Wertvolle Tipps für die erfolgreiche Therapieplatzsuche (Seite 3/4)

In Europa bleiben viele psychisch Kranke unbehandelt

Hilfesuchende brauchen Ermutigung und konkreten Beistand

Die Ergebnisse der im Jahr 2005 vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden erhobenen weltweit größten und umfassendsten Bestandsaufnahme zur psychischen Gesundheit in Europa zeigen, dass für Europäer das Risiko, einmal im Jahr an einer psychischen Störung zu erkranken, bei 27% liegt. Das heißt, dass in Europa rund 83 Millionen oder in Deutschland etwa 20 Millionen Menschen pro Jahr von einer psychischen Störung betroffen sind.

Das Lebenszeitrisiko, irgendwann einmal an einer psychischen Störung zu erkranken, ist mit über 50% der Bevölkerung sogar noch wesentlich höher.

Diesem stehen Bedarf stehen in Deutschland derzeit etwa 27.000 kassenärztlich zugelassene Psychotherapeuten und knapp 70.000 Betten in Kliniken für Psychiatrie, Psychosomatik sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie gegenüber.

Hohes Erkrankungsrisiko bei psychischen Störung in Europa

Obwohl die Gesamtzahl der psychischen Störungen in Europa seit etwa zehn Jahren annähernd konstant geblieben ist, spielen psychische Erkrankungen eine wachsende Rolle bei Arbeitsunfähigkeit (1997-2004: +70%) und Frühberentung. Im Jahr 2004 lag in Deutschland der Anteil von Fehlzeiten aufgrund psychischer Störungen an den Arbeitsunfähigkeitstagen je nach Krankenkasse bei 6-13%. Damit lagen psychische Krankheiten auf den Rängen 3 bis 5. Es ist laut Experten damit zu rechnen, dass in den Industriestaaten Depressionen im Jahr 2020 die zweithäufigste Erkrankung sein werden.

Die neueste Studie zur Arbeitsunfähigkeit 2015 der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) basiert auf den Daten von fast 85 Prozent aller gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland und zeigt, dass im Jahr 2013 Arbeitnehmer nicht häufiger aufgrund psychischer Erkrankungen als im Vorjahr fehlten. Der durch psychische Erkrankungen verursachte Anteil an den betrieblichen Fehltagen, der seit 2000 kontinuierlich zugenommen hatte, ist also vorerst nicht weiter gestiegen (2013: 13,4 Prozent gegenüber 2012: 13,7 Prozent aller betrieblichen Fehltage).

Europaweit verursachen psychische Störungen jährlich in etwa 300 Milliarden Euro an direkten und indirekten Kosten für Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung, erhöhte Sterblichkeit sowie Behandlung. Das entspricht in etwa 3-4% des Bruttoinlandsprodukts (Bruttonationaleinkommens). Verursacht werden diese Kosten in erster Linie durch den Produktivitätsverlust. Die direkten Kosten für die Behandlung psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen betrugen laut Statistischem Bundesamt 2002 in Deutschland rund 22,4 Mrd. Euro. Das entsprach etwa 10% der deutschen Gesamtausgaben für Gesundheit.

Die meisten psychischen Störungen bleiben heute unerkannt und unbehandelt

Die meisten psychischen Störungen bleiben noch immer unerkannt und werden nicht behandelt. Obwohl eine große Zahl an Personen betroffen ist, obwohl aus deren Erkrankung hohe Kosten resultieren und obwohl mit einer adäquaten Therapie guten Erfolgsaussichten bestehen, existieren weder Ansätze zur Früherkennung noch ein offizielles Präventionsprogramm. Fände eine systematische Aufklärung der Bevölkerung statt, könnten  psychische Störungen frühzeitiger erkannt und schneller oder überhaupt angemessen behandelt werden.

Häufig vergehen jedoch viele Jahre, bis eine erste Behandlung begonnen wird: Etwa 50% der psychischen Störungen beginnen bereits in Kindheit und Jugend. Ohne eine rechtzeitige angemessene Behandlung werden sie oft chronisch und haben vielfältige negative Auswirkungen auf das soziale und berufliche Leben der Betroffenen. Studien haben ergeben, dass dies bei rund 40% psychisch erkrankter Personen in Europa der Fall ist.

Insgesamt erhalten in Europa nur etwa 25% aller Erkrankten überhaupt eine und noch weniger von ihnen eine angemessene Behandlung. Für Deutschland schwanken die Angaben zur Behandlungsquote von psychisch kranken Menschen je nach zugrundeliegender Studie zwischen 20 und 35%.

Ergreifen Sie selbst die Initiative - es lohnt sich

Warten Sie nicht, bis Ihnen das Gesundheitssystem hilft: Früherkennung, systematische Aufklärung und Prävention bei psychischen Störungen sind bisher noch unterentwickelt. Eine hohe Dunkelziffer bei psychischen Störungen ist die Folge. Daher haben Betroffene selbst eine größere Verantwortung für die Suche nach einer geeigneten psychotherapeutischen Behandlung.

Hilfesuchende sind dabei oft nahezu auf sich allein gestellt und ihre Suche ist aufgrund unübersichtlicher Angebote oft langwierig. So vergehen im Durchschnitt vom ersten Entschluss, eine Psychotherapie zu machen, bis zum tatsächlichen Beginn der Behandlung sieben Jahre.

Positive Auswirkungen durch Therapie

Eine bevölkerungsrepräsentative deutschlandweite Online-Befragung von Pro Psychotherapie e.V. zur Zufriedenheit mit der Psychotherapeutischen Versorgung aus dem September 2008 ergab, dass sich eine psychotherapeutische Behandlung positiv auswirkt: 75% der Befragten, die schon einmal in Therapie waren, sagten, dass ihnen die Psychotherapie auch geholfen habe. Auch folgende Untersuchungsergebnisse sprechen für einen positiven Einfluss einer Psychotherapie auf die seelische Gesundheit und für ein gesteigertes Wohlbefinden: 72% aller Befragten halten die "Seelische Gesundheit" für "sehr wichtig". Verfügen die Umfrageteilnehmer über Therapieerfahrung, steigt dieser Anteil auf 85%. Haben die Interviewten das Gefühl, die Psychotherapie habe ihnen „sehr geholfen“, wächst dieser Anteil sogar auf 92%.

Rund die Hälfte aller Befragten fühlte sich zum Befragungszeitpunkt belastet. "Sehr stark" belastet fühlten sich 7% der Untersuchungsteilnehmer. Bei Personen, denen die Therapie "sehr geholfen" hat, fällt der Anteil der "sehr stark" Belasteten um fast die Hälfte auf 4%. Spürten die Befragten allerdings keine Verbesserung ihrer Situation, stieg der Anteil derjenigen, die sich "sehr stark belastet" fühlten auf 18%. Alle Umfrageteilnehmer, die sich als "sehr belastet" einstuften, halten die "Seelische Gesundheit" für "sehr wichtig".

Bei denjenigen, die bereits eine Therapie begonnen oder durchgeführt hatten, steigt erwartungsgemäß der Anteil der Personen, die insgesamt keine seelische Belastung spürten, auf 58%. Der Grad der empfundenen Belastung steigt allerdings spürbar an, wenn die begonnene Suche nach einem Psychotherapeuten nicht zu einem Therapieplatz führt. 70% der Befragungsteilnehmer, deren Suchaktivitäten noch nicht zu einem Therapieplatz geführt hatten, fühlten sich belastet. 

Aller Schwierigkeiten und Hürden zum Trotz sind die Befragten, die bereits einmal eine Psychotherapie gemacht und sich noch oder wieder belastet fühlten, mit einem Anteil von 57% deutlich eher bereit, innerhalb der nächsten zwölf Monate wieder mit einer Therapie zu beginnen, als die belasteten Befragten ohne Therapieerfahrung (27%). Erfahrungen mit Psychotherapie reduzieren demnach die sonst häufig bestehenden Hemmungen gegenüber der Psychotherapie und helfen dabei, sich die eigene Hilfsbedürftigkeit einzugestehen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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