapie

Am Anfang der Therapie wird ein individueller Behandlungsplan erstellt, der auf die Probleme und Bedürfnisse des Kindes oder Jugendlichen abgestimmt ist.

Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze

Meist werden in der Therapie Maßnahmen der kognitiven Verhaltenstherapie eingesetzt. Sie sollen dazu beitragen, die Konzentrations- und Lernfähigkeit des Kindes zu verbessern, seine Impulsivität und Hyperaktivität zu kontrollieren und seine soziale Kompetenz zu verbessern.

Oft werden so genannte Kontingenz- oder Verstärkerprogramme verwendet, bei denen die Kinder für das angestrebte Verhalten systematisch belohnt werden. So können Konzentrationsfähigkeit, ruhiges Verhalten oder aufgabenbezogenes Arbeiten Schritt für Schritt gefördert werden.

Außerdem werden gemeinsam mit dem Kind feste Regeln aufgestellt und für den Fall, dass die Regeln nicht eingehalten werden, Konsequenzen festgelegt. Um ungünstiges Verhalten (zum Beispiel Dazwischenreden, aggressives Verhalten) zu verringern, werden angemessene negative Konsequenzen besprochen – zum Beispiel werden dann Belohnungen entzogen. Damit das neue Verhalten auf Dauer beibehalten wird, sollten die Eltern darauf achten, die besprochenen Konsequenzen wirklich einzuhalten.

Auch in einem Selbstinstruktions- und Selbstmanagementtraining lernen die Kinder, ihr impulsives Denken und Handeln zu kontrollieren, ungünstiges Verhalten zu erkennen und zu korrigieren und Aufgaben überlegter und Schritt für Schritt zu lösen.

Feste Routinen im Alltag und feste Regeln sollen den Kindern helfen, mit der Flut an Reizen besser zurechtzukommen. Weiterhin kann Sport ein gutes Mittel sein, um den hohen Aktivitätsdrang auszuleben und Aggressionen abzubauen.

Familientherapeutische Ansätze

Darüber hinaus ist es bei der Behandlung einer ADHS wichtig, die ganze Familie in die Therapie einzubeziehen. Neben den Einzelterminen mit dem Kind oder Jugendlichen finden deshalb auch Therapiegespräche mit der ganzen Familie statt. Hier geht es zum Beispiel um typische Probleme und Konflikte in der Familie, die mit der ADHS zusammenhängen.

In der Therapie lernen die Familienmitglieder, die Sichtweise der anderen besser zu verstehen und günstiger miteinander kommunizieren – zum Beispiel, eigene Wünsche und Bedürfnisse angemessen auszudrücken. Zugleich wird ihnen vermittelt, wie sie besser mit den Problemsituationen, die mit der ADHS zusammenhängen, umgehen können und wie sie Probleme auf konstruktivere Weise lösen können.

Einbeziehung der Lehrer und Erzieher

Oft werden mit Einverständnis der Eltern auch die Lehrer oder Erzieher in die Therapie einbezogen. Dabei bespricht der Therapeut mit den Lehrern, welche Maßnahmen hilfreich sein könnten. Er berät sie darüber, wie sie den Unterricht für das Kind ansprechend gestalten können, um so die Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität zu verringern. Dazu gehört zum Beispiel, die Schüler aktiv in den Unterricht einzubeziehen, den Unterricht stimulierend zu gestalten und ausreichend Bewegung und aktive Aufgaben in den Unterricht einzuplanen. Außerdem sollten die Lehrer Regeln zum Umgang mit störendem Verhalten im Unterricht festlegen.

Ergänzend können auch die Lehrer so genannte Verstärkersysteme (Token-Systeme) einsetzen, bei denen die Kinder für erwünschtes Verhalten Punkte erhalten, die sie später gegen eine Belohnung eintauschen können. Bei unerwünschtem Verhalten werden dagegen Punkte abgezogen. Das Token-System soll dazu beitragen, angemessenes Verhalten zu fördern und auffälliges Verhalten wie Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität zu verringern.

Weitere Therapiemaßnahmen bei ADHS: EEG-Biofeedback (Neurofeedback) und Ernährung

Einige Studien deuten darauf hin, dass EEG-Biofeedback bei ADHS hilfreich sein kann. Hier lernen die Betroffenen, mithilfe von Elektroden, die an der Kopfhaut befestigt sind, ihre Gehirnaktivität gezielt zu steuern. Auf diese Weise lassen sich zum Beispiel Aufmerksamkeit oder die Kontrolle von Impulsen trainieren. EEG-Biofeedback wird bei ADHS inzwischen häufiger eingesetzt – oft auch, bevor eine Medikation verschrieben wird. Eine wichtige Voraussetzung dabei ist, dass das Kind motiviert ist, die Behandlung durchzuführen. Es sind jedoch weitere Studien notwendig, um herauszufinden, wie wirksam die Methode tatsächlich ist und bei welchen Kindern oder Jugendlichen sie hilfreich ist.

Bestimme Ernährungsformen und andere alternative Maßnahmen

Bisher gibt es keine ausreichenden Belege dafür, dass spezielle Diäten, Nahrungsergänzungsmittel wie Omega-3- oder Omega-6-Fettsäuren oder Vitamine die Symptomatik der ADHS bessern können. Auch bei anderen alternativen Methoden wie homöopathische Arzneimitteln oder Ergotherapie gibt es keine ausreichenden Hinweise darauf, dass sie die Symptome der ADHS bessern können.