Das "Wer - Wie - Was" der Psychotherapie

Übersichtliche Informationen zu Psychotherapeut - Psychologe - Psychoanalytiker - Psychiater - Heilpraktiker

18.06.2013Von Dr. Christine Amrhein und Fritz Propach

Viele, die sich auf die Suche nach einem Therapeuten oder Therapieplatz begeben, stellen schnell fest, dass sich diese gar nicht so einfach gestaltet. Zu den offenen Fragen, was in einer Therapie passiert, wer diese bezahlt, etc. , gesellt sich eine Vielzahl von verwirrenden Begriffen und Berufsbezeichnungen wie "Psychologischer Psychotherapeut", "Facharzt für Psychiatrie", "Heilpraktiker für Psychotherapie" deren Träger zwar alle Psychotherapie anbieten, sich aber wesentlich voneinander unterscheiden.

Die folgenden häufig gestellten Fragen sollen zu einer ersten Klärung beitragen:

  1. Das "Wer - Wie - Was" der Psychotherapie
  2. Was ist Psychotherapie?
  3. Wer darf überhaupt Psychotherapie anbieten?
  4. Was bedeutet es, wenn auf dem Praxisschild "Psychotherapie" steht?
  5. Was genau ist ein „Psychotherapeut“?
  6. Was ist ein Psychologe?
  7. Was ist ein Psychoanalytiker?
  8. Was ist ein Psychiater?
  9. Was ist ein Heilpraktiker für Psychotherapie?
  10. Welche Leistungen übernimmt die Krankenkasse?
  11. Welche Therapieverfahren gibt es?
  12. Ist ein „Psychotherapeut“ besser als ein Therapeut, der „nur“ die Zulassung nach dem Heilpraktikergesetz hat?
  13. Wann sollte ich zum Arzt und wann zum Psychologischen Psychotherapeuten gehen?

Was ist Psychotherapie?

In der wörtlichen Übersetzung bedeutet der Begriff Psychotherapie zweierlei. Zum einen meint er die Behandlung der Seele bzw. seelischer Probleme. Zum anderen ist damit eine Behandlung mit "seelischen" Mitteln gemeint, im Gegensatz zu beispielsweise medikamentöser Behandlung.

Das Psychotherapeutengesetz von 1999  definiert Psychotherapie als "Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist“. Beispiele für „Störungen mit Krankheitswert“ wären Angststörungen oder Depressionen. Eine offizielle Übersicht und Definition psychischer Störungen finden Sie in der ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten in der 10. Revision).

Bei anderen psychischen Problemen – zum Beispiel  Sinnkrisen, Beziehungs- oder Erziehungsproblemen, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz etc. – liegen in diesem Sinn keine Störungen mit Krankheitswert vor. Die Beratungs- und Therapieangebote für diese Probleme gelten laut Gesetz daher nicht als Psychotherapie, auch wenn häufig inhaltlich und methodisch Übereinstimmungen bestehen. Sofern beides vorliegt, z.B. Eheprobleme zusammen mit einer depressiven Verstimmung,  ist wiederum eine Psychotherapie angebracht.

Lesen Sie weiterführende Informationen zu Beratung vs. Psychotherapie.

Wer darf überhaupt Psychotherapie anbieten?

In verschiedenen europäischen Ländern ist unterschiedlich geregelt, wer Psychotherapie anbieten darf. In Deutschland haben folgende Gruppen die Erlaubnis psychotherapeutisch tätig zu werden:

  1. Psychologische Psychotherapeuten
  2. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
  3. Folgende Ärzte:
  4. Therapeuten mit Psychotherapie-Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz:

Diese Gruppen unterscheiden sich in ihrem Ausbildungsweg, ihren Spezialisierungen und rechtlichen Voraussetzungen erheblich. Über die Links finden Sie jeweils ausführliche Informationen.

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Was bedeutet es, wenn auf dem Praxisschild "Psychotherapie" steht?

Wenig. Im Gegensatz zur Bezeichnung "Psychotherapeut" ist der Begriff "Psychotherapie" nicht gesetzlich geschützt. Er besagt zunächst lediglich, dass hier Maßnahmen angeboten werden, die die Symptome und Beschwerden einer psychischen Erkrankung lindern sollen. Bei Ärzten ist die Bezeichnung allerdings für Personen reserviert, die eine entsprechende Zusatz-Weiterbildung in Psychotherapie gemacht haben. Außerdem wird die Bezeichnung häufig sowohl von Heilpraktikern für Psychotherapie als auch von Psychologischen Psychotherapeuten verwendet.

Was genau ist ein „Psychotherapeut“?

Wichtig: Die im allgemeinen Sprachgebrauch übliche Gleichsetzung von Tätigkeitsbeschreibung und Berufsbezeichnung (jemand, der etwas lehrt, ist ein Lehrer; jemand, der am Bau arbeitet, ein Bauarbeiter etc.), gilt nicht für den Bereich der Psychotherapie: Es dürfen zwar alle der vorgenannten Gruppen Psychotherapie anbieten, aber nicht alle dürfen sich Psychotherapeut nennen.

„Psychotherapeut“ ist ein gesetzlich geschützter Titel, der seit Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes von 1999 an eine mehrjährige, staatlich geregelte Weiterbildung gebunden ist. Ein Psychotherapeut hat wie ein Arzt die sog. Approbation als staatlich anerkannte Zulassung zur Ausübung der Heilkunde. Psychotherapeuten rechnen also über gesetzliche Krankenkassen ab.

Folgende Gruppen dürfen sich "Psychotherapeut" nennen:

  1. Psychologische Psychotherapeuten
  2. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
  3. Fachärzte, deren Ausbildung Psychotherapie umfasst
  4. Ärzte mit Zusatz-Weiterbildung in Psychotherapie

Was ist ein Psychologe?

Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben, Empfinden und Verhalten des Menschen. Psychologen haben an der Universität studiert und einen Diplom- bzw. einen Master- Abschluss erworben.

Viele Psychologen werden nach Ihrem Studium psychotherapeutisch tätig, entweder mit einer Heilerlaubnis nach Heilpraktikergesetz, oder, nach entsprechender Weiterbildung, als Psychologische Psychotherapeuten. Viele arbeiten jedoch in anderen Berufsfeldern, z.B. als Schulpsychologen oder in Personalabteilungen in der Wirtschaft.

Die unter Laien häufig anzutreffende Gleichsetzung "Psychologe = Psychotherapeut" trifft also nicht zu.

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Was ist ein Psychoanalytiker?

Psychoanalytiker haben "Psychoanalyse" als Therapieverfahren erlernt. Die Psychoanalyse wurde als eines der ersten Therapieverfahren von Sigmund Freud begründet.

Bis heute ist das Bild, das die meisten Menschen von Psychotherapie haben, von einer klischeehaften Psychoanalyse geprägt, wie es vor allem in amerikanischen Filmen zumeist absurd-komisch dargestellt wird. Dieses Bild wird den verschiedenen tatsächlich angebotenen psychoanalytischen Therapien freilich nicht gerecht. Zudem ist die Gleichsetzung von (klischeehafter) Psychoanalyse und Psychotherapie ähnlich unzutreffend, wie die Gleichsetzung von Bayern in Lederhosen mit den Deutschen im Allgemeinen.

Besonderheiten der klassischen Psychoanalyse: Im Gegensatz zu anderen Therapieformen findet sie mehrmals die Woche statt und kann mehrere Jahre dauern. Der Patient liegt dabei auf der Couch, während sich Patient und Therapeut sonst zumeist gegenüber sitzen.

Lesen Sie hier ausführliche Informationen zur psychoanalytischen Therapie.

Was ist ein Psychiater?

Ein Psychiater hat eine Ausbildung zum "Facharzt für Psychiatrie". Psychiater kümmern sich in erster Linie um die körperliche Diagnostik und Behandlung psychisch kranker Patienten. Sie stellen zum Beispiel körperliche Ursachen einer psychischen Erkrankung fest und verordnen Medikamente. Psychiater bieten eher selten Psychotherapie an.

Was ist ein Heilpraktiker für Psychotherapie?

Ein Heilpraktiker, dessen Zulassung auf Psychotherapie eingeschränkt ist. Sie dürfen keine körperlichen Leiden behandeln, im Gegensatz zu "normalen" Heilpraktikern. Näheres finden Sie im Abschnitt Psychotherapie nach HPG.

Welche Leistungen übernimmt die Krankenkasse?

Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Behandlungskosten, sofern es sich um eine psychische Störung mit "Krankheitswert" handelt. Dazu gehören beispielweise Depressionen oder Angststörungen. Die Kosten einer Paartherapie und andere Leistungen, die laut Gesetz nicht unter die "Heilkunde" fallen, werden nicht übernommen.

Die Krankenkasse bezahlt die Kosten der folgenden Verfahren: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und analytische Psychotherapie. Weiterführende Informationen hierzu lesen Sie unter Was bezahlt die Krankenkasse?

Wenn nach angemessener Suchzeit kein kassenzugelassener Therapeut in Wohnortnähe gefunden werden kann, greift das sogenannte Kostenerstattungsverfahren. Dieses regelt die Kostenübernahme einer psychotherapeutischen Behandlung durch die GKV bei einem nicht-kassenzugelassenen Therapeuten. 

Sollte die Kostenübernahme einer Psychotherapie durch die „normale“ gesetzliche Krankenversicherung bei Ihnen nicht möglich sein, können Sie therapeutische Hilfe auch über eine Krankenzusatzversicherung oder als Selbstzahler in Anspruch nehmen. Welche Vor- und Nachteile diese Abrechnungsformen bieten, lesen Sie unter Selbstzahler und Zusatzversicherungen.

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Welche Therapieverfahren gibt es?

Die kassenfinanzierte Psychotherapie kennt drei Psychotherapie-Verfahren, die als „wissenschaftlich anerkannt“ und „wirtschaftlich“ eingestuft werden ("Richtlinien-Psychotherapie"): Dazu gehören im Moment die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die analytische Psychotherapie („Psychoanalyse“)

Zwar gelten auch die psychotherapeutischen Verfahren der Systemischen Therapie und der Gesprächstherapie für Erwachsene in Deutschland als wissenschaftlich anerkannt – allerdings sind sie bisher noch nicht als „erstattungsfähig“ eingestuft worden und können daher nicht mit den Gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet werden. Viele Private Krankenkassen übernehmen auch die Kosten dieser Verfahren.

Andere Länder erkennen oft deutlich mehr Therapieverfahren an, Österreich z.B. über 20 (näheres hierzu unter: Anerkannte Verfahren – Deutschland und andere Länder im Vergleich).

Wenn Sie die Behandlungskosten selbst übernehmen, bzw. teilweise auch bei Bezahlung durch eine private Krankenkasse, ist die Auswahl deutlich grösser. Das Spektrum reicht hier von weit verbreiteten, wissenschaftlich gut erforschten Therapien mit Dachverbänden und Ausbildungsinstituten und -standards bis hin zu esoterischen Nischenverfahren. Hier sollten Sie sich auf jeden Fall die Art und den Umfang der therapeutischen Qualifikation genau ansehen.

Ist ein „Psychotherapeut“ besser als ein Therapeut, der „nur“ die Zulassung nach dem Heilpraktikergesetz hat?

Nicht pauschal: Es gibt viele Therapeuten, die absichtlich nicht die Ausbildung zum Psychotherapeuten machen, weil sie sich nicht mit einem der drei derzeit anerkannten „Richtlinien-Psychotherapie-Verfahren“ identifizieren können. Häufig haben sie sich intensiv und lange in einem oder mehreren anderen Therapieverfahren ausgebildet, die Ihnen mehr zusagen. Dies können sehr gute Therapeuten sein.

Aber: Psychotherapeuten sind seit Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes 1999 immer gut ausgebildet, während es bei den Therapeuten mit Zulassung nach HPG sehr grosse Unterschiede in Art und Umfang der Ausbildung gibt.

Wann sollte ich zum Arzt und wann zum Psychologischen Psychotherapeuten gehen?

Möglicherweise leiden Sie unter psychischen Problemen, bei denen der Hausarzt Ihnen zu Medikamenten oder einer Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie rät. Oder Sie vermuten selbst, dass Psychopharmaka Ihnen helfen könnten. In diesem Fall sollten Sie Ihr Anliegen am besten mit einem Ärztlichen Psychotherapeuten besprechen. Dieser kann Ihnen Psychopharmaka verschreiben und Sie ggf. in eine psychotherapeutische Behandlung überweisen oder diese Behandlung selbst durchführen.

Psychologische Psychotherapeuten dürfen dagegen selbst keine Medikamente verschreiben. Sie werden ihren Patienten jedoch in der Regel einen Besuch beim Psychiater empfehlen, wenn sie zusätzlich zur Psychotherapie eine Behandlung mit Psychopharmaka für sinnvoll halten. In einem solchen Fall werden Psychologischer Psychotherapeut und Psychiater bei der Behandlung im Allgemeinen eng zusammenarbeiten.

Wenn diese Fragen keine Rolle spielen, können Sie nach Ihren persönlichen Vorlieben entscheiden, zu wem Sie gehen. Ärzte haben durch Ihre Ausbildung tendenziell eine biologisch-medizinische Sicht auf den Menschen, Psychologen eine psychologische Sicht. Für die Entscheidung, ob Ihnen ein Therapeut zusagt, sollten Sie auf Ausbildung, Erfahrung und Persönlichkeit des Therapeuten achten, und ob "die Chemie" zwischen ihnen stimmt.

Warum ist das alles so kompliziert?

Dazu wollen wir uns lieber nicht äußern. Wir hoffen aber, den Dschungel der Begriffe ein wenig gelichtet zu haben.